Wegen der Pandemie verbringen viele gerade unfreiwillig mehr Zeit miteinander. Das könnte für so manche Beziehungen zur Zerreißprobe werden. Wir haben eine Paartherapeutin gefragt, wie Paare die Corona-Quarantäne überstehen.

Nach mehrwöchiger Quarantäne öffneten am ersten März in der zentralchinesischen Metropole Xi'an erstmals seit dem Ausbruch des Coronavirus wieder die Standesämter – und die konnten sich vor scheidungswütigen Ehepaaren kaum retten. In vielen Regionen sind die Scheidungstermine sogar für mehrere Wochen ausgebucht. Auch in Deutschland wird die Corona-Quarantäne für viele zusammenlebende Paare zur harten Zerreißprobe werden.

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Eine Ausgangssperre wurde wegen der Pandemie hierzulande zwar noch nicht verhängt, die Bevölkerung ist jedoch dringend angehalten Zuhause zu bleiben – und plötzlich sieht der Alltag ganz anders aus: Schluss mit dem öffentlichen Leben, Arbeiten von daheim und viel Zeit mit dem Partner in der gemeinsamen Wohnung. Sehr viel Zeit. Auf einmal ist der Partner immer da. Immer. Wer nicht das Glück einer großen Wohnung teilt, sitzt im Homeoffice auch noch im selben Zimmer.

Ohne bestimmte Absprachen und Regeln ist Streit für Paare in Corona-Quarantäne deshalb vorprogrammiert. Damit bei euch der Haussegen nicht bald senkrecht steht, haben wir die Berliner Paartherapeutin Vera Matt gefragt, wie Paare die Corona-Quarantäne am besten überstehen.

Vera Matt leitet eine Praxis für Paartherapie in Berlin.

Der erste Schritt: Die Situation verstehen und Regeln erarbeiten

Paare sollten sich im Klaren sein, dass jetzt in der Krisenzeit bestehende Schieflagen verstärkt werden. "Das ist nicht schlimm, sondern ein völlig normaler Prozess", erklärt die Paartherapeutin Vera Matt. Denn mehr Zeit mit dem Partner zu haben, heißt nicht zwingend, dass die Zeit besser miteinander verbracht wird – eher im Gegenteil: "Man rutscht auf der einen Seite in so ein Nebeneinanderher und auf der anderen Seite fehlen die persönlichen Auszeiten. Die zusätzliche Zeit, die man jetzt miteinander verbringt, muss daher bewusst qualitativ besser gestaltet werden."

Paare müssen verstehen, dass sie sich in einer völlig neuen Situation befinden. "Es braucht völlig neue Spielregeln, die noch gar nicht definiert sind. Deswegen ist es wichtig, dass man sich am Anfang zusammensetzt und klärt: Was steht gerade an, was ist wirklich wichtig, wer muss gerade was leisten und wie kann man das gut organisieren", sagt Matt. Aus dieser Standortbestimmung sollten dann konkrete Absprachen und Regeln für die folgende Zeit festgehalten werden.

Wie Rollenüberschneidungen zu Konfliktpotenzial führen

Anders als an normalen Arbeitstagen oder am Wochenende ist man im Homeoffice zwar physisch da, aber eigentlich nicht ansprechbar. Das führt zu Rollenüberschneidungen, erklärt die Paartherapeutin. Wie schnell die Situation da eskalieren kann, zeigt sie mit einem Situationsbeispiel:

Ein Partner macht in der Küche Kaffee und ruft: 'Willst du auch einen Kaffee?'. Der andere bearbeitet gerade an einem kniffligen Problem am Rechner und sagt: 'Nein, jetzt nicht. Lass mich bitte arbeiten. Ich brauche jetzt Konzentration.' Der Partner bekommt das in den falschen Hals, fühlt sich außen vorgehalten, findet, der andere hat sich im Ton vergriffen. Der andere sagt: 'Ich muss arbeiten. Du respektierst nicht, dass ich mich konzentrieren muss.' Und zack: Die beiden streiten.

Absprachen und Regeln sind in der Krisenzeit daher unentbehrlich für ein harmonisches Miteinander.

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Die Rolle von Selbstreflexion, Kommunikation und Nachfragen

Wie diese Regeln aussehen, muss jedes Paar für sich selbst definieren. "Ich trainiere meine Paare in der Praxis in Kommunikation und im Nachfragen: Habe ich dich richtig verstanden? Ist es dir wichtig, dass…? Dann das Nachformulieren: Was wir ausprobiert haben, ist schon ganz gut, aber an der und der Stelle klappt es noch nicht so, weil ich mehr Zeit für mich brauche oder mehr Unterstützung oder anderes", erklärt die Paartherapeutin.

Auch Selbstreflexion spielt eine wichtige Rolle: "Mut zu haben, sich mitzuteilen. Was sind meine Bedürfnisse gerade, wie nehme ich dich gerade wahr. Was kommt bei mir an, von dem, was du sagst", so Matt. Ausgehend davon, sei es dann im Umkehrschluss wichtig, mit den Bedürfnissen des anderen wertschätzend umzugehen und sich gute Feedbackregeln anzugewöhnen, um die persönlichen Freiräume auszusprechen, aber auch zu respektieren. Nur so lassen sich Kompromisse eingehen.

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Welche gemeinsamen Aktivitäten sind empfehlenswert?

Frau Matt empfiehlt zwei Dinge: Auf der einen Seite auf ausreichend Auszeit achten, in der man Zeit für sich alleine hat und auf der anderen Seite ausreichend Zeit schaffen, in der man ungeteilte Aufmerksamkeit füreinander hat und nicht nebeneinander her lebt. "Es ist wichtig, dass man gute Rituale schafft und dann wirklich komplett beim anderen ist für eine gewisse Zeit – wo das Handy nicht an ist, wo man miteinander spricht: Was beschäftigt dich? Was hast du geträumt? Was ist bei dir so los? Was glaubst du, was Corona-technisch noch passiert?"

Streit ist nicht per se nicht schlecht.

Was wenn es doch zu viel wird?

Dem Partner zu verdeutlichen, dass man etwas Zeit für sich braucht, ohne ihn zu verletzen, ist laut Paartherapeutin Matt tatsächlich nicht so einfach – aber nicht unmöglich: "Das ist die hohe Kunst und hat mit Selbstreflexion zu tun. Wenn man im ersten Gespräch festhält, wie viel Zeit man für sich alleine braucht, kann man da nachregulieren: Die Stunde morgens reicht mir nicht, ich brauche mittags auch sturmfrei Zuhause. Ich muss alleine mit dem Hund raus. Oder: Ich muss für eine Stunde alleine die Wohnung für mich haben." Mit guten Absprachen können Paare dann dynamisch immer besser werden und die eigenen Bedürfnisse auch immer klarer kommunizieren, sagt Matt.

Was, wenn es doch zum Streit kommt?

"Die positive Absicht von Streit ist durch Reibung mehr Wärme zu erzeugen und Dinge klarer herauszuarbeiten", erklärt die Berliner Paartherapeutin. Streit sei per se nicht schlecht, sondern diene dazu, besser zu werden als Paar. Der Schlüssel ist, Ruhe in die Situation zu bringen und zu klären, was der andere gerade wirklich meint. "Oft fühlen wir uns angegriffen und starten dann zum Gegenangriff durch, woraufhin der andere wieder aufrüstet und so weiter und so fort", erklärt Matt.

Dabei wollen wir meist mit unseren Worten gar nicht verletzen, sondern es fehlt uns an guten Formulierungen. Nachfragen wie "Ich habe es nicht richtig verstanden, worum geht es dir wirklich?", können laut der Paartherapeutin helfen, Klarheit in die Situation zu bringen und zu deeskalieren.

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  • Quelle:
  • Noizz.de