Es gibt schlimmere Dinge als ein Wandtattoo. Viel schlimmere.

Egal, ob ihr euch gerade erst kennengelernt habt oder schon ein paar Wochen miteinander chillt. Irgendwann kommt der Moment, da geht es in seine Wohnung. Die Stunde der Wahrheit.

Noch vor der Wohnungstür verhaken sich eure Zungen in einem fieberhaften Tanz. Ungeduldig stoßt ihr die Tür auf, längst haben Hormone die Kontrolle übernommen.

Während ihr euch noch präkoital am Schuhschrank schubbert, machst du versehentlich kurz die Augen auf – und erstarrst: Direkt in deinem Blickfeld prangt ein mächtiges „Carpe Diem“-Wandtattoo, daneben wippt die Winkekatze mit ihrer Goldpfote. „Gut“, redest du dir ein, „kann ja mal vorkommen. Vielleicht gibt's hier einen geschmacksverirrten Mitbewohner.“ Tapfer machst du die Augen zu. Wacker weiterknutschen!

Ihr taumelt noch immer voneinander berauscht ins Schlafzimmer und lasst euch zusammen auf die Einzelmatratze fallen. Ja, eine Einzelmatratze. Auf dem Boden, ohne Gestell, 90 Zentimeter schmal.

Dein Gegenüber scheint zu spüren, dass deine Wallungen und damit auch die Aussichten auf Geschlechtsverkehr etwas abflachen. „Ich mach' uns mal ein bisschen Stimmungsmusik an“, hörst du das Flüstern in deinem Ohr und denkst: „Ja, doch, damit kann man so einiges rausholen. Ein guter Musikge-... “ Es ertönt: der Bolero von Maurice Ravel.

Während du noch um Fassung ringst, sticht dir die Bettwäsche ins Auge: Fußball-Fan-Edition, RB Leipzig. Angewidert wendest du den Blick ab.

Doch was du dann siehst, erschüttert dich zutiefst: Auf dem Nachttisch prangt ein digitaler Bilderrahmen, darin läuft eine Slide-Show von dem Objekt deiner Begierde – das sich unterdessen daran gemacht hat, dir die Hose auszuziehen – und einer unbekannten Frau. Abwechselnd in Pärchen-Funktionsjacken-Motiven und steifen Posen in Reizwäsche. Seine Ex?

Vor dem Rahmen liegt, du musst zweimal hinsehen, ein fein säuberlich zusammengefegtes Häuflein Nagelschnitt.

Du öffnest den Mund, doch bevor du irgendwas Empörtes sagen kannst, quäkt Spotify-Werbung aus der Box. „Sorry“, wispert er beschwichtigend. „Ist ein bisschen knapp bei mir grade. Aber ist ja gleich vorbei.“ Was sind 30 Sekunden Werbung im Vergleich zu mindestens fünf Minuten feuriger Vereinigung? Er lächelt verschmitzt. „Puh“, denkst du. „Schwierig. Aber wo ich doch schon mal hier bin ...“

Ihr versinkt wieder in halbleidenschaftlicher Umarmung und wälzt euch mutwillig umher, so gut es auf 90 Zentimetern eben geht. Bis es unvermittelt in deinem linken Ohr reißt. Irgendwo in den Falten des fleckigen Biber-Bettlakens hat sich offenbar ein getragener, strassbesetzter G-String verfangen, der jetzt in deinem Ohrring baumelt. Deiner kann es nicht sein, du hast deine Unterwäsche noch an und außerdem Geschmack.

Unter einem gemurmelten Vorwand huschst du zuckend ins Bad, wo dich ein eindeutig mutiertes Rudel Silberfische freudig empfängt. Angeekelt tänzelst du an ihnen vorbei, klappst den Klodeckel hoch – und mit einem leisen Würgen direkt wieder runter. Schnell irgendwas trinken!

In der Küche findest du zwischen 10.000 Pfandflaschen wundersamerweise einen Pfad zum Kühlschrank. Aber als du ihn öffnest, treibt dir der bestialische Ammoniakgestank aus dem Stand die Tränen in die Augen. Du wimmerst und wünschst – Hormone hin, Libido her – du wärest ihm nie begegnet.

Plötzlich steht er in der Tür, gänzlich unbekleidet – das heißt, bis auf die „Dort -> Mund“-Boxershorts – und fragt: „Ist alles okay?“ Du siehst den AfD-Mitgliedsantrag auf dem Küchentisch und sagst endlich das, was du schon vor zehn Minuten hättest sagen sollen:

„Oh Gott, ich muss leider sofort los – äh, ich hab' noch Wurst im Auto.“

Quelle: Noizz.de