Manchen ist Geschlechtsverkehr schlicht zu umständlich.

Mit Japan bringt man zumindest popkulturell schon mal einiges in Verbindung. Crazy Essen, Sushi, Mangas und Animes erfreuen inzwischen die ganze Welt. Tokio ist eine Mega-City, die niemals schläft, wo Karaoke gesungen wird und immer was los ist. Außerdem haben Japaner echt wenig Urlaub, mögen alles ein wenig minimalistischer, und wenn man Marie Kondo Glauben schenken darf, erfreut Aufräumen ihre Landesgenossen sehr.

Was aber wohl die wenigsten mit Japan in Verbindung bringen ist Sexlosigkeit. Es scheint ein Symptom unserer Zeit zu sein. Denn, ja, auch wir Deutschen haben immer weniger Lust auf Intimitäten. Der aktuelle Freizeitmonitor offenbart, dass gerade einmal 52 Prozent aller Deutschen mindestens einmal pro Monat Sex hat. Vor nicht einmal fünf Jahren waren es immerhin noch 56 Prozent. Tendenz: sinkend.

Schuld daran sollen Smartphone, Social Media und wachsender Freizeitstress sein. In Japan beschäftigt man sich mit dem "Problem" schon etwas länger. Und dort hat es vor allem eine Altersgruppe krass erwischt: die Jugend. Seit Beginn des 21. Jahrhundert, also quasi bei den Millennials, nimmt das Interesse an allem, was mit Sex, Lust und Körper zu tun hat, ab.

Eine aktuelle Umfrage der japanischen Vereinigung für Sexualerziehung ergab, dass gerade einmal ein Drittel aller Studierenden an einer Uni bereits einmal Geschlechtsverkehr hatten. Zum Vergleich: 2004 waren es noch zwei Drittel. Die Gründe klingen nach Scham und vor allem nach viel sozialem Druck: Es fehle ein passender Partner, sie hätten einfach keine Lust, sie wüssten nicht, wie. Aber auch: Sex sei "viel zu umständlich".

Wie kann eine junge Generation zu solchen Einstellungen kommen?

Machen wir uns nichts vor: Sex mit dem richtigen Partner macht Spaß, hat aber in erster Linie einen klaren biologischen Sinn und Zweck – er dient der Fortpflanzung. Und das ist der Grund, warum wir ganz eigentlich besonders in unseren jungen Lebensjahren nach Einsetzen der Geschlechtsreife spitz wie Nachbars Lumpi sind. Denn gerade dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass wir Nachwuchs bekommen, weil wir am fruchtbarsten sind. Das ist Wissenschaft.

Wissenschaft ist aber auch, dass unsere natürliche, evolutionsbedingte Lust ziemlich gedrückt werden kann. Vor allem durch Stress. Und den kann auch dein Umfeld oder gesellschaftlicher Druck durch Moralvorstellungen und Konventionen verursachen. Da ist es dann egal, wie viele Eizellen du in Petto hast oder wie viele hyperaktive Samen in deinem Hodensack darauf warten, zum Einsatz zu kommen.

Und genau das ist den jungen Japanerinnen und Japanern in mehreren 100 Jahren Sozialgeschichte passiert. Japan hat ein, sagen wir mal, kompliziertes Verhältnis zum Thema Sex. Das hängt zum einen mit moralischen Einstellungen zusammen, aber auch mit der Grundeinstellung, egal in welchem Lebensbereich, nie jemanden enttäuschen zu wollen. Und auch an der Gesetzeslage.

Explizite Pornografie ist offiziell verboten

Pornos sind ein heikles Thema in der japanischen Kultur. Seit Jahrhunderten gehören erotische Darstellungen und Geschichten zur Kultur – daraus resultiert, dass Japaner eigentlich, im Vergleich zu uns Westlern, dann doch recht freizügig sind. "Kopfkissenbücher" zum Beispiel, die sexuelle Handlungen im Detail beschreiben, wurden seit der Edo-Zeit oft verkauft. Das war im 17. Bis 19. Jahrhundert.

Und genau deswegen sehen wir auch oft in Mangas und Animes oft Zeichnungen und Darstellungen, die wir bereits als sehr sexualisiert wahrnehmen. Wie kann es jetzt aber sein, dass Japaner trotzdem so sexlos sind?

 Nun ja. Japan hat ein strenges Zensurregelwerk für sexuelle Darstellungen, unter anderem aus religiösen Gründen. Anders als im christlich geprägten Westen ist Sex in Japan zwar nicht per se mit Schuld verknüpft – Stichwort: Sündenfall, weil Eva vom Apfel gegessen hat. Aber nur, solange man nicht gesehen wird. In Pornos sieht man es halt einfach. Auch Prostitution ist verboten, Frauen, die es trotzdem tun, leben mit einem Stigma.

Manches geht – und vieles eben nicht. Bis 1991 war es zum Beispiel verboten, Schamhaare und die Schamregion zu zeigen. Es ist noch immer verboten, Vulva, Vagina und Penisse zu zeigen. Das führt dann dazu, dass Zeitschriften zwar oft nackte Frauen zeigen, ihre Genitalien aber mit Airbrush schwarz eingefärbt wurden.

Und Pornos? Die zeigen zwar Sex, die Genitalien sind aber mit einem Mosaik undeutlich gemacht sind. Bis es dazu kam, war es aber auch einen kleine Revolution in Japan. Diese Geschichte erzählt etwa die Netflix-Serie "Der nackte Regisseur". Ich sag ja: Es ist kompliziert.

Der auf der einen Seite freizügige Umgang mit Erotik im Alltag, auf der anderen Seite aber sehr restriktive Umgang mit offensichtlicher Sexualität kann ja nur verwirren. Vor allem, wenn man gerade in seiner sexuellen Findungsphase ist.

Die Sache mit der Gesellschaft

Immerhin: Diese zweifelhafte Gesetzgebung resultiert – zumindest auf dem Papier – darin, dass Japan eine der niedrigsten Sexualstrafdelikts-Raten hat. Zwar gaben 69 Prozent aller japanischen Oberschülerinnen an, in der U-Bahn schon einmal unsittlich berührt worden zu sein. Deswegen gibt es auch ein eigens Wort für diesen definitiv nicht okayen Belästigungsakt: "Chikan". Die Anzahl der Vergewaltigungen ist allerdings trotz der häufigen Vergewaltigungspornografie (ja, das ist wieder okay, solange man eben keine Schamhaare und Co. sieht) mit 1,85 pro 100.000 Einwohner eine der niedrigsten weltweit. In Deutschland beträgt die Rate 10,44. Vielleicht bringen aber auch einfach weniger Japanerinnen und Japaner so einen Delikt zur Anzeige. 

Die andere Seite der Medaille: Junge Japaner scheinen immer prüder zu werden. Das liegt auch an der breiten Öffentlichkeit. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, hat die Kiosk-Kette "Konbini", die einen Großteil der Pornohefte verkauft, mitgeteilt, dass sie anlässlich der Olympischen Spiele in Tokio 2020 die Schmuddelheftchen aus dem Sortiment nehmen möchte. Was sollen denn bitte die anderen Nationen, die dann in Japan zu Gast sind, denken?

Und da wären wir bei einem essentiellen Grundproblem für viele japanische Jugendliche:

Sie wachsen in Scham auf. Marktstudien von Kondomherstellern kennzeichnen Japan als die Nation, in dem die Menschen am wenigsten Sex haben. Viele junge Männer identifizieren sich lapidar als "Pflanzenfresser". Ein japanischer Slang für Männer, die überhaupt kein Interesse an Sex haben. Das sind mittlerweile die Hälfte aller Männer zwischen 18 und 34 Jahren. Ja, ernsthaft.

Über die Frauen weiß man weniger. Es schickt sich nicht, offen über Sex zu reden. Aber auch hier sind laut offiziellen Umfragen der japanischen Behörden die Werte ähnlich hoch. Fast 40 Prozent zwischen 18 und 34 Jahren sollen noch Jungfrauen sein.

Sterben Japaner also aus? Gerade einmal 1,41 Kinder beträgt laut UN die japanische Geburtenrate. Das bringt auch die japanische Wirtschaft an ihre Grenzen: 16 Stunden-Schichten sind ganz normal. Wenn es weniger gibt, die arbeiten können, müssen eben andere den Job machen.

Und mal ganz ehrlich: Wer hat nach 16 Stunden Arbeit im Job noch Bock auf Ausgehen, Dates und Sex? Viele Japanerinnen und Japaner sind einfach ausgelaugt. Vor allem die Jungen müssen öfters Überschichten schieben als ihre jungen Kollegen.

Wenn sich dann doch mal ein Pärchen auf der Arbeit bildet, hat auch das es schwer.

Wir erinnern uns an das Credo: Was niemand anders sieht, ist nicht geschehen. Deswegen müssen sich junge Verliebte, die sich noch nicht ihren Eltern als offizielle Heiratskandidaten vorgestellt haben, Stundenhotels buchen. Das ist in Japan nicht schmuddelig und anrüchig, sondern Alltag. Aber auch eine Hemmschwelle, es macht Sex komplizierter.

Ohnehin haben viele junge Erwachsene so kleine Wohnungen, dass sie schlichtweg Beziehungsuntauglich sind. In Tokio leben fast zehn Millionen Menschen, das sind über 15.000 Einwohner pro Quadratmeter. Eine 20 Quadratmeter Bude als Single? Luxus. Viele wohnen bis Ende 30 noch bei ihren Eltern.

Den meisten geht es gut: Sie haben einen gutbezahlten Job, ein bisschen Urlaub, im Schnitt zehn Tage im Jahr, gesetzliches Minimum. Viel Zeit für Partnerschaft bleibt da nicht. Viele stürzt das in eine Isolation, in der man sich fast alles kaufen und haben kann – außer eben Liebe. Auch dafür gibt es ein eigenes Wort: "Hikikomori".

Die meisten Jugendlichen scheinen das akzeptiert zu haben. Viele wünschen sich zwar eine romantische Ehe, sehen dann aber die Hindernisse ihres Alltages: Sie verdienen nur genug für sich, sie haben gar keine Zeit für eine Beziehung und dann eben auch: Sie wissen gar nicht, wie man auf das andere Geschlecht zugehe. Auch das zeigen die offiziellen Umfragen der Regierung.

Es ist eben kompliziert. Ändern wird sich daran in der japanischen Gesellschaft erst mal nicht so viel, wie der Bann von Pornoheften im Kiosk zu den Olympischen Spielen zeigt. Vielleicht hilft es, wenn mehr junge Japanerinnen ein Auslandssemester einlegen. Aber auch dafür bleibt wahrscheinlich keine Zeit.

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Quelle: Noizz.de