„Das Leben danach“ ist ein drastischer Blick auf das Drama und seine Folgen.

Es ist ein wichtiger Tag für die Angehörigen derer, die in der Massenpanik 2010 auf der Loveparade starben: Der Prozessauftakt jetzt, mehr als sieben Jahre danach. Angeklagt sind vier Mitarbeiter des Veranstalters „Lopavent“ und sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg. Der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland war nach dem Unglück scharf kritisiert worden, sitzt in dem Verfahren aber nicht auf der Anklagebank.

Die Vorwürfe gegen die Angeklagten: fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung. 21 Menschen starben 2010.

Der ARD-Film „Das Leben danach“ ist in der Mediathek abrufbar. Er zeigt anhand eines bewegenden Einzelfalls noch einmal, wie viel Leid die Katastrophe über die Betroffenen und ihre Angehörigen gebracht hat.

Am 24. Juli 2010 feierten 1,4 Millionen Menschen die „Love Parade” im alten Güterbahnhof in Duisburg. Das Techno-Festival steht für Frieden, Liebe und Spaß. Doch das Event endete in einem Drama, wie es Deutschland bis dato nicht kannte.

Im einzigen Ein- und Ausgang zu dem Feier-Gelände – einem Tunnel – kam es zur Massenpanik. Die Videos und Bilder von der Menschenmasse, in der teilweise sechs Menschen pro Quadratmeter aneinander gepresst standen, gingen um die Welt.

Bis heute sind die Umstände nicht rechtlich aufgearbeitet. Nach einem langjährigen Kampf wird am 9. Dezember 2017 endlich der Prozess eröffnet. Veranstalter, Behörden, Gutachter und Einsatzkräfte mussten bisher keine Konsequenzen aus der Tragödie ziehen.

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Für Opfer und Angehörige eine unfassbare Belastung. Zum 5. Jahrestag der Katastrophe gab es eine Gedenkfeier in Duisburg, von der ich berichtete. Aus der ganzen Welt kamen Menschen, die von der Katastrophe betroffen sind, zusammen, um den Opfern zu gedenken.

Am Anfang stand ich am Eingang des Tunnels, der riesengroß und gleichzeitig winzig klein wirkte. Hier mussten über eine Million Menschen durch – deshalb erschien er mir klein. Jetzt lag er vor mir und war leer. Er strahlte etwas Düsteres aus und wirkte deshalb auch riesig auf mich.

Wir warteten, um den Opfern und Angehörigen an dem Ort, wo 21 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden, genug Zeit und Freiraum zu bieten, um zu trauern. Die „Nacht der 1000 Lichter” sollte mit einem Mahnmal und vielen Lichtern am Fuße der Rampe, die vom Tunnel zum Gelände führte, den vielen Opfer gedenken.

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Als wir Reporter auch zum Mahnmal durften, waren viele Betroffene gegangen. Sie wollten nicht mit der Presse sprechen und auch nicht auf Fotos auftauchen. Verständlich. Doch auch viele blieben und waren bereit, mit uns zu sprechen. Sie wollten mit uns sprechen. Klar machen, wie es ihnen geht. Und das sollte die ganze Welt erfahren.

So auch Jackie (Name geändert), die gemeinsam mit ihrem Mann die Loveparade 2010 besuchte. Beide überlebten. Doch als sie anfing zu erzählen, wie sie die Massenpanik erlebte, zitterte ihre Stimme. Sie sagte, dass sie bis heute Schlafstörungen und Angstattacken habe. Wir sprachen 20 Minuten und sie erzählte mir alles sehr detailliert.

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Spätestens da war mir endgültig klar: Diese Frau hat überlebt, aber sie wird nie wieder normal leben können. Ihre Kinder würden immer spüren, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt, erzählte sie. In einer Therapie suche sie nach Hilfe. Aber ihr Leben und das ihrer Familie wird immer von dem einen Tag im Juli vor sieben Jahren geprägt sein.

Während ich den ARD-Film „Das Leben danach” sah, der eine fiktive Überlebende zeigt, fragte ich mich immer wieder, wie es wohl Jackie geht. Wie denkt sie über den Film? Schaut sie ihn überhaupt an? Oder will oder kann sie nicht? Ich weiß es nicht.

Aber ich kann mir vorstellen, dass Opfer und Angehörige den Film begrüßen – auch wenn sie ihn selbst nicht ansehen können. Die Hauptrolle, die 24-jährige Antonia, die mit 17 Jahren in der Massenpanik fast gestorben wäre, zeigt mit grausamer Ehrlichkeit, was so ein Ereignis mit der Seele anstellen kann.

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Sie ist verrückt und durchgeknallt, wie sie selbst sagt: „Wir, die überlebt haben, sind die Kaputten. Die Arschlöcher, die überlebt haben.” Panikattacken, Albträume, die Bilder der Massenpanik in ihrem Kopf, Selbstmordgedanken und der Hang zur Selbstzerstörung begleiten Antonia jede Sekunde ihres jungen Lebens.

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Sie geht sogar mit dem Mathematiker ins Bett, der in einem Gutachten für die Loveparade 2010 keine Bedenken äußerte. Und terrorisiert ihr Umfeld so lange, bis sogar ihre Eltern und ihre Selbsthilfegruppe mit anderen Loveparade-Betroffenen sie rausschmeißen.

Der Film lässt offen, was aus Antonia wird. Der Film lässt nicht offen, wie schlimm es sein muss, so eine Katastrophe erlebt zu haben. Er zieht jeden mit runter in das tiefe Loch der Verzweiflung, sodass man einen Eindruck von dem bekommt, was die echten Überlebenden durchgemacht haben müssen.

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Der Film ist in der ARD-Mediathek verfügbar und für jeden ein Muss, der Emphatie für Betroffene zeigen und empfinden möchte. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar, dass der Film so knallhart zeigt, wie es den Überlebenden teilweise ergeht.

Quelle: Noizz.de