"Ich habe direkt noch zehn Organspendeausweise für Freunde und Familie bestellt."

Der Tod: Ein Thema, mit dem sich viele Menschen entweder gar nicht auseinandersetzen – oder erst, wenn er schon vor der Tür steht. Ein Testament schreiben, von seinen Liebsten Abschied nehmen – allein bei dem Gedanken daran ist der Kloß im Hals ein Dauerbegleiter. Lieber verdrängen, lieber an etwas Schönes denken, so scheint das Motto vieler zu lauten.

Umso überraschender ist es, wenn plötzlich eine junge gesunde Frau vor laufender Kamera genau darüber spricht. Eine, die die eigentlich fröhliche, oberflächliche Plattform Instagram nutzt, um ihren mehr als 38.000 Followern zu sagen: Macht euch Gedanken über den Tod.

Genau das hat die Instagrammerin Carina Hämmerle alias Kindakiri getan. Kurz vor dem Bundestagsentscheid über das weitere Vorgehen in Sachen Organspende postete die 21-Jährige dieses Video:

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In dem Video verrät Carina, dass sie selbst einen Organspendeausweis besitzt und sogar eine Patientenverfügung ausgefüllt hat. Zum Verständnis: In einer Patientenverfügung gibst du an, welche Maßnahmen ÄrztInnen oder PflegerInnen an dir vornehmen dürfen, falls du irgendwann in einem Zustand bist, in dem du es ihnen nicht mehr sagen kannst und im Sterben liegst.

Ein ganz schön ernstes und für ihr Alter ungewöhnliches Thema, das Carina da anspricht. Uns hat sie erzählt, warum sie das Video gemacht hat.

NOIZZ: Warum sollte man sich schon in so jungem Alter mit dem Thema Tod beschäftigen?

Carina: Einige Menschen, wie ich, sind schon in jungen Jahren mit dem Tod in Berührung gekommen. Mein Vater ist früh gestorben und vor ein paar Jahren auch eine Bekannte. Auch in den Nachrichten und im Bekanntenkreis wird immer wieder von jungen Menschen berichtet, die leider von uns gegangen sind. Versteh mich nicht falsch, ich gehe nicht mit dem Gedanken vor die Türe, gleich überfahren zu werden. Aber gewisse Ereignisse zeigen mir, dass es jeden von uns überall treffen kann. Und deswegen beschäftigt mich das Thema auch immer wieder, obwohl ich erst 21 bin. Ich glaube, wenn jeder sich ein wenig damit beschäftigen würde, hätten erstens viel weniger Menschen Angst vor dem Tod und zweitens könnte man jeden über Organspende aufklären und mehr Menschen helfen.

NOIZZ: Was ist dein persönlicher Grund dafür, schon jetzt an Dinge wie Patientenverfügung und Organspende zu denken?

Mein persönlicher Grund ist zum einen der Tod meines Vaters. Damals mussten andere über ihn und seinen Tod oder sein Weiterleben entscheiden – und ich bin mir sicher, dass er es anders gewollt hätte. Und zweitens möchte ich helfen. Ich sehe so viele Spendenaufrufe, Kinder müssen sterben wegen fehlender Organspenden. Falls mir jemals etwas passieren sollte, kann ich durch meine Spende wenigstens jemand anderem helfen. Und mit meiner Patientenverfügung kann ich meiner Familie beistehen, indem ich sie nichts entscheiden lassen, wozu sie eigentlich gar nicht in der Lage sind.

NOIZZ: Seit wann hast du deinen Organspendeausweis und eine ausgefüllte Patientenverfügung?

Ich habe beides Mitte 2019 machen lassen, nach einem Gedankenblitz und der Überlegung, was passieren würde, wenn ich in der Situation von meinem Vater damals wäre.

NOIZZ: Schaust du mit einem anderen Gefühl in die Zukunft, seit du die beiden Dokumente beantragt und ausgefüllt hast?

Nicht wirklich. Ich lebe normal weiter. Es bringt ja auch nichts, sich jeden einzelnen Tag Gedanken über den Tod zu machen. Ich fühle mich jetzt eher sicher, weil ich weiß, dass alle meinen eigenen Willen erfahren, falls mir etwas passieren sollte.

NOIZZ: Wie waren die Reaktionen auf dein Organspende-Video?

Zu 99 Prozent superpositiv. Viele haben sich durch das Video mehr mit dem Thema Organspende beschäftigt und wurden durch meine Worte inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Das freut mich am meisten. Der Denkanstoß wurde jetzt gegeben und einige haben sich entschieden, auf einem Organspendeausweis "Ja" anzukreuzen.

Es gab aber auch ein paar Ausnahmen, die auf keinen Fall spenden möchten. Das finde ich auch vollkommen okay.

NOIZZ: Der Bundestag hat die Widerspruchsregelung abgelehnt, nach der jeder Bürger Organspender geworden wäre, wenn er dem nicht zuvor widersprochen hat. Findest du es gut oder schlecht, dass es die Regelung nun nicht gibt?

Ich finde das sehr schlecht. Meiner Meinung nach hätte man das Gesetz einführen müssen – in Österreich gibt es das Gesetz schon und ich denke, die Menschen dort sind zufrieden damit. Wer nicht spenden möchte, widerspricht klar und deutlich. Wer möchte oder keine Meinung dazu hat, spendet. Ganz einfach geklärt. Das hätte Deutschland ruhig übernehmen können. Ich finde es auch gut, wenn man direkt mit dem Erhalt des Personalausweises und bei jeder Erneuerung direkt auch mit über Organspende aufgeklärt wird und bei einem Wunsch danach gleich mit einem Organspendeausweis ausgestattet wird. Das dauert fünf Minuten und rettet Leben.

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Nachdem ich erfahren hab, dass die Widerspruchsregelung abgelehnt wurde, habe ich direkt noch zehn Organspendeausweise für Freunde und Familie bestellt. Jetzt kläre ich sie nach und nach auf und überlasse jedem von ihnen die Entscheidung, was sie ankreuzen.

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Quelle: Noizz.de