Eva ist nicht drogenabhängig, hat ein abgeschlossenes Studium und einen Job. Sie ist wie die meisten von uns – nur obdachlos. Ihre Geschichte zeigt, wie schnell man sich am Rande der Gesellschaft wiederfinden kann – und wie hart der Aufstiegskampf ist.

Der Tag ist kalt, grau und Gewitterwolken hängen bedrohlich über Berlin, als könnte es jeden Moment ein Donnerwetter geben. Im Nieselregen rennen vereinzelte Gestalten umher, auf dem Kopf Kapuzen, im Gesicht Masken, um sich vor dem Virus zu schützen. Merkwürdig, da heute kaum jemand vor die Tür geht und so zum Überträger werden könnte. Unter der Brücke liegen diejenigen, die keine Wahl haben, ob sie im kuschligen Bett bleiben wollen, oder sich vom Regen durchnässen lassen. Ihre Köpfe sind kaum zu sehen, nur ein paar Haarbüschel ragen über die Ränder ihrer Schlafsäcke.

Eva ist keine von ihnen. Heute nicht.

Im roten Backsteinhaus sitzt sie am offenen Fenster – mal schaut sie auf einen geöffneten Laptop, mal auf das außergewöhnlich schmuddlige Mai-Wetter, das ab und zu Regentropfen auf das Fensterbrett wirft, an dem sie lehnt. "Pumpe" wird das Gebäude genannt, in dem sie seit drei Monaten lebt. Eigentlich ein Jugendkulturzentrum, jetzt aber eine Unterkunft für obdachlose Frauen. Aber nicht mehr lange. In fünf Tagen muss Eva* raus. Und mit ihr zehn andere Frauen, die hier zur Ruhe kommen durften, seit das Virus jeden Menschen zur Gefahr machte, der nicht isoliert in den eigenen vier Wänden sitzt.

Endlich durchatmen in der "Pumpe"

Evas "eigene vier Wände" sind die Räumlichkeiten der "Pumpe" natürlich nicht. Wie sie da auf ihrem Stuhl sitzt, mit entspanntem Lächeln und eingebettet in eine geschäftige Geräuschkulisse, könnte man das jedoch fast denken. Frauen jeden Alters gehen ein und aus, eine von ihnen bedient sich an den quietschbunt-eingepackten Schoko-Eiern, die noch von Ostern übrig geblieben sind. "Was möchtest du essen, Eva?", schallt es aus der Küche – im warmen, aber ungeduldigen Tonfall, der keinen Zweifel daran lässt, wie oft dieser Satz in den letzten Monaten durch die Flure des Hauses gerufen wurde. Drei Monate, in denen die Frauen morgens nicht mit all ihrem Hab und Gut die Unterkunft verlassen und abends Schlange stehen mussten, um wieder einen Schlafplatz zu bekommen. Drei Monate, in denen drei Mahlzeiten am Tag die Regel, nicht die Ausnahme waren. Drei Monate, in denen die Frauen an mehr als nur den nächsten Tag denken konnten.

"Ich habe angefangen zu malen, zu lesen, bin endlich zu sinnvollen Dingen gekommen", sagt Eva und streicht sich eine Strähne ihrer dicken blonden Haare zurück, die etwas zerzaust über ihre Schultern fallen. Wenn man jeden Morgen aus der Unterkunft getrieben werde, seien solche Dinge unmöglich, sagt sie weiter. "Man denkt an nichts anderes, als: Was esse ich heute? Wo schlafe ich?" Am anderen Ende des Zimmers steht ein Regal mit zerlesenen Taschenbüchern und dickbäuchigen Romanen, daneben kleben selbstgemalte Plakate an der Wand, die die aktuellen Hygieneregeln illustrieren.

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Das Virus ist auch hier omnipräsent. Die elf Bewohnerinnen der "Pumpe" müssen im Haus einen Mundschutz tragen. Eva tut sich mit ihrem schwer, zupft immer wieder an dem dünnen weißen Stoff und ist erleichtert, als sie ihn zum Essen abnehmen kann. Die dampfende Portion Spirelli mit Rinderbrühe, die nun vor ihr steht, verbreitet einen Duft im Raum, der einen sofort in die Kindheit zurück katapultiert: Klassenfahrt, Hausmannskost in der Jugendherberge, ein Geräuschteppich aus klirrendem Besteck und lachenden Mitschülern. Für Eva keine besondere Erinnerung. Um nicht zu sagen alltäglich: Ihre Jugend verbrachte sie in einem Internat.

Als sie beginnt von ihrer Jugend zu erzählen, stochert sie nur noch im Essen rum. Der Blick gesenkt, der Appetit vergangen. Dabei scheint ihre Kindheit auf den ersten Blick nicht von den Dingen geprägt, die man mit späterer Obdachlosigkeit assoziiert: Armut, Suchtkrankheit der Eltern oder häusliche Gewalt. "Körperlich gewalttätig war meine Familie nicht", sagt sie. "Aber sie war für mich nie der Rückhalt, zu dem ich mich flüchten konnte, wenn etwas einbrach." Evas Mutter arbeitete als Lehrerin, doch neben der Arbeit noch eine Tochter zu versorgen, belastete sie zu sehr, wohl wegen einer psychischen Erkrankung, wie Eva vermutet. Also zog sie zu ihrer Großmutter. "Als meine Oma gestorben ist, war damit auch der Teil der Familie weg, bei dem ich leben konnte", sagt Eva. Dabei zieht sie sich die überlangen Ärmel ihres violetten Strickpullovers über die Hände und friemelt an den Maschen herum. Nach dem Tod ihrer Großmutter ging es ins Internat. Nur in den Ferien besuchte sie ihre Mutter oder Tante. Ihr Vater, ein Venezolaner, der erheblich älter ist als ihre Mutter und lange nicht mehr in Deutschland lebt, spielte nie eine Rolle in Evas Leben.

Keine "typische Obdachlose"

Keine sorglose Kindheit – aber eine, die wohl mit der von vielen Menschen vergleichbar ist, die später nicht mit Obdachlosigkeit zu kämpfen hatten. Und das irritiert. Eva ist keine "typische Obdachlose". Ihr Lebensweg ist viel eher ganz und gar durchschnittlich. Abitur, abgeschlossenes Bachelor-Studium der Chemie, ein Praktikum hier, ein Studentenjob da. Doch was unterscheidet sie von anderen 30-Jährigen, die in Drei-Zimmer-Wohnungen sitzen und deren größte Sorge die nächste Beförderung ist? Es ist so erschreckend wie schlicht: unglückliche Zufälle.

Nach ihrem Bachelor-Studium ist es im September 2018 vorbei mit Evas "normalem" Leben. Ihre Tante, die sie vorher finanziell unterstützt hatte und ihre Miete zahlte, dreht den Geldhahn zu. Eva soll endlich ins Berufsleben einsteigen. Doch das will nicht so richtig klappen. Eva kündigt ihr WG-Zimmer, findet aber so schnell kein günstigeres. Sie lagert ihr Hab und Gut in einen Container ein, nur das Wichtigste trägt sie in einem Rucksack mit sich umher. Ein Fehler. Der Rucksack wird ihr gestohlen, all ihre Dokumente sind weg. Hilfe von Ämtern will sie sich nicht holen – zu sehr hatte man ihr in ihrer gutbürgerlichen Familie eingeimpft, kein "Sozialschmarotzer" zu sein.

Dann will sie in Frankreich den Neustart wagen. Das Land übt schon immer eine Anziehungskraft auf sie aus, ist ihre Traumvorstellung eines fröhlichen und positiven Ortes, an den sie sich seit ihrer Kindheit wünschte. Die Sprache beherrscht sie bereits. Doch statt eines Senkrechtstarts geht es steil bergab. Den Herbst und Winter über ist sie zum ersten Mal richtig wohnungslos und muss auf der Straße schlafen. "Es war wie ein Strudel nach unten", beschreibt Eva diese Zeit. "Mir ging es wirklich, wirklich schlecht." Sie ist sozial isoliert, kann mit keinem Menschen über ihre Situation sprechen. "Aber das wollte ich auch genau so. In dieser Situation hätte ich wahrscheinlich nur Menschen angelockt, durch die es mir noch schlechter ergangen wäre", sagt sie. Doch die Pariser seien sehr freundlich gewesen, Essen habe sie dank Sozialarbeitern stets genug gehabt. Im Januar hat sie wieder genug Kraft, um den Entschluss zu fassen: Ich muss zurück nach Deutschland.

Albtraum in München

Doch auch hier geht ihr Traum eines Neustarts nicht in Erfüllung. Unterschlupf findet sie in einer großen Münchner Sammelunterkunft für obdachlose Männer und Frauen. Die Zustände beschreibt sie als Albtraum. Die Toiletten werden nicht geputzt, haben nicht einmal Klobrillen. Und das sei nur der Spitze des Eisbergs, sagt Eva. Jeden Morgen muss sie mit all ihren Sachen die Unterkunft verlassen, nur um sich abends rechtzeitig wieder für einen Schlafplatz anzustellen. "So sollen die Leute vertrieben werden, sie sollen es sich nicht gemütlich machen und sich deshalb nicht mehr um eigenen Wohnraum bemühen", sagt Eva. Das könne sie einerseits verstehen. Doch wohin die unhaltbaren Zustände in der Unterkunft führen, zeigt die Odysse, die Eva in den folgenden Wochen durchlebte.

"Ich hatte es geschafft, mich erfolgreich für eine Vollzeitstelle in einer Agentur zu bewerben", erzählt sie. "Aber ich konnte mich wegen meiner Wohnsituation nicht auf die Arbeit konzentrieren." Zwar konnte Eva sich waschen und duschen, trotzdem sei wohl aufgefallen, dass sie in desolater Verfassung sei und ihr Auftreten nicht schick und angemessen. Ihr wurde gekündigt. Ein Teufelskreis. Kein Wohnraum ohne Arbeit, keine Arbeit ohne Wohnraum.

Doch was ihr noch mehr zusetzt, ist eine Sozialarbeiterin in München. In einem Gespräch empfiehlt sie Eva, sich als Zimmermädchen oder Putzfrau zu bewerben – trotz ihres Studienabschlusses und ihrer Arbeitserfahrung in der IT. Einen besser bezahlten Job anzustreben sei völliger Quatsch, sagt sie Eva. "Ich hatte fast das Gefühl, dass sie mich kränken wollte. Oder mir zumindest zeigen wollte, wo ich in der Gesellschaft stehe und mir einen Stempel aufdrücken, mit dem ich mich aber gar nicht identifiziere", sagt Eva. So etwas geht nicht spurlos an der Selbstwahrnehmung vorbei. "Vor dieser Phase meines Lebens und dem Gespräch mit der Sozialarbeiterin habe ich mich nie faul gefühlt", sagt Eva. "Jetzt habe ich aber ganz häufig das Gefühl, dass ich sagen muss 'Ich bin doch ganz fleißig'. Oder, dass ich mich selbst faul fühle. Erst meine Tante und dann die Münchnerin. Irgendwann fängt man an, das selbst zu glauben."

Nach weiteren geplatzten Jobs steigt Eva in den Zug nach Berlin – und landet in der "Pumpe". Ein Glücksfall. Nach ihrer mehr als einjährigen Odyssee kann sie wieder durchatmen, nimmt erstmals wieder Freelancer-Jobs in der Übersetzung an. Genug Essen, WLAN und sogar ein eigenes Zimmer als Rückzugsraum bieten ihr wieder Boden unter den Füßen. Doch damit ist es in fünf Tagen vorbei. Nicht nur Eva wird damit ihr Schutzraum genommen.

Angst vor der ungewissen Zukunft

"Bei einigen der Frauen*, die hier wohnen, weiß ich nicht, was mit ihnen passiert und wo sie unterkommen sollen, wenn wir schließen", sagt Malaika Neu. Die 32-Jährige ist Koordinatorin der "Pumpe" – neben ihrem Studium der Sozialen Arbeit. Malaikas Büro ist ein umfunktioniertes Schlafzimmer – das verrät das Doppelstockbett, das ein Drittel des kleinen Raumes einnimmt. Ihre drahtige Gestalt und das energetische Auftreten geben einen kleinen Eindruck davon, wie sie es schafft, neben dem Studium eine Unterkunft zu managen und hin und wieder sogar auf einzelne Bedürfnisse der Bewohner*innen einzugehen.

Neben Eva wohnen auch Frauen in der "Pumpe", deren Lebensgeschichten man in Zusammenhang von Obdachlosigkeit kennt. Drogenabhängige Frauen, Sexarbeiterinnen, Frauen die Erfahrung mit sexualisierter Gewalt haben. Für sie ist es besonders schlimm, wenn die "Pumpe" nun schließt, sagt Malaika. Sie alle werden sich nun eine neue Bleibe suchen müssen – und Pläne für danach machen.

Zwei Zimmer weiter sitzt Eva noch immer am halb geöffneten Fenster und hat ihren leeren Teller gegen den Laptop getauscht. Sie bewirbt sich für Freelancer-Jobs, um bald wieder Fuß fassen zu können. Ihr Traum ist es, irgendwann in der Schweiz zu leben, wo sie neu starten und einen richtig gut bezahlten Job finden will. Bei der Vorstellung kichert sie. Das klinge ja, als greife sie nach den Sternen und wolle Millionärin werden. Dabei wolle sie einfach nur von ihrer Arbeit leben können. Und die schreckliche Phase ihres Lebens hinter sich lassen, in der sie immer noch steckt. Ob sie diese auch emotional hinter sich lassen kann?

"Ja, ich denke schon. Ich glaube, dass diese Zeit Wunden hinterlassen hat, aber dass ich das gut verdrängen kann", sagt sie. Verdrängen, nicht verarbeiten. Dazu müsse man über das Thema reden und das sei ihr unangenehm.

Die Ärmel ihres Wollpullovers hat Eva nun wieder hochgekrempelt – sie schwelgt nicht mehr in Erinnerungen, sondern arbeitet Pläne für die Zeit nach der "Pumpe" aus. Auf ihrem Laptop öffnet sie den Beweis dafür, dass die Rückschläge sie nicht klein bekommen haben: ein Ticket nach Paris.

*Name von der Redaktion geändert

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Quelle: NOIZZ-Redaktion