Erst f*#n, jetzt lieben?

Die Berliner Verkehrsbertriebe lieben mich. Ebenso der Bäcker gegenüber. Und ein Schokoladenhersteller und mein Sportstudio. Ja, sogar der Hersteller einer Software, mit der ich täglich arbeite. So viel Liebe.

Ihr liebt mich also? Ernsthaft? Sorry, aber das glaube ich euch nicht. Und selbst wenn es so wäre: Ich möchte das nicht.

Der Wunsch, von allen geliebt zu werden, nahm noch nie ein gutes Ende. Nicht nur im Märchen heißt es: Alles hat seinen Preis. Die Liebe, die ich gerne annehme, erlebe ich zu Hause. Die Liebe, die Markenhersteller oder Spam-Mail-Verfasser meinen, die richtet sich auf meinen Geldbeutel. Nicht sofort, erst kommt die Aufmerksamkeit, dann die Rechnung.

Ich bin nicht prüde, denke ich zumindest. Ich finde, Werbung darf auch sexy sein. Der menschliche Körper ist ein Wunder, das bewundert werden darf. Nur weil das mit den Reizen und Wundern an jeder Ecke wiederholt und übertrieben wurde, weil man Autoreifen, Joghurt und Werbekugelschreiber mit Sex anpreist, ist es offenbar irgendwann genug geworden. Wenn Leidenschaft von jeder Plakatwand lockt, geht die Lust irgendwann flöten.

Der neue heiße Scheiß ist deshalb jetzt die Liebe. Das gab es schon einmal, als witzige „Ich ❤ dich, ❤ mich, ❤ meine Stadt ...“-T-Shirts und -Tassen. Nach dieser Inflation der Herzen kam die Raute, die auf einem stimmungsvollen „Paar-Selfie“ natürlich aus zwei Händen, was auch sonst, ein Herz formt. Fraglos besser als geballte Fäuste und hasserfüllte Blicke.

Dennoch frage ich mich: Ist Liebe so beliebig, dass ein Verkehrsbetrieb seine Millionen Kunden (und Millionen Touristen) ernsthaft lieben kann? Tag für Tag? Wer ist das, der so ein großes Herz hat? Von den einzelnen Mitarbeitern möchte ich Liebe auch gar nicht verlangen. Freundlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Rücksicht – das alles wäre aber schon super. Und das klappt ja nicht einmal.

Mir wird Liebe versprochen, geliefert werden mir aber nur Verhaltensweisen, die aber nur das Prädikat „liebevoll“ verdienen könnten – würden sie denn auch gelebt, würden den Worten Taten folgen.

Was bedeutet Liebe? Was bedeutet sie einem Einzelnen, einem frisch verliebten Paar oder bereits zwei Jahrzehnte verheirateten Partnern? Gewiss nicht dasselbe wie einem Vorstand, der seine Bilanzen prüft.

Liebe ist nicht Verliebtheit, die jemanden überfallen kann, Liebe ist eine Entscheidung, ein Prozess und ein Versprechen. „Ich liebe dich“, sagt, dass ich mich dafür einsetze, dass es dir gut geht, dass ich dir wünsche, dass du glücklich bist und dass du meine höchste Priorität darstellst. Dass ich, wenn ich die Wahl unter allen Menschen auf diesem Planeten hätte, mich für dich entscheide. Wenn ich liebe, setze ich für dich alles ein, was ich habe.

In Amerika ist „I love you“ rasch gesagt, zumindest erweckt es den Anschein. Dort liebt in der Umgangssprache jeder jeden und alles. Wie die Dating-Regeln und die alternativen Fakten haben wir über Soziale Medien, globale Marken, Filme, Serien, Musik und Showformate eine Interpretation von Liebe importiert, die uns nur etwas verkaufen und eine Ware an die Frau oder den Mann bringen will. Die an uns selbst, an unserer Persönlichkeit jedoch kein Stück Interesse hat.

Da bin ich altmodisch, denn das ist für mich keine Liebe. Ich wünschte mir, dass Liebe nicht so missbraucht wird. Für Liebe lässt sich natürlich keine Definition finden, in der jeder sich und seine Gefühle wiederfindet. Auch das macht die Liebe aus. Doch nur weil Sex sich durch ein Überangebot nicht mehr als Verkaufsschlager erweist, muss jetzt nicht Liebe der neue Sex werden.

Die Folge ist nämlich, dass die Bedeutung von Liebe geschliffen wird. So wie das beim Sex war. Erst durfte niemand nackte Haut sehen, dann nur ein wenig, dann alles, dann alles, aber keine Nippel, schließlich die Kurzfilme im Internet, wo es dann wirklich alles im Detail und in HD und als 360-Grad-VR-Erlebnis gab, bis es denn allen wieder zu viel wird. In jeder Lebenslage wird uns gesagt, wie heiß wir und unser Sex zu sein hätten und dabei wird es frostig in den Betten.

Von wegen sexuelle Revolution. In den Metropolen vielleicht, wo die Singles auf der Suche nach Liebe sich mit ihrer Ration Sex zufriedengeben, sich ablenken oder einfach nur selbst feiern. Überall sonst drückt der Leistungsdruck auf die Stimmung. Stress und Sex kommen nicht gut zusammen.

Es hilft leider nicht, dass Menschen lieber dazugehören möchten als Außenseiter zu sein – schließlich kann das Leben retten – und deshalb so tun, als würden sie lässig alle Erwartungen erfüllen können. Aber die Erzählungen am Montagabend in der Sauna des Sportstudios beweisen doch: Wäre das wirkliche Sex-Leben annähernd so befriedigend wie die Bestätigung durch die Umwelt als Sex-Helden, müssten keine Stromreaktoren für die Server von Erotik-Streaming-Anbietern gebaut werden und die Anzahl von Likes unter dem Urlaubsfoto vom Super-Paar am Super-Strand wäre egal.

Liebe ist etwas Wunderschönes, Sex ist etwas Wunderschönes. Beides zusammen: ein Geschenk. Von einem Schöpfer, von der Evolution, von Mensch zu Mensch – das mag jeder für sich entscheiden –, aber Liebe ist bitte, bitte, kein bereits beim Druck aufs Plakat gebrochenes Werbeversprechen.

Erst f*#n, jetzt lieben? Ich denke, wir könnten vielleicht ja Freunde bleiben.

Quelle: Noizz.de