Ein Polizist brachte Huschke Mau in die Prostitution – aus der sie erst nach zehn Jahren Horror den Ausstieg schaffte: dank ihrer Katze. Warum ihr niemand anderes dabei half, warum Prostitution weder feministisch noch freiwillig ist und warum jeder Freier sich schuldig macht, erklärt die heutige Doktorandin im NOIZZ-Interview.

Würde man Huschke Maus Geschichte in einem Film sehen, wäre der erste Gedanke "ganz schön wirklichkeitsfern". Und es stimmt: Viele der Begebenheiten, die sie schildert, scheinen zu schlimm, um in Deutschland Alltag zu sein, ihr erfolgreicher Befreiungskampf scheint anfangs zu aussichtslos, um realistisch zu sein.

Und doch: Huschkes Geschichte ist die eines jungen Mädchens, das gelernt hat, dass ihr Körper nicht ihr gehört. Und die einer erwachsenen Frau, die sich die Erkenntnis erkämpfen musste: Er gehört doch mir – Deutschland hat ihn mir nur weggenommen. Die heutige Doktorandin sagt: Der deutsche Staat und die hiesige Gesellschaft normalisieren sexualisierte Gewalt durch die Akzeptanz von Prostitution. Ihre Mission: "Anschaffen" abschaffen.

Bloggerin Huschke Mau sagt: Frauen sind keine Ware

Terror in der Jugend

In ihrem Blog postet Huschke Mau nicht nur ihre Analysen zu verschiedenen Themen, die mit Prostitution zusammenhängen – Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung, dem "Staat als Zuhälter" in Gerichtsprozessen gegen Prostituierte oder den Gedanken vieler ausgestiegener Frauen, zurück in die Prostitution zu gehen.

Dort schreibt Huschke auch über ihre eigene Geschichte: Traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend und wie sie in der Prostitution landete – das eine als Konsequenz des anderen.

In einem Blogpost schreibt sie: "Ich habe mehrere Geschwister. Als Kinder haben wir von Anfang an extreme Gewalt durch meinen Stiefvater erlebt. Er hat uns mehrfach fast totgeprügelt. Fast jeden Tag war irgendwas. Manchmal musste ich stundenlang nackt strammstehen und mich anschreien lassen. Oder er hat vorgegeben, mich ertränken zu wollen und sehr lange meinen Kopf unter Wasser gedrückt. Er hat auch mehrfach versucht, uns alle in einer Amokfahrt mit dem Auto umzubringen. Wie sich das angehört hat, wenn meine Mutter von ihm vergewaltigt wurde, weiß ich noch genau. Ab der Pubertät hat sich mein Stiefvater mir dann auch sexuell genähert. Daran kann ich mich aber nicht gut erinnern. Mit 17 bin ich von Zuhause weggelaufen."

In einem anderen Text: "In meinen Kindheitserinnerungen gibt es viele Lücken. Zum Beispiel kann ich mich erinnern, wie mein Stiefvater in mein Zimmer kommt, sich auf mich legt und ich die Luft anhalte. Und die nächste Dreiviertelstunde fehlt einfach."

Mit 18 am Abgrund

Nachdem Huschke mit 17 ihr Zuhause verlassen hat, fällt es ihr schwer, eine neue Bleibe zu finden. Bis zur Volljährigkeit findet sie Obdach in einem Mädchenwohnheim, dann steht sie wieder ohne Bleibe da. Bei ihrer Familie kann und will sie nicht mehr leben – ein Konfrontationsgespräch mit dem Jugendamt ist so schief gelaufen, dass ihre Eltern ihr sogar den Kontakt zu ihren Geschwistern verbieten. Mit dem Gespräch wollte Huschke eigentlich erreichen, dass ihr Stiefvater im Gefängnis landet – der jedoch spielt seine Taten herunter, die Mutter schweigt und das Jugendamt unternimmt: nichts.

Huschke zieht in eine andere Stadt und will studieren. Doch mit 19 eine eigene Wohnung zu bekommen, ist schwierig ohne Geld oder Erwachsene, die bürgen und Formulare unterschreiben. Auch BAföG fällt ohne Unterschriften der Eltern flach. Nach einem Dreivierteljahr ohne Geld, beginnt Huschke, sich zu prostituieren.

Polizist wird erster Zuhälter

Über ihr Erstes Mal in der Prostitution schreibt sie: "Ich habe einem Typen, der mir auf der Straße nachgepfiffen hat, gesagt, dass es bei mir was kostet, und für meine erste Nummer 40 Euro genommen. Es war das dritte Mal in meinem Leben, dass ich Sex hatte, und es hat übel wehgetan. Mein erster Freier war ein sadistisches Arschloch, dem es richtig Spaß machte, zu sehen, wie schwer mir das alles fiel."

Eine Weile versucht sie noch, ein normales Leben zu führen, doch alles wird zu viel: Das System "Universität" ist kompliziert, sie kann ihre Miete nicht bezahlen, Ämter und Versicherungen machen Druck – und nicht einmal eine Geburtsurkunde kann sie nachweisen. Die liegt noch bei ihren Eltern.

Schließlich lernt Huschke einen Polizisten kennen, der ihr zeigt, wie man sich "richtig" prostituiert – er wird ihr erster Zuhälter. Sie trifft ihn, als er Frauen für einen Pornodreh sucht. Sie will aber, dass die Kamera aus bleibt, so dass Prostitution daraus wird. Er zeigt Huschke, wo man annoncieren muss, bringt ihr das Vokabular bei und verlangt die Hälfte ihrer Einnahmen.

Sie wohnt bei ihm und schläft mit ihm. Nach kurzer Zeit ist sie alkohol- und drogenabhängig, hat Suizidgedanken und verletzt sich selber. Die Gedanken und das selbstverletzende Verhalten legt sie bereits seit ihrer Kindheit an den Tag. Erst als der Polizist handgreiflich wird, packt Huschke ihre Sachen und zieht aus. Als nächstes arbeitet sie in einem Wohnungsbordell – und weil sie obdachlos ist, wohnt sie dort auch.

Huschke Mau im NOIZZ-Interview

NOIZZ: Dein Weg in die Prostitution ist von Missbrauch und Gewalt geprägt – würdest du das als typischen Weg in die Prostitution bezeichnen? Oder kann im Prinzip jede Frau – auch eine ohne diese Kindheitserfahrungen – in die Prostitution geraten?

Huschke Mau: Ich würde sagen, das ist der total typische Einstieg. Die Geschichten, die ich von meinen Kolleginnen im Wohnungsbordell gehört habe, die klingen in der Tat alle gleich. Es sind meistens drei Dinge, die aufeinander kommen und dafür sorgen, dass jemand in der Prostitution landet. Das eine ist die sexuelle Vortraumatisierung. Das zweite die finanzielle Notlage. Und das dritte ist meistens eine Person, die die Frau in die Prostitution bringt – also der Zuhälter. Das ist häufig der Partner der Frau.

Die Frage, ob das jeder Frau passieren kann, ist nicht einfach zu beantworten – weil wir Frauen ja alle im Patriarchat leben. Ich persönlich kenne keine Frau, die noch nie die negativen Seiten dieses Patriarchats zu spüren bekommen hat. Die noch nie belästigt worden ist, nie als Frau abgewertet worden ist oder vergewaltigt.

Du sagt also, das Patriarchat prägt Frauen teilweise so vor, dass sie sich minderwertig fühlen und der Weg in die Prostitution dadurch näher liegt?

Huschke Mau: Genau. Denn exakt das ist Prostitution: Die Sexualität des Mannes wird bedient, und die Frau hat ihren Widerwillen oder sogar manchmal Ekel zu unterdrücken. Sie muss für ihn performen. Und das bekommen Frauen – manche mehr, manche weniger – schon in ihrer Kindheit und Jugend beigebracht. Ich persönlich auch. Von Zuhause bekam ich die Vorstellung mit, dass Sex dem Mann zusteht, dass es kein Nein geben darf und dass es völlig egal ist, ob die Frau Schmerzen hat. Der einzige Zweck der Frau ist es laut dieser Vorstellung, den Mann zufriedenzustellen. Und wenn man dabei noch so tut, als würde es einem Spaß machen, hat der Mann auch noch gute Laune, und man wird eine Weile nicht mehr terrorisiert.

Prostitution ist der Gipfel dieser noch immer vorherrschenden gesellschaftlichen Grundeinstellung. Es ist die blanke Umsetzung von: Er will, sie fügt sich – ohne Liebesgeschwafel oder die Ehe als Puffer drumherum. Prostitution ist aber nicht nur Ausdruck patriarchaler Verhältnisse – ihre Existenz reproduziert patriarchale Verhältnisse auch. Ihre Existenz ist gar eine Säule des Patriarchats: Sie sorgt dafür, dass weiterhin Frauen unterdrückt werden können.

Welche Rolle spielt dabei die Legalität von Prostitution in Deutschland?

Huschke Mau: Auch die Legalisierung reproduziert das Patriarchat. Man muss sich mal fragen: Was hat die Legalisierung in Deutschland gebracht? Sie hat Zuhältern und Bordell-Betreibern geholfen, als Geschäftsmänner aufzutreten. Und sie hilft Freiern, den Missbrauch zu verschleiern und zu sagen: Das ist doch, wie wenn ich mir einen Döner kaufe – beides legal, ich mache nichts falsch.

Aber wer trotzdem noch drunter leidet, das sind die Frauen aus der Prostitution. Das ist ja das Verrückte: Das Stigma verschwindet nicht, wenn man Prostitution legalisiert. Auf den Schulhöfen sind "Hurensohn" und "Schlampe" immer noch die schlimmsten Schimpfwörter, die man jemandem an den Kopf werfen kann. Durch Legalisierung erfahren Prostituierte nicht weniger Gewalt oder mehr Respekt. Der Missbrauch wird nur normalisiert und dadurch unsichtbar gemacht.

Im Jahr 2014 ging dein Offener Brief "Ich habe die Schnauze voll" viral, den du an eine Prostitutionsbefürworterin geschrieben hattest. Darin schreibst du auch, dass das Narrativ der "Freiwilligen Prostitution" falsch ist. Kennst du keine Frau, die tatsächlich freiwillig Prostituierte geworden ist?

Huschke Mau: Die Sache ist die: In Deutschland definieren wir Zwangsprostitution hauptsächlich als: Da sitzt eine geschlagene Osteuropäerin im Heizungskeller angekettet. Aber Zwang kann auch bedeuten, dass man keine anderen Optionen hat oder sie nicht wahrnehmen kann. Die Frauen, die ich kenne, sind alle aufgrund eines Mangels an anderen Optionen in die Prostitution gegangen. Und das ist keine Freiwilligkeit.

Aber davon mal abgesehen, finde ich diese Rumgereite auf "freiwillig oder nicht" total schlimm. Denn darum geht es doch gar nicht. Es geht nicht darum, ob die einzelne Frau dazu ja gesagt hat. Wir würden garantiert auch einzelne Frauen finden, die sagen "Ich finde es eigentlich okay, dass mein Mann mich schlägt". Das würde aber nie bedeuten, dass eine Debatte darum losgehen würde, ob es in Ordnung ist, wenn Männer ihre Frauen schlagen – nur weil man drei Frauen gefunden hat, die das sagen.

Wir brauchen in dieser Debatte mehr politische Analyse. Und die sagt ganz klar: Prostitution ist kommerzialisierte Sexualität. Und eine Sexualität, die dem Markt unterworfen ist, unterliegt ökonomischen Zwängen und ist nicht mehr frei – das hat nichts mehr mit Konsens zu tun. Und damit sollte die Debatte um Freiwilligkeit eigentlich beendet sein.

Warum gibt es dann Prostituierte, die in den Medien sagen, dass Prostitution ihr Traumjob sei?

Huschke Mau: Ich habe auch schon Beiträge über Frauen gesehen, die genau das sagen. Aber die hatten trotzdem solche Geschichten wie ich. Und ich kann denen auch gar nicht verübeln, dass sie sagen, sie fänden das gut. Weil ich das in den ersten Jahren auch gesagt hätte. Oft durchblickt man die ganze Situation am Anfang noch nicht.

Mir hat ja zu Anfang auch ein Polizist geholfen, richtig in die Prostitution einzusteigen – und erst nach zehn Jahren habe ich kapiert, dass das eigentlich Menschenhandel war, was der mit mir in meinem jungen Alter gemacht hat. Ich hätte damals Stein und Bein geschworen, dass ich freiwillig in der Prostitution bin. Und ob die Frauen, die in den Medien sagen, dass ihnen die Prostitution gefällt, in der gleichen Situation sind wie ich damals, das wissen wir nicht. Sie schulden es uns ja auch auch nicht, ins Detail zu gehen mit ihrer Lebensgeschichte.

Aber ich würde die Frage umdrehen und den Fokus auf die Freier legen. Wir sollten nicht fragen: "Was ist mit Frauen los, die sich prostituieren?", sondern: "Was ist mit Männern los, die mit einer Frau schlafen, von der sie ahnen oder zumindest nicht sicher sein können, ob sie den Sex gerade wirklich will?".

"Ein Freier ist ein Mann, der nach dem Verkehr nicht sicher sein kann, ob er gerade eine Vergewaltigung begangen hat oder nicht. Er kann es nicht sagen – er hat ja schließlich die Frau dafür bezahlt, Ja zu sagen."

Und vielleicht steht ein Zuhälter im Nebenraum und schlägt sie, wenn sie nicht mit dem Freier schläft. Das alles weiß der Freier nicht, nimmt es aber in Kauf. Darüber sollten wir diskutieren: Ob wir in Deutschland dieses Verhalten wollen – dass es Männern scheißegal ist, ob sie Vergewaltiger sind. Das ist viel wichtiger, als eine betroffene Frau zu fragen, ob sie das in Ordnung findet.

Mit deiner familiären Vorbelastung, deiner Sucht und fast nur Kontakten in die Prostitutionsszene – wie kam bei dir der Bewusstseinswandel auf, aussteigen zu wollen?

Der Bewusstseinswandel hat viel mit der Scham zu tun, die in der Prostitution mein täglicher Begleiter war. Denn wenn täglich deine körperliche Integrität verletzt wird und du so entmenschlicht wirst, dann entwickelst du diese Scham. Deshalb habe ich auch angefangen, Dinge auf mich zu schieben: "Mir geht es schlecht, weil ich schlecht bin. Ich bin in der Prostitution, weil mit mir irgendwas nicht stimmt."

Und erst nach zehn Jahren habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, durch welche Situation ich überhaupt in der Prostitution gelandet bin. Erst da ist mir aufgefallen: Mein komplettes soziales Netz hat einfach komplett versagt: Psychologische Betreuung, Ämter, Finanzen und natürlich auch die Familie. Wenn man diesen Gedanken mal zulässt – dass man kein im Grunde verkommener Mensch ist – und sich mal mit ein bisschen Mitgefühl betrachtet, dann kommt man zu dem Schluss: Das war deine einzige Alternative. Und wenn du nur eine Option hast, dann ist das nicht freiwillig.

Einen einzelnen Auslöser gab es in dem Sinne nicht.

"Dass Prostitution nichts mit 'Pretty Woman' zu tun hat, merkt man relativ schnell."

Auch, dass man da nicht behandelt wird, wie ein Mensch. Dass man Schmerzen hat und sie unter den Teppich kehren muss. Dass es Männer gibt, bei denen man sich richtig überwinden muss, mit ihnen zu schlafen.

Huschke Mau

Wie sah es mit Ausstiegshilfen aus?

Huschke Mau: Von den betreffenden Stellen habe ich ewig lange keine Hilfe bekommen. Als ich damals zu einer Beratungsstelle für Prostituierte ging, um um Hilfe für den Ausstieg zu bitten, sagte man mir: "Wenn Sie das nicht mehr machen wollen, dann gehen Sie doch einfach nicht mehr ins Bordell!" Aber so einfach ist das natürlich nicht. Ohne Job, ohne Obdach oder Personen, die dir durch diese Zeit helfen könnten – wie soll man da überleben?

Ich kenne Prostituierte, die wollen aussteigen, aber das Arbeitsamt verweigert ihnen die finanzielle Unterstützung und droht ihnen, wenn sie im Bordell kündigten, eine dreimonatige Sperre an, da sie ja einen Job hätten. Andere versuchen auszusteigen, bekommen aber nicht den vollen Satz ALG2, weil ihnen das Amt unterstellt, sie arbeiteten heimlich weiter und hätten sicher Einkünfte – die sie, obwohl sie das nicht beweisen können, knallhart anrechnen.

Außerdem ergeben sich aus der Prostitution ja auch Folgeprobleme: Du fängst an, deine Gefühle wie den Ekel vor manchen Männern mit Drogen zu überdecken. Plötzlich hast du auch noch eine Sucht, aus der du erstmal rauskommen musst, bevor du dir etwas Neues aufbauen kannst. Oder du hast Schulden, die du abarbeiten musst. Oder Bußgelder – die du manchmal auch noch mit Verspätungszuschlag zahlen musst.

Über eine ganz wichtige, private Ausstiegshilfe hast du in deinem Blog geschrieben – wer oder was war das?

Huschke Mau: Das war mein Katerchen. Als er zu mir kam, ging es mir richtig dreckig – ich war eine von den Prostituierten, bei denen nicht mal auffällt, wenn sie verschwinden, weil niemand nachfragt oder überhaupt bemerkt, dass sie weg sind. Zu der Zeit war ich so am Boden und suizidal, dass ich mich nicht mal mehr umbringen konnte, weil ich dazu keine Kraft mehr hatte. Ich hab einfach gewartet, dass mich eines Tages mal eine Überdosis erwischt, ein Auto überfährt oder ein Freier "wegschafft".

Und dann kam mein Katerchen. In dem Puff, in dem ich gerade war, gab es eine Bordellchefin, deren Sohn einen Klassenkameraden mit einer Katze hatte. Die hatte gerade Junge bekommen, die verteilt werden sollten. Also brachte der Sohn einen kleinen Kater mit nach Hause. Aber die Puffmutter wollte ihn nicht haben, sie hatte Angst um ihr teures Ledersofa. Also schleppte sie den kleinen Kater mit in den Puff und fragte mich, ob ich ihn haben will.

Ihr kleiner Kater war Huschke Maus stärkste Stütze in den schweren Zeit (Symbolbild)

Als ich dieses kleine orangefarbene Fellknäuel mit den knallblauen Augen gesehen habe, wusste ich sofort, dass er zu mir gehört. Ich hab sofort geheult, so gerührt war ich von ihm. Er konnte nicht mal richtig laufen und ist immer auf sein kleines Hinterteil geplumpst. Auch putzen war noch schwer, also habe ich das übernommen. Am Anfang habe ich ihn in einem kuschligen Pullover überall hin mitgenommen, sogar in den Puff und zum Einkaufen.

Wir beide lieben uns sehr und können nicht ohne einander. Wenn ich mehr als einen Tag von meinem Kleinen getrennt bin, krieg ich die Krise. Mein Katerchen war es, der mir die Kraft für so vieles gegeben hat, von dem ich so viel gelernt habe.

In meinem Elternhaus wurde ich nur berührt, wenn es Schläge gab. Ich war in der Prostitution, wo jede Berührung Missbrauch war. Von ihm schaute ich mir ab, Grenzen zu setzen, denn das tat er ganz selbstverständlich.

"Ich lernte von meinem Katerchen, was Bedürfnisse sind: Durch all die Misshandlungen war ich so von meinem Körper getrennt, dass ich mich bis dahin selbst nicht mehr gespürt hatte."

Ich lernte von ihm, dass man essen muss, wenn man hungrig ist, und dass man schlafen darf, wenn man müde ist. Dass man sich trösten lassen darf, wenn das Leben richtig scheiße läuft. Dass man existieren darf, ohne sich zu entschuldigen oder zu bestrafen. Durch ihn habe ich gelernt, auf jemanden einzugehen, und wie es ist, sanft und zärtlich zu jemandem zu sein – das konnte ich vorher nämlich gar nicht.

Dank ihm habe ich auch in den schlimmsten Phasen immer durchgehalten und nie aufgegeben. Denn er brauchte einen Platz, an dem er wohnen konnte, brauchte etwas zu essen, eine Umgebung ohne Gefahren, ohne Freier oder Zuhälter. Eine Umgebung ohne betrunkene Menschen, ohne rumliegende oder ausgeschwitzte Drogen, die sich beim Streicheln hätten übertragen können.

Nur deshalb habe ich all die Entzüge geschafft und meine schöne Wohnung gefunden, Beziehungen zu toxischen Personen gekappt und letztendlich den Ausstieg aus der Prostitution und mein Studium geschafft.

Sogar ein Pseudonym zum Schreiben hat er mir gegeben: Wir saßen auf der Couch und ich sagte: "Huschke ist doch ein schöner Name, aber wir brauchen einen Nachnamen. Fällt dir einer ein?" Und er sagte: "Mau." Und damit war die Sache klar. "Huschke" ist ostpreußischer Dialekt und bedeutet "Eine Frau, die nicht richtig da ist".

Wie erklärst du dir, dass es immer noch wenige offizielle Ausstiegshilfen für Prostituierte gibt?

Huschke Mau: Zum einen muss man sagen, dass eine Ausstiegshilfe sehr individuell angepasst werden musst. Manche Frauen, die ohne Suchtproblematik, brauchen nur Geld, um ihre Schulden bei der Krankenkasse zu bezahlen. Andere haben schon ein geregeltes Berufsleben und ein Kind, geraten aber manchmal so unter Druck, dass sie sich wieder prostituieren, um sich damit selbst zu verletzen. Diese Frauen brauchen eine Psychologin. Manche studieren mit Bestnoten, gehen aber nebenbei anschaffen und werden drogenabhängig. Die brauchen wieder etwas anderes. Es gibt also kein Pauschalpaket zur Ausstiegshilfe.

Warum es so wenige von diesen Hilfen gibt, das erkläre ich mir damit, dass die Probleme, die durch Prostitution auftreten, noch unter Verschluss gehalten werden sollen. Der Vergleich mit Kindesmissbrauch ist zwar etwas schwierig, aber in gewisser Weise passt er: Es gab auch eine Zeit, in der es kaum Hilfen für missbrauchte Kinder gab, weil es schlicht einfacher war, zu sagen: Dein Papa ist doch ein ehrenwerter Lehrer, Pastor oder was auch immer, als das System infrage zu stellen. Es ist immer leichter, den Opfern zu sagen "Ihr bildet euch das ein" oder "Ihr seid dran Schuld".

In Thüringen gibt es beispielsweise überhaupt keine Ausstiegshilfsstelle für Prostituierte. Kein Wunder steht dort ständig in der Zeitung etwas über die "glücklichen Sexarbeiterinnen". Wenn man keine Beratungsstelle öffnet, wo diese Frauen hinkommen können und erzählen können, was sie erleben, hat man aus der ferne natürlich das Bild von den locker lustigen Mädels aus dem Puff.

Symbolbild: Prostitution

Unsere Gesellschaft ahnt, dass, wenn es genug Ausstiegsstellen für Prostituierte gäbe, viele Frauen plötzlich anfangen würden zu sprechen. Und dann müssten wir gesellschaftlich etwas ändern. Dann müssten wir sagen: Wenn es so viele Opfer produziert, wenn es so hässlich und menschenverachtend ist, dann müssen wir etwas ändern. Und dazu sind viele nicht bereit. Denn die Freier, die so viel Leid produzieren, sind ja keine Außerirdischen. Das sind unsere Nachbarn, unsere Polizisten, Politiker und deren Wähler. Und dass die nicht wollen, dass sich etwas ändert, ist ja wohl klar.

Aber diese Männer sind feige und würden sich niemals öffentlich hinstellen und sagen: "Doch, ich möchte aber, dass es Prostitution gibt. Ich möchte nämlich einmal im Monat meine ganze sexuelle Frustration und meinen Frauenhass an einer 18-jährigen Bulgarin auslassen, die kein Wort Deutsch spricht."

"Und deswegen freuen diese Männer sich einfach, wenn ein paar Prostituierte sich hinstellen, das Feigenblatt spielen und so tun, als wäre Prostitution eine feministische Sache."

So lange es dieses Narrativ gibt, ist eine Änderung der Gesetzeslage sehr schwierig – und doch extrem nötig: Prostitution macht nicht nur etwas mit den betroffenen Frauen, sondern mit der ganzen Gesellschaft, mit dem Frauenbild, das wir haben, mit den jungen Frauen, die extra für die deutschen Männer ins Land geschleust werden, als wären wir immer noch eine Kolonialmacht.

Aktuell gibt es geradezu eine Welle der Anerkennungsforderungen für "Sex-Arbeiterinnen". Das Argument: Es ist unfeministisch, Frauen ihre Berufswahl abzusprechen. Kann Prostitution deiner Meinung nach feministisch sein?

Huschke Mau: Definitiv nicht. Ich wüsste nicht, was daran feministisch sein soll, Männern den eigenen Körper zur Verfügung zu stellen und seine eigene Sexualität einem kapitalistischen Markt zu unterwerfen. Wo ich ihnen natürlich Recht geben muss, ist, dass man als Frau mit seinem Körper machen darf, was man will. Weshalb das Nordische Modell, das ich für Deutschland anstrebe, auch nicht die Prostituierten kriminalisieren will, sondern die Freier. Das Modell, das schon Länder wie Schweden eingeführt haben, legt fest, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist, sagt aber gleichzeitig: Wir bestrafen nicht die Opfer des Systems.

Ich selbst habe mir jahrelang die Arme aufgeschnitten, das konnte mir niemand verbieten, da ich mit meinem eigenen Körper machen darf, was ich will. Was man aber verbieten kann, ist, mit dem Körper einer anderen Person zu machen, was man will. Und das ist es, was Freier tun.

Welche Fragen zum Thema Prostitution kannst du überhaupt nicht mehr hören?

Huschke Mau: Das erste ist die Frage: Wenn wir Prostitution verbieten, steigt dann nicht die Zahl der Vergewaltigungen? Das ist nicht nur mehrfach widerlegt worden, die Frage entspringt auch einem wirklich krassen Männerbild, das sagt: Männer müssen vergewaltigen, wir müssen ihnen Frauen zur Verfügung stellen, sonst gehen sie auf die restliche Dorfgemeinschaft los.

Das zweite ist: Wenn Prostitution kriminalisiert wird, wandert sie dann nicht in den Untergrund? In Deutschland existiert dieser Untergrund schon jetzt, weil es überall, wo es legale Prostitution gibt, auch illegale gibt. In Deutschland sind viele Prostituierte auch jetzt nicht angemeldet, obwohl es legal ist. Und ich weiß auch nie, inwiefern Legalität die Prostitution besser macht.

Wenn in Deutschland eine 18-Jährige sexuell ausgebeutet wird, macht es das besser, dass sie angemeldet ist und Steuern zahlt? Müssen wir uns deshalb als Gemeinschaft weniger schämen?

Dazu kommt, dass der Staat mit der Legalität sagt, dass Prostitution, also auch die sexuelle Ausbeutung von Frauen, in Ordnung ist.

Und das dritte ist die Debatte der Freiwilligkeit von Prostitution und immer die gleichen drei Frauen, die mit den Geschichten ihrer angeblichen Freiwilligkeit das System legitimieren sollen, dass Tausende anderer Frauen aufs Schlimmste ausbeutet. Wenn wir wirklich von den Opfern abhängig machen, ob das, was passiert ist, schlimm war und strafbar ist, haben wir in der Justiz ein Riesenproblem: Immer dann, wenn das Opfer in einer schwächeren Position oder sogar in Abhängigkeit zum Täter steht. Es ist nicht ohne Grund gesetzlich definiert, was Gewalt ist und dass diese Verboten ist. Wir müssen jetzt nur noch den Schritt gehen, dass Prostitution auch endlich als die Gewalt definiert wird, die sie ist. Eine Gewalt, bei der der Knebel Geld ist.

Diesen Knebel habe ich auch gespürt.

"Wenn ich gesagt habe, dass ich mich vergewaltigt fühle, dass ich bei einem Freier das Gefühl hatte, dass ich auch immer hatte, wenn mein Stiefvater auf mir drauf lag, dann wurde mir gesagt: Was hast du denn? Du hast doch Geld dafür bekommen."

Missbrauch ist Missbrauch, auch wenn Geld dafür gezahlt wurde. Nach der Logik der Prostitutionsbefürworter müsste man Vergewaltigungsopfern auch einfach nur Geld zahlen, und dann war es keine Vergewaltigung mehr. Aus diesem Grund sollte man auch nicht den beschönigenden Begriff "Sexarbeit" verwenden.

In deinem Blog schreibst du über extrem persönliche Erfahrungen, ist das für dich noch eine Überwindung?

Huschke Mau: Manchmal denken Leute, dass mir das leicht fällt, aber das stimmt nicht. Auch nachdem ich Vorträge gehalten habe, kann ich manchmal die ganze Nacht nicht schlafen. Oft werde ich durch mein In-der-Öffentlichkeit-stehen auch angegriffen und Leute erwarten von mir, dass ich mich für meine Vergangenheit schäme. Das muss man sich mal überlegen: Freier wie Michel Friedman (Politiker, Jurist und Moderator, Anm. d. Redaktion), von denen bekannt ist, dass sie mit Zwangsprostituierten schliefen, dürfen in der Öffentlichkeit Moralpredigten halten, während ich mich dafür schämen soll, was ich mit mir machen ließ, um meine Miete zu bezahlen.

Welche Nachrichten erreichen dich von Leser*innen des Blogs?

Huschke Mau: Mich erreichen sehr viele Hassnachrichten. Aber ich bekomme auch viel Post von Frauen, die noch in der Prostitution sind oder die ausgestiegen sind und die sagen: Ich kann aus den und den Gründen nicht öffentlich sprechen – wegen Kindern oder Jobverlust – aber ich danke dir dafür, dass du es tust.

Aber man merkt es auch im Netzwerk Ella, einem Netzwerk von und für Frauen, die in der Prostitution waren oder sind und das ich gegründet habe: Es gibt sehr viele Frauen, die sprechen wollen, aber ohne beschämt werden zu wollen oder gesagt zu bekommen, das sei ja alles gar nicht so schlimm. Der BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen) sagt zum Beispiel, dass Prostitution ist wie jeder andere Job: Manchmal hat man eben keinen Bock. Aber man muss sich mal überlegen, was das heißt. Denn wenn dein Job Sex ist und du an dem Tag keinen Bock hast und den Job trotzdem machen musst, dann ist das sexueller Missbrauch.

Mir schreiben Frauen, dass sie auch wegen dieser Einstellung, auf die sie bei manchen stoßen, und wegen der Scham mit niemandem reden können. Dass ich die einzige bin, der sie davon erzählen können, die ihnen glaubt und sie ernst nimmt.

Warum ist das so?

Huschke Mau: Es gibt einerseits das Stigma, das auch Vergewaltigungsopfer zu spüren bekommen: Wenn sie darüber reden wollen, was ihnen angetan wurde, wirft man ihnen vor, zu lügen: Weil sie noch eine Rechnung mit dem Mann offen haben, weil sie Aufmerksamkeit wollen – es gibt tausende von Vorwürfen, mit denen diese Frau mundtot gemacht werden soll.

Andererseits gibt es auch ein anderes Stigma: Nämlich, dass man mit Prostituierten alles machen kann. Dieses Stigma existiert schon so lange wie die Prostitution selber. So wurden im Mittelalter zum Beispiel Mädchen, die durch Vergewaltigung ihre "Jungfräulichkeit" verloren, in ein Hurenhaus gesteckt – es gab ja keine Ehre mehr, die es bei dem Mädchen zu schützen galt, das heißt, man konnte alles mit ihr machen. So denken viele Menschen auch heute noch über Prostituierte.

>> Fem as Fuck #18: Wer denkt Missbrauchsopfer berühmter Männer wollen Aufmerksamkeit, hat nichts verstanden

Nun hast du den Ausstieg aus der Prostitution ja geschafft, promovierst jetzt sogar und hast ein neues Leben – warum beschäftigst du dich trotzdem noch so eingehend mit Prostitution durch deinen Blog und das Netzwerk Ella, anstatt das traumatische Thema hinter dir zu lassen?

Huschke Mau: Es mag für die Öffentlichkeit so wirken, als habe ich kaum ein anderes Thema – dem ist aber nicht so. Ich publiziere auch zu anderen Themen, nur eben nicht unter dem Namen Huschke Mau. Als Privatperson habe ich auch viele andere Interessensgebiete. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, ich würde den ganzen Tag in meinem Trauma wühlen.

Der Grund, warum ich aus meiner Perspektive über Prostitution schreiben will – über eigene Erfahrungen aber auch politische Analyse – ist der: Ich finde es furchtbar, wenn Vergewaltigungsopfer in Talkshows geschleift werden, um über ihre Erfahrungen zu berichten – und anschließend ein Experte erklärt, wie es dazu kommen konnte und was das für unsere Gesellschaft bedeutet: Opfer und Experte werden immer als zwei Personen gesehen. Dabei sind wir Betroffene doch selbst Expertinnen, die auch noch dazu die Erfahrung selbst gemacht haben. Als solch eine Expertin möchte ich mich artikulieren und nicht mehr die Welt von anderen erklären lassen.

Was möchtest du mit deiner Arbeit in Deutschland erreichen?

Ich möchte, dass wir innerhalb der nächsten Jahre in Deutschland das nordische Modell einführen. Und dass wir uns in dieser Gesellschaft auf den klaren Standpunkt einigen, dass Prostitution Gewalt gegen Frauen ist. Dass wir in Deutschland nicht das Verhalten von Männern dulden, in Kauf zu nehmen, gegen Geld vergewaltigt zu haben. Denn wenn dieses "Manchmal ist Vergewaltigung okay"-Verhalten geduldet wird, bleibt es garantiert nicht nur bei Frauen in der Prostitution, die vergewaltigt werden.

Das Nordische Modell bietet Ausstiegshilfen für Prostituierte, kriminalisiert Freier und sieht Strafen vor, die weh tun: Geldstrafen für Freier, die am Einkommen bemessen werden oder sogar Gefängnisstrafen. Schweden hat nicht nur als erstes Land das Sexkaufverbot nach dem Nordischen Modell eingeführt – sondern es jetzt sogar noch verschärft. Nun sollen auch schwedische Männer belangt werden, die sich im Ausland Sex kaufen, was aber noch nicht beschlossen ist. Bereits beschlossen ist aber die Ahndung des Sexkaufs mit Hilfe eines neuen zusätzlichen Straftatbestandes, nämlich dem der "fahrlässigen Vergewaltigung". Schweden verschärft das Verbot, Deutschland hat es nicht einmal eingeführt: Das muss sich ändern.

>> R. Kelly: Drei Männer sollen Missbrauchsopfer des Pop-Stars bedroht haben – jetzt wurden sie verhaftet

  • Quelle:
  • Noizz.de