"Pink Summits"-Gründer Dastan Kasmamytov im NOIZZ-Interview : Von homphoben Morddrohungen zu Regenbogenflaggen auf den sieben höchsten Gipfeln der Erde.

Dastan Kasmamytov führt auf viele Weisen ein extremes Leben: Der Programmierer und LGBT-Aktivist, der sich selbst als "Digital Nomad" bezeichnet, spricht fünf Sprachen, hat mit nur 28 Jahren bereits 50 Länder bereist, in fünf Ländern gelebt, ist alleine von Asien nach Europa geradelt und will jetzt im Rahmen seiner "Pink Summits"-Kampagne die sieben höchsten Berge der Welt, die Seven Summits, bezwingen, um die Regenbogenflagge auf deren Gipfeln zu hissen. Ein waghalsiges Vorhaben, das einen gemeinsam mit der tragischen Geschichte, die Dastan zum Aktivisten machte und schlussendlich zu der Kampagne inspirierte, nur noch staunen lässt.

Dastan im Kaukasus

Dastan wurde im streng konservativen Kirgisistan geboren. Offen schwul zu leben, war und ist in dem zentralasiatischen Land höchst gefährlich. Das Auswärtige Amt hat für Reisen nach Kirgisistan offizielle Sicherheitshinweise für LGBT-Angehörige veröffentlicht. Denn Diskriminierung aufgrund geschlechtlicher Vorlieben ist dort zwar verboten und Homosexualität rechtlich nicht strafbar, jedoch ist die LGBT-Community gesellschaftlich verpönt. Hass und Gewalt gegen queere Menschen gehören zum Alltag. Das musste der heute 28-Jährige am eigenen Leib erfahren.

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"Wir LGBT+ sind auf uns allein gestellt. Die meisten von uns können dieses Leben leider nicht ertragen – und wandern aus, fliehen oder sterben", sagt Dastan. "Gewalt gegen LGBT+ wurde so normal, dass viele queere Menschen gar nicht um Hilfe bitten", erzählt er. Selbst wenn würden Betroffene häufig von der Polizei nicht ernstgenommen oder gar angegriffen. Es gäbe fast keinen Ort, an dem queere Menschen Unterstützung finden könnten.

Ein Tag nach dem Coming-out wird ein religiöses Urteil erlassen

Trotz der gesellschaftlichen Unterdrückung und dem Widerstand aus seiner Familie, setzt sich Dastan für die Rechte von LGBT+ ein, outet sich bei einer Pressekonferenz der NGO "Human Rights Watch" öffentlich als schwul – nach eigener Aussage als einer der Ersten in Kirgisistan überhaupt. Was danach folgt, klingt wie ein schlimmer Albtraum: "Der halbstaatliche, muslimische Religionsrat 'Mufti', hat am Tag nach meinem Coming-out eine Fatwa (Anm. d. Red.: ein von einer muslimischen Autorität erteiltes, religiöses Urteil) erlassen. Diese besagte, dass schwule Menschen zu Tode gesteinigt werden müssen", erzählt Dastan.

Dastan mit der kirgisischen Flagge

Dastan wird auf offener Straße angegriffen, queere Organisationen und Aktivisten landesweit erfahren Hass und Gewalt. Im Parlament wird ein Gesetzesentwurf gegen die "Propagierung nicht-traditioneller Lebensweisen" diskutiert. Aus der queeren Szene selbst gibt es teilweise starken Gegenwind, viele geben ihm die Schuld für die gewalttätigen Übergriffe. "Mein Coming-out brachte damals viel Gegenreaktion mit sich und es schien, als ob es unserer Bewegung nicht half, sondern nur neue Gefahren für meine Gemeinde mit sich brachte", sagt Dastan.

"Ich erhielt Morddrohungen"

Die Erfahrungen setzen dem heute 28-Jährigen zu, er bekommt starke Depressionen – und findet neuen Sinn im Aktivismus."Ich gab mir solange die Schuld, bis ich nach und nach Nachrichten von jungen Leuten aus den ländlichen Gebieten in Kirgisistan erhielt. Diese Leute dankten mir für mein Coming-out. Sie dachten, dass es in Kirgisistan keine queeren Menschen gibt. Nun erfuhren sie, dass es sogar LGBT+ Organisationen gibt, die Menschen wie uns unterstützen."

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Doch die Übergriffe hören nicht auf: "Ich wurde verprügelt. Ich erhielt unzählige Hassnachrichten und Drohungen. Ich wurde in der Hochschule diskriminiert und von der Polizei erpresst. Weitere Tiefpunkte waren zwei lebensgefährliche Angriffe. Meine Familie war ständig in Gefahr. Ich erhielt Morddrohungen". Dastan entscheidet sich schließlich dafür, Kirgisistan zu verlassen, zieht nach Berlin und setzt dort sein Studium fort.

Nicht beschweren, sondern "etwas wirklich Episches machen"

In Berlin erreichen Dastan jedoch weiter traurige Nachrichten aus der Heimat, über Folter Polizeigewalt und Tod. So weit weg von der Heimat fühlt er sich hilflos. Er will etwas tun, sich jedoch nicht beschweren, sondern "etwas wirklich Episches machen". Während seiner ersten Aktion, einer Radtour von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek nach Berlin, kommt ihm die Idee zu "Pink Summits". Dastan ist damals bereits erfahren Bergsteiger. Bergsteigen und Wandern gehört in Kirgisistan, einem Land, das fast nur Bergen besteht, zur Kultur.

Dieses Bild entstand auf dem Elbrus im Kaukasus.

"Pink Summits": 3 der 7 Gipfel sind bereits besiegt

Heute hat er vier weitere MitstreiterInnen aus Deutschland, Norwegen, Kanada: Steffen, Hans Martin, Christian und Daria. Gemeinsam haben sie bereits drei der sieben "Summits" erklommen: den Kosciuszko in Australien, den Elbrus im Kaukasus, Russland, und den Kilimanjaro in Tansania, Afrika. Als Nächstes auf der Liste steht der Mont Blanc in den Alpen im Juni 2020 als Trainingsreise, danach der höchste Berg Südamerikas, der Aconcagua in Argentinien, im Winter 2020/2021. Wenn alles nach Plan läuft, soll der letzte und höchste Berg 2025 bestiegen werden: der Mount Everest im Himalaya.

Das haben sich die "Pink Summit"-Aktivisten vorgenommen.

Den Aktivisten geht es um die Sichtbarkeit der LGBT-Community, gleichzeitig sammelt das Team Spenden für lokale LGBT-Organisationen und will der queeren Community auf der ganzen Welt Hoffnung machen. Der Höhepunkt jeder Besteigung ist deshalb das Hissen der Regenbogenfahnen auf dem Gipfel. "Dieses Gefühl der Euphorie ist unbeschreiblich, als wir nach einem langen anstrengenden Aufstieg in der eiskalten Nacht endlich auf dem Gipfel standen."

Regenbogenfahne in den homophobsten Teilen der Welt

Für ihr Ziel setzen die Fünf nichts weniger als ihr Leben aufs Spiel. Nicht nur das Bergsteigen selbst ist gefährlich, in Tansania etwa, wo das Team den Kilimanjaro bestieg, ist Homosexualität nach wie vor illegal. Auch die Besteigung des Elbrus war durch die Nähe zu Tschetschenien, wo LGBT-Menschen verfolgt, gefoltert und auch getötet werden, waghalsig. Umso größer jedoch war die Erleichterung über die erfolgreiche Aktion am Ende: "Dieses überwältigende Gefühl des Glücks mischte sich mit einem tiefen Gefühl des Stolzes, als wir die Regenbogenfahne in den homophobsten Teilen der Welt schwenkten", sagt Dastan.

Dastan und sein Team auf dem Gipfel des Kilimanjaro.

Für Dastan hat die Aktion noch eine weitere Bedeutung: "Wenn ich alle sieben Gipfel schaffe, werde ich der erste Kirgise und wahrscheinlich der zweite Zentralasiate überhaupt sein, der das geschafft hat. Ich hoffe, dass ich durch diese Kampagne unsere Region bekannter machen und den nachhaltigen Tourismus in diesem schönen Teil der Welt fördern kann. Wie viele Menschen kennen denn schon Kirgisistan, seine nomadische Vergangenheit und die atemberaubende Natur, Berge und Menschen – besonders seine queeren Menschen?"

Dastan und sein Team suchen außerdem weitere Mitstreiter – willkommen sind Anfänger und Profis, LGBT+ und Straight Allies.

Die "Pink Summits"-Kampagne kann auf der Website, auf Facebook oder auf Dastans Instagram-Account verfolgt werden.

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Quelle: Noizz.de