Ihre eigene Essstörung hat sie überwunden, heute hilft sie anderen: Sophie Lotta.

Auf Youtube hat sie fast 3000 Abonennten, bei Instagram sogar 63.000 Follower. Dort postet Sophie Lotta Bilder aus ihrem Leben – viele haben mit Ernährung und Sport zu tun. Das ist kein Wunder, denn ihre jetzige Lebensweise hat Sophie gerettet: Sie litt mehrere Jahre unter einer schweren Essstörung.

Sie fing mit Sport und einer radikalen Ernährungsumstellung an – und rutschte immer tiefer in der Magersucht. Schließlich wog sie nur noch 42 Kilo. Erst als sie Krafttraining entdeckte und ihren Körper wieder kennenlernte, schaffte sie es aus der Essstörung raus.

Heute ist sie für viele andere ein Vorbild. Wir haben mit Sophie Lotta über ihren Umgang mit der Krankheit auf Social Media und ihren Kontakt zu Followern gesprochen.

Noizz: Hättest du damit gerechnet, irgendwann so großen Erfolg zu haben mit deinem Instagram Account?

Sophie Lotta: Nie!  Es war auch nie mein Ziel. Ich freue mich aber sehr, denn die meisten Follower sind wie Freunde, mit denen ich mich auch austausche. Es begegnet mir so viel Freundlichkeit und Nettigkeit – dass jemand sich mal komisch äußert, ist die Ausnahme.

Du zeigst auf Instagram ganz ungeschminkt dein Leben – inklusive Wurstbrot. Warum?

Sophie: (lacht) Das Wurstbrot ... Ja, ich mag auch ästhetische Bilder, deswegen bin ich bei Instagram. Nur leider machen zig-Tausend Accounts das Gleiche, z.B. Pancake-Tower oder Banana Bowls, und man sieht immer wieder dasselbe Bild. Meine Follower interessieren sich zum Glück wirklich für mich und nicht nur für schöne Bilder.

Deine Follower interessieren sich auch wegen deiner Vergangenheit besonders für dich: Du hattest eine Essstörung. Warum hast du das öffentlich gemacht?

Damals war ich noch nicht ganz gesund. Zu der Zeit war es für mich wichtig, zu sagen:„Ich war krank! Ich habe eine Esstörung gehabt, und ich werde gerade erst wieder gesund.”

Also hat dir dieses „Laut-Aussprechen” geholfen?

Sophie: Ja. Für mich war die Krankheit damals auch sehr schambehaftet. Und als ich es dann laut ausgesprochen habe – und lauter, als auf Instagram geht ja kaum – da hab ich erlebt, wie ich daran gewachsen bin.

Auch später noch, als ich dieses Youtube-Video gedreht habe, hab ich so eine wahnsinnig große Resonanz erfahren, die bis heute nicht abbricht. Ich kriege fast täglich noch neue Kommentare zu diesem Video. Da habe ich gespürt: Ich kann da etwas bewegen!

Deine Follower sehen dich auch als Vorbild, weil du deine Essstörung überwunden hast. Ist das nicht auch viel Verantwortung?

Sophie: Ja, aber ich bin ja auch nicht direkt dafür verantwortlich, dass jeder meiner Follower es aus der Essstörung schafft. Man kann eine Essstörung nicht pauschalisieren. Es gibt keine konkreten Ratschläge wie „Mach keinen Sport” oder „Geh in eine Klinik”. Bei manchen funktioniert das eine, bei manchen das andere.

Aber wirst du nicht sehr oft nach deiner Meinung gefragt?

Sophie: Doch, aber deswegen mache ich auch keine Angaben, wie viele Kalorien ich esse oder wie viel Sport ich mache. Ich will nicht, dass zu viel Fokus auf meinen Weg gelegt wird. Viele würden gerne meinen Weg übernehmen und hoffen, dass es bei ihnen auch funktioniert.

Aber aus einer Essstörung zu kommen, hat in erster Linie was mit dem Kopf zu tun. Es ist eine Entscheidung, die man immer wieder mutig treffen muss.

Oft wenn ich euch unter solchen Bildern etwas über Selbstbewusstsein und Körpergefühl erzähle, hagelt es Kommentare: Mit der Figur hat man ja gut reden, das ist kein Speck sondern eine Hautfalte, immer liest man sowas von Frauen, die eh gut aussehen. Ums kurz zu machen: um all das geht es eben überhaupt nicht. Ich war vor zwei einhalb Jahren kaum schwerer als eine Feder und vor vier Jahren auch mal richtig moppsig. Ich weiß sehr gut wie man sich auch in einer anderen Haut fühlt. Es geht nicht darum ob ich viel oder wenig Speck am Bauch habe und es soll euch auch nicht darum gehen! Was ich hier ständig versuche zu vermitteln ist eine wohlwollende achtsame Einstellung zu sich, zu anderen und zum Leben zu entwickeln. Es ist wirklich pupsegal ob ihr das auf euren dünnen, dicken, gesunden, kranken Körper, euren Job, eure Probleme mit anderen Menschen, eure Ziele im Leben, eure Ernährung - was auch immer beziehen wollt. Es ist im Grunde alles ein Abwasch. Wenn wir unseren Wert und den Wert der anderen nicht erkennen, gehen wir nicht gut mit uns, mit anderen, mit unserem Leben um. Wir misshandeln unsere Körper, tun anderen Unrecht, haben in Null komma Nix zu anderen Menschen eine Meinung (bestes Beispiel der Irrsinn um Sarah Lombardi, die ja jeder so gut persönlich kennt oder?), jammern viel rum, sehen uns fast immer als Opfer und haben meistens einen Körper, einen Alltag und Beziehungen, die das widerspiegeln. Und dann hilft es auch nicht im #teambodylove zu sein und hashtags wie #selbstliebe und #staypositive zu benutzen. Wer diese Worte wirklich begreifen will, der darf anfangen seine Überzeugungen zu ändern. In aller erster Linie über sich selbst. Und dann die über die anderen, das Leben, die Welt. Mit denen über sich selbst dürften die meisten aber erstmal ausgelastet sein. Es ist nicht über Nacht getan, es ist Arbeit, es gehört Mut dazu wie ich immer immer immer wieder sage. Aber am Ende seid ihr ein neuer Mensch. Und das Wort Selbstliebe ist mehr als nur ein Hype, den ihr mitmacht 🙏🏼 . #teamselbstliebe #sophielottacommunity #wortzumdonnerstag #erkennedeinenwert #knowyourworth

Wie gehst du damit um, dass viele deiner Follower dir so private Geschichten schicken?

Sophie: Grundsätzlich habe ich mit der Zeit gelernt, mich etwas zu distanzieren. Eigentlich bin ich ein sehr empathischer Mensch, und wenn ich jede Geschichte so nah an mich ranlassen würde, wäre ich mittlerweile totunglücklich.

Also kannst du das ausblenden?

Sophie: Naja, was für mich auch heute noch schwer ist: Wenn ich aus vielen Nachrichten rauslese, dass es im Kopf noch nicht „Klick!” gemacht hat. Da würde ich dann am liebsten mal die Person zur Seite nehmen und sagen „Mädchen, mach’ es dir nicht so schwer.”

Klar, ich hab ja jetzt gut reden, aber auch bei mir war es ein langer Weg und auch ich habe mir die Seele aus dem Leib geheult. Man kommt definitiv an seine Grenzen.

Vor kurzem hat meine Beste @see.with.svenja mich gefragt, ob ich es auch ohne meinen Mann aus der Essstörung geschafft hätte. Das hat mich zum Nachdenken gebracht und ich möchte das nutzen, um noch mal etwas klarzustellen. Ich bin nicht besonders stark oder hatte besonders viel Glück. Ich hatte all die schlimmen Momente, die viele von euch, die mir hier folgen, auch kennen. Es ging nicht geradlinig nach oben, ich musste auch an meine Grenzen gehen und Dinge tun, vor denen ich große Angst hatte. Das nennt man wachsen. Mutig sein. Das ist so wichtig. Das Wichtigste überhaupt wenn ihr mich fragt. Deshalb betone ich das auch immer wieder und deshalb schreibe ich hier so oft, dass alles, was ich euch sagen kann, in dem Video auf Youtube gesagt wurde. Ich kann nicht sagen, ob ich es ohne meinen Mann aus der Essstörung geschafft hätte, weil ich es schlichtweg nicht weiß. Niemand kann hellsehen. Aber ich glaube schon. Ich glaube daran, dass alles, was uns widerfährt, uns irgendwie auch zugetraut wird, vom Leben, von Gott, vom Schicksal, wie ihr es auch drehen wollt. Das ist meine Überzeugung. Deshalb glaube ich auch, dass jeder von euch alles schaffen kann. Jeder hat eine starke Seite, die er oft noch nicht so richtig entdeckt hat, aber sie ist da. Und wenn wir sie alleine nicht finden, können wir uns Hilfe holen. Bei anderen, in einer Therapie, in Kliniken. Helfen kann so vieles, aber das Wesentliche leisten wir selbst. Nur du selbst kannst dich retten, nur du kannst dich heilen, nur du kannst dich glücklich machen und dein Leben in die Hand nehmen. Also trau dir was zu - du bist stark genug 💜💪🏼 . #sophielottacommunity #ichherzmich #wieschöndubist #leuchtefürdich #veränderung #keepgrowing

Wenn du jedem antworten könntest: Was würdest du raten?

Sophie: Das wichtigste ist, dass man sich nicht auf andere konzentriert, sondern sagt: „Ich bin ich, und ich kann was! Ich bin kein Opfer!”

Was berührt dich am meisten?

Sophie: Besonders berühren mich die Nachrichten in denen Menschen „Danke” sagen. Die sagen: „Ich habe dieses Video gesehen und habe aufgehört mich zu übergeben! Ich habe aufgehört zu hungern! Ich bin jetzt aus der Klinik raus!”

Es ist unbeschreiblich toll, dass man merkt, wie man die Leute berührt. Und es werden zum Glück immer mehr Nachrichten.

Ich wünsche mir zum Geburtstag: dass die Besserwisserei und Etikettenkleberei in Social Media aufhört, dass akzeptiert wird, dass es nicht den einen goldenen Weg für alle gibt. Es wird so viel über Essstörung geredet und dabei vergessen, dass es nicht DIE Essstörung gibt genau so wenig wie es DIE richtige Ernährung gibt. Ich mache jetzt (nennen wir es mal beim instagram-Namen) die so sehr kritisierten Cheatdays, und zwar bisher genau drei Mal. Weihnachten, Silvester, Geburtstag. Und mir gehts momentan einfach großartig damit. Trotzdem weiß ich, dass nun wieder Leute kommentieren werden, dass das eine Essstörung sei, dass man sich „vollstopft“ und sich ständig was verbietet und und und. Dabei kann niemand von denen beurteilen, ob ich gesund bin oder nicht. Das kann nur ich. Ich sehe Accounts wie Sand am Meer von essgestörten Mädels, wo #balanceisthekey und #intuitiveeating das Motto sind und die Figur grenzwertig gesund aussieht. Ständig lese ich unter Bilder, wo ich über Selbstliebe und Körperakzeptanz rede Kommentare á la ich hätte gut reden, "welche Speckröllchen bitte", "das ist alles Haut..“. Ich möchte wetten unter diesem Bild heißt es jetzt mein Bauch sei fett, dabei liegen zwischen meinem Bikinibild und diesem gerade mal zwei drei Kilo. Aber Menschen urteilen gerne anhand von Momentaufnahmen. Ich wünsche mir zu meinem Geburtstag, dass mir die Menschen folgen, die positive Energie tanken möchten, die sich mit den Themen, über die ich spreche identifizieren können und ein Teil meiner Reise hier sein möchten. Leute, die einfach mal motzen möchten, mir ungefragt mitteilen wollen was sie von meiner Figur, meiner Ernährung oder meiner Lebensweise halten, dürfen das woanders tun. Zu diesem Geburtstag wünsche ich mir, dass Mädels sich nicht verunsichern lassen von Hohlbirnen, die Kommentare unter ihren Bildern ablassen, weil sie kein glückliches Leben haben. Lasst euch von niemandem, niemandem erzählen ob das, was ihr macht normal ist oder nicht. Ihr seid ihr, das ist euer Ding. Ihr seid Pippi Langstrumpf! Und ich bin’s auch. Und wir machen uns die Welt wie sie uns gefällt. Happy Birthday 👧🏼🐴🐒🏡 . #sophielottacommunity

Würdest du dir mehr Offenheit beim Thema Essstörung wünschen?

Sophie: Was ich mir viel mehr wünschen würde ist Toleranz! Die Themen Fitness und Ernährung sind gerade einfach sehr präsent und dementsprechend auch die Meinungen dazu und es wird schnell mit dem Begriff „Essstörung” um sich geschmissen. Das ist genauso schlimm, wie das Thema tot zu schweigen.

Es ist unfassbar, wie schnell die Ernährungsweise von anderen als „essgestört” deklariert wird. Einfach, weil sie mal schwankt. Man muss doch gar nicht alles immer bewerten. Manchmal sollte man einfach bei sich bleiben und mit gutem Beispiel voran gehen.

Quelle: Noizz.de