Weil wegen des Coronavirus Aufträge ausbleiben oder Kunden plötzlich abspringen, stehen viele Selbstständige derzeit plötzlich ohne Einkommen da. NOIZZ hat mit Betroffenen über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Existenz gesprochen.

"Mein Berufsleben ist fast vollständig zum Erliegen gekommen. Ich habe keinerlei Konzerte mehr, nahezu alle Engagements wurden abgesagt", erzählt David Erler, freiberuflicher Sänger aus Leipzig und Initiator der Petition "Hilfen für Freiberufler und Künstler während des '#Corona-Shutdowns'" gegenüber NOIZZ. Bis Montag haben bereits über 189.000 Menschen die Petition unterschrieben, die – so hofft er – Aufmerksamkeit erzeugen kann "dafür, wie unmittelbar und direkt wir Künstler von den unzähligen Absagen betroffen sind".

Denn die Corona-Krise sorgt gerade nicht nur für leer gefegte Straßen, massenweise freie Sitzplätze in der U-Bahn und leere Klopapier-Regale im Supermarkt – sie stellt unsere Gesellschaft vor eine enorme Herausforderung und legt dabei schonungslos die Defizite unseres Systems offen: Denn nicht nur unserem Gesundheitssystem droht Überlastung während dieser Pandemie – auch unser Sozialsystem scheint auf die Menge an Menschen, die gerade auf einen Schlag auf schnelle, existenzsichernde Zuwendungen angewiesen ist, nicht vorbereitet zu sein.

Zu diesen Menschen gehören vor allem Selbstständige, Künstler und Freelancer. Für sie bedeutet das Coronavirus nicht Homeoffice, sondern ausbleibende Kunden, Aufträge und damit Lohn. NOIZZ hat mit drei weiteren Betroffenen gesprochen.

"Ich weiß noch nicht, wie ich in den nächsten Monaten meine Miete bezahlen soll, wenn ich keine Auftraggeber finde."

Charlotte, 26, Hamburg, Kommunikationsdesignerin und -beraterin für digitale Medien

"Für mich ist das Coronavirus gerade für viel verantwortlich. Mehrere Aufträge wurden bereits abgesagt. Ich sollte Social-Media-Management für eine Messe machen, die wurde abgesagt. Ich sollte einen Social-Media-Account für einen Pflegedienst aufbauen, das wurde abgesagt. Alle Netzwerktreffen und damit Möglichkeiten neue Kontakte und Kunden zu finden, werden abgesagt. Messen, die ich als Kundengewinnungsmaßnahmen nutzen wollte: abgesagt. Das alles ist unfassbar beängstigend. Ich weiß noch nicht, wie ich in den nächsten Monaten meine Miete bezahlen soll, wenn ich keine Auftraggeber finde.

Ich beziehe den staatlichen Gründungszuschuss und kann diesen momentan nur dafür nutzen, mich aufzufangen, weil Corona auch so viele Unternehmen verunsichert. Die haben gerade die Sorge, dass ihr eigenes Business zusammenbricht, und wollen deshalb nicht in Werbung finanzieren. Ich würde mir wünschen, dass finanzielle Hilfen wie Gründungszuschüsse und auch Arbeitslosengeld verlängert wird. Auch Menschen die sich gerade in der Arbeitslosigkeit befinden, können in dieser schwierigen Zeit ja gar keine neue Position finden."

"Wenn man die Wirtschaft anschaut, muss man eigentlich schon ein Stück weit pessimistisch sein."

Merlin, Köln*, Freelancer in der Event-Branche

"Mit Corona ist so ziemlich alles an Aufträgen erst einmal weggebrochen – das hängt natürlich auch mit der Event-Branche zusammen. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass gerade Doomsday ist. Dieser Monat ist jetzt erst einmal hart, da wird nicht viel Umsatz kommen. Dann muss man schauen, wie es weiter geht. Das kann ja keiner so genau sagen. Wie ich von Kollegen höre, haben manche Leute auch mehr Aufträge. Wenn man die Wirtschaft anschaut, muss man aber eigentlich schon ein Stück weit pessimistisch sein.

Ich bin noch nicht super lange Freelancer, ich habe noch keinen großen finanziellen Backup. Ich denke, Alteingesessene haben für mehrere Monate auch etwas auf der hohen Kante. Bei mir ist es finanziell okay, aber nicht aus meiner selbstständigen Tätigkeit. Wenn das nicht so wäre, wäre das schon sehr hart, wenn ein komplettes Monatsgehalt wegfallen würde. Es gibt viel mehr Leute, die noch schlimmer dran sind. Ich habe keine großen Fixkosten, aber wenn ich zum Beispiel an den kleinen Laden um die Ecke denke: Da bleiben die Leute weg und die müssen trotzdem noch ihre Miete zahlen."

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"Dass der persönliche Kontakt in den nächsten Wochen eingeschränkt wird, ist für meine Arbeit nicht von Vorteil."

Rebecca, 36, München, freie Journalistin, Redakteurin und Moderatorin

"Während der letzten Wochen hat mich das Thema Corona ziemlich kalt gelassen, letzte Woche hat sich das allerdings etwas gewendet. Ich arbeite als Freelancerin unter anderem in einem Co-Working-Space in München. Dort wurde letzte Woche bekannt gegeben, dass ein Mitglied positiv auf Corona getestet wurde. Einer meiner Kunden bat mich, nächste Woche aus dem Homeoffice zu arbeiten. Ich war für den gleichen Kunden diese Woche noch auf einer Geschäftsreise in Holland, die auch schon auf der Kippe stand. Weitere Geschäftsreisen sind allerdings nicht mehr erwünscht.

Aktuell geht es für mich zwar ganz normal weiter, ich merke aber, dass meine Kunden sensibler sind. Zwei meiner Auftraggeber haben seit Februar aufgrund von Corona bereits wirtschaftliche Einbußen und/oder sogar Verlust gemacht. Genau das macht mir etwas Angst. Die Tatsache, dass es einige meiner Kunden wirtschaftlich negativ treffen könnte, würde mit Sicherheit auch bedeuten, dass sie erst einmal an mir und auch anderen Freelancern einsparen.

Auch dass der persönliche Kontakt in den nächsten Wochen eingeschränkt wird, ist für meine Arbeit nicht von Vorteil. Ich muss viel raus unter Leute und mit Menschen sprechen. Klar geht heute vieles von zu Hause aus, gerade das Schreiben, aber ich befürchte, dass der fehlende persönliche Kontakt mit den Kunden sich auch negativ auf meine Auftragslage auswirken könnte. Ich überlege bereits jetzt, was ich tun könnte, falls ich doch weniger Aufträge bekommen sollte. In Panik bin ich jedoch (noch) nicht. Der März ist noch relativ gut mit Aufträgen gesichert, alles Weitere wird sich zeigen."

*Name und Wohnort von der Redaktion geändert, da die Person anonym bleiben möchte.

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  • Quelle:
  • Noizz.de