Es galt als Europas größtes Bordell, doch das Arbeitsverbot für Sexarbeiter*innen während der Corona-Pandemie trieb das Pascha in die Insolvenz. Nun befürchten viele Bordellbetreiber*innen und ihre Mitarbeiter*innen, dass ihnen ein ähnliches Schicksal droht.

Es ist ein absoluter Paukenschlag, denn das "Pascha" ist trotz oder gerade wegen seines anrüchigen Images eine Kölner Institution. Jeder kennt es, mit seinen elf Stockwerken, einem hauseigenen Nachtclub und Wellnessbereich galt es als Europas größtes Bordell – und trotzdem muss es nun dichtmachen. Seit März war das Freudenhaus aufgrund der Corona-Verordnungen geschlossen und hat nun Insolvenz angemeldet. Die Pleite beunruhigt Sexarbeiter*innen im ganzen Land. Denn wenn einer der großen Player die Krise nicht packt, wie sollen kleinere Etablissements oder gar Selbstständige das packen?

>> Trotz Corona-Pandemie: Sexarbeiter*innen wollen wieder arbeiten – warum es so gefährlich ist, das zu verbieten

"Wir sind am Ende", sagte Geschäftsführer Armin Lobscheid dem Kölner "Express". Der Hauptgrund: Das andauernden Prostitutionsverbots während der Corona-Krise hat alle Rücklagen aufgebraucht. Die laufenden Kosten für das zehnstöckige Gebäude in Neuehrenfeld, in dem rund 60 Angestellte wie Masseur*innen, Handwerker*innen und Köch*innen arbeiteten, seien einfach zu hoch. Rund 120 Prostituierte arbeiten normalerweise in dem Haus – sie arbeiten dort jedoch selbstständig und zahlen dem Pascha eine Provision.

Die Sexarbeiter*innen stehen vor der Existenzbedrohung

Das Pascha in Köln

Im Moment haben Sexarbeiter*innen aufgrund der Pandemie quasi ein Berufsverbot – Nachtclubs und Table-Dance-Bars sind geschlossen, genauso wie Bordelle und FKK-Clubs. Pascha-Geschäftsführer Lobscheid kritisiert daher die Politik. Sie würde die gesamte Branche hinhalten.

"So können wir nicht planen. Wir hätten die Insolvenz mithilfe der Banken vielleicht abwenden können, wenn man uns zugesagt hätte, dass es Anfang nächsten Jahres wieder losgehen kann."

Seit Monaten fordern die Branche, Gewerkschaften und die Sexarbeiter*innen selber, dass es endlich einen gesetzlichen Rahmen für ihre Tätigkeit geben solle. Vor allem, damit die meisten ihren Job wieder legal und sicher ausführen können. Jeder in der Branche wisse, dass das Geschäft mit dem käuflichen Sex munter weitergehe, Corona hin oder her.

Das blaue Hochhaus besteht aus mehr als hundert Appartements, in denen Prostituierte arbeiten. Dazu kommt eine eigene Infrastruktur aus Restaurant, Bistros, Waschsalon, Hausmeisterservice, Sonnenstudio, Schönheitssalon und weiteren Einrichtungen. Für viele, die dort arbeiteten, war das Pascha auch ein Zuhause. Laut Lobscheid wohnen noch zwei Frauen in dem Haus, weil sie nicht wüssten, wo sie sonst leben sollen.

Viele sind verzweifelt

So sah der Nachtclub im Pascha aus.

Die Branche fordert schon seit Längerem eine Wiedereröffnung und warnt vor den Folgen einer anhaltenden Schließung. Prostitution wird durch die Pandemie hauptsächlich in illegale und unregulierte Bereiche verlagert, wo Frauen* weit weniger geschützt sind. Zuletzt haben Sexarbeiter*innen unter anderem schon auf der Reeperbahn in Hamburg und in Düsseldorf demonstriert, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen.

Der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen etwa hat Hamburgs rot-grünen Senat aufgefordert, die wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Bordelle wieder zu öffnen. Gerade bei steigenden Infektionszahlen sei es besser, dass Sexarbeit legal und kontrolliert stattfinde, als illegal und unkontrolliert.

"Wir fordern Sie auf, das ursprüngliche Hamburger Konzept der stufenweisen Öffnung für Sexarbeit umzusetzen – natürlich mit Hygienekonzept."

Sexarbeitende haben pro Tag im Schnitt zwei bis drei Kunden – und auch in NRW, wo eben auch das Pascha ansässig war, fürchten immer mehr Sexarbeiter*innen um ihre Lebensgrundlage. Dort betonte Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU, dass für Bordelle derzeit keine Änderung bei der Coronaschutzverordnung geplant sei, weil die Abstandsregeln dort unter keinen Umständen einzuhalten seien.

In Berlin dagegen dürfen seit dem 1. September unter strengen Hygieneauflagen auch sexuelle Dienstleistungen mit Geschlechtsverkehr wieder zulässig sein. Das Hauptproblem ist für viele die mangelnde Perspektive, wie Harriet Langanke, Geschäftsführerin der Stiftung Sexualität und Gesundheit betont:

"Bei Sexarbeit schwingt aber immer die Moralkeule mit.“

Dabei gebe es mit den Gesundheitsämtern erarbeitete Hygienekonzepte auch für diese Branche. Dazu gehöre das Tragen von Mund-Nasen-Schutz und die Angabe von Kontaktdaten der Kunden.

Wie sieht die Zukunft der Sexarbeiter*innen aus?

Eine Teilnehmerin bei der "Öffnet die Bordelle!"-Demo in Düsseldorf.

Laut dem "Express" bringe die Schließung des Paschas auch für das Kölner Ordnungsamt neue Probleme. Die meisten Prostituierten, die dort gearbeitet haben, werden wohl auch danach mit käuflichen Sex ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Kontrolle von Kondompflicht und Hygieneregeln wird dann jedoch deutlich schwieriger. Mit dem Pascha konnte das Ordnungsamt sich offen austauschen und bekam zuverlässig Auskunft.

Die deutsche Prostituierten- und Frauenrechtsorganisation Doña Carmen bezeichnete die Pascha-Pleite als "Fanal". Der Frankfurter Verein setzt sich für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten ein. Der Verein befürchtet, dass weitere Insolvenzen folgen werden. Insbesondere die Sexarbeiter*innern seien die Leidtragenden dieser Entwicklung. Aktuell sind nach Angaben von Doña Carmen in zehn Bundesländern Bordelle komplett geschlossen. Sechs Länder, darunter Niedersachsen und Berlin, erlauben demnach inzwischen wieder Öffnungen unter bestimmten Auflagen.

Was mit dem Gebäude nun passieren soll, ist ungewiss. Eine Nutzung als Flüchtlingsunterkunft ist eher unwahrscheinlich, da aufwendige Umbauarbeiten folgen müssten. Eine weitere Nutzung als Bordell scheint, so lange das Coronavirus noch akut ist, ebenfalls nicht möglich.

[Recherche: mit dpa]

Quelle: Noizz.de