Warum es keinen Sinn macht, über Eventualitäten nachzudenken.

Wir freuten uns, als wir in Peru in den Bus von Arequipa nach Chivay stiegen. Er war heruntergekommen - die offenen Fenster klapperten in ihren verrosteten Halterungen, die Sitzpolster waren abgesessen und der Geruch von Metall kroch uns in die Nase.

Drei Wochen mussten wir in Peru mit unserem Budget auskommen, da war dieser Bus ein guter Deal. Die vierstündige Strecke von Arequipa nach Chivay führte uns über ebene Landstraßen bis in die Berge, wo sich die Straße Richtung Himmel schlängelte und anschließend wieder ins Tal zu führte.

Die Fahrbahn war schmal und nicht gepflastert. Kühe und Lama-Herden bevölkerten den Straßenrand, hin und wieder liefen einzelne Tiere auf die Straße. Flüsse verliefen streckenweise über den Fahrweg und ab 18:30 Uhr war es zappenduster.

Wir mochten das Abenteuer, das „Lebensnahe“, und lachten über jedes Holpern im Bus.

Zwei Wochen später waren wir wieder in Berlin und konnten nicht glauben, was wir im Fernsehen sahen: „Busunglück in Peru, zwei deutsche Touristen getötet“.

Ich begann sofort zu googeln: Was war passiert, wo, wie und warum? Zwar hatten wir schon von vielen Busunglücken in Peru gelesen - und klar, manchmal kam uns auch der Gedanke „das könnte uns auch passieren“ – doch schnell beruhigten wir uns wieder. „UNS passiert das doch eh nicht“.

Ja, wir hatten die Strecke ohne Unfall überstanden. Doch nun diese Nachricht! So kurz nach unserem Urlaub.

Ein Bus liegt nach einem Unfall am Rande der Küstenstraße im Süden Perus. Bei dem Busunglück sind 30 Menschen ums Leben gekommen

„Das hättest du sein können“ – ein Satz, der uns allen mal durch den Kopf geht, wenn wir Reportagen über auf dem Heimweg vergewaltigte Mädchen lesen oder Fernsehbeiträge über ausgeraubte Wohnungen im dritten Stock schauen.

Der Satz schweift unsere Gedanken, aber er bleibt nicht. Wir vergessen die Geschichte schnell, denn da draußen gibt es noch eine ganze Welt voller Katastrophen, über die es nachzudenken gilt.

Doch dieses Mal hat der Satz eine starke Wirkung. Die Strecke, auf der die beiden Deutschen in Peru verunglückten, ist exakt dieselbe, die ich und meine Reisebegleitung nur zwei Wochen zuvor mit dem Bus gefahren sind.

Ich erinnere mich noch genau an die Busfahrt und fühle mich wie in einem parallelen Universum. Das hätte auch mir passieren können – dann wäre ich nie wieder nach Hause gekommen. Normalerweise berührt mich so etwas wenig, aber plötzlich schießen mir Tränen in die Augen. Ich stelle mir meine Oma vor, die den Beitrag im Fernsehen sieht. Die tagelang versucht, mich zu erreichen, bis das Auswärtige Amt meinen Eltern die schlechte Nachricht überbringt.

Ich schaue mir immer und immer wieder die Videos unserer Busfahrt an und gehe die Fahrt in meinem Kopf durch. Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, im Bus zu sitzen und plötzlich der unkontrollierten Geschwindigkeit ausgesetzt zu sein. Durch das Fenster nur noch wirbelnden Staub zu sehen, keine Schwerkraft mehr zu spüren - und dann den wuchtigen Aufprall zu spüren. In Gedanken sehe ich, wie die Sitze um mich herum zerdrückt werden.

Es gruselt mich, wie realistisch ich mir alles vorstellen kann und dieses Mal schießt mir der Gedanke in den Kopf: „Das wärst du gewesen, hättest du den Bus nach Chivay zwei Wochen später genommen“.

Ich möchte mich nicht in die Sache reinsteigern. Ich will nicht immer Angst davor haben, was „hätte“ passieren können und was mir im Leben zustoßen „könnte“. Ich möchte keine Wahrscheinlichkeiten berechnen, um dann festzustellen, dass wahrscheinlich doch alles gut gehen wird.

Alle Eventualitäten durchzurechnen würde länger dauern, als das ganze Leben. Weil du gedanklich plötzlich ganz viele „parallel verlaufende Leben“ hättest, um die du dich sorgen müsstest. Wenn du so viel darüber nachdenkst, was alles passieren könnte, läuft eines der vielen Leben unbemerkt an dir vorbei: das Eigene, das Leben im Hier und Jetzt. Das Leben, das wirklich zählt.

Vielleicht sollten wir lieber die Augen auf dieses Leben richten, statt mit ihnen vorm Smartphone sitzend die Wahrscheinlichkeit vom Tod durch Hai-Angriffe in den Bahamas oder Zugunfälle in Peru zu googlen.

Quelle: Noizz.de