Eine Erzieherin für junge Menschen mit psychischen Erkrankungen erzählt, wie schwer die Corona-Krise Jugendliche, die etwa an Depressionen, Zwangsstörungen oder Essstörungen leiden, belastet.

Yasmin* ist Erzieherin in einer therapeutischen Wohngruppe für psychisch kranke Jugendliche. In der Wohngemeinschaft, die sie als Teil eines Teams aus Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und Therapeut*innen betreut, leben junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren, die die Corona-Krise aufgrund von psychischen Erkrankungen besonders hart trifft.

NOIZZ hat sie erzählt, wie sich das Leben der jungen Erwachsenen seit der Corona-Krise verändert hat, welche Probleme die Isolation für die psychisch kranken Jugendlichen mit sich bringt und wo sie jetzt am dringendsten Hilfe benötigen.

"Bei uns entwickelt sich die Gruppendynamik gerade ganz schnell in eine katastrophale Richtung"

"In unserer Einrichtung leben nicht einfach nur psychisch Kranke, in erster Linie leben hier Jugendliche. Schon für junge Menschen in diesem Alter, die nicht mit zusätzlichen Belastungen zu kämpfen haben, ist es problematisch, wenn es auf einmal heißt: Die Schule fällt aus, ihr habt den ganzen Tag nichts zu tun, aber ihr dürft nicht mehr rausgehen. Man kann sich deshalb vorstellen: Bei uns entwickelt sich die Gruppendynamik gerade ganz schnell in eine katastrophale Richtung – und auch wir Erzieher*innen kommen an unsere Grenzen.

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Wir sind eine offene Einrichtung, das heißt: Wenn jemand nach draußen will, dann darf er gehen. Unsere Konsequenz ist immer: viel reden. Zu Beginn der Corona-Problematik haben wir uns gemeinsam mit den Jugendlichen zusammengesetzt und ruhig besprochen, wie die Lage derzeit aussieht. Wir haben Fragen beantwortet und auch an die Verantwortung für die Gesellschaft, für sie selbst und für die Wohngruppe plädiert.

Manche haben das verstanden, für andere ist die Situation aber gar nicht greifbar. Manche unserer Jugendlichen etwa, legen eher kindliche Verhaltensweisen an den Tag. Sie verstehen gar nicht, was gerade passiert und was Isolation bedeutet. Da kann es schon passieren, dass sie noch immer mehrmals am Tag in den Supermarkt gehen, nur um sich eine Tafel Schokolade zu kaufen. Das zählt aber noch zu unseren kleinsten Problemen.

Teilweise wird es schwer, sie aus dem Bett zu bekommen

Menschen mit Depressionen werden im sozialen Rückzug natürlich nicht weniger depressiv. Für sie ist es total wichtig, eine Tagesstruktur zu haben. Weil nun die Schule wegfällt, fallen depressive Jugendliche in ein Loch. Teilweise wird es schwer, sie aus dem Bett zu bekommen. Man bekommt sie nicht auf. Sie liegen den ganzen Tag im Bett. Traurig und niedergeschlagen.

Jugendliche mit Essstörungen werden gerade durch die leeren Regale im Supermarkt getriggert. Sie haben Angst, dass es bald nichts mehr zu essen gibt. Das würden wir natürlich nie zulassen. Aber die leeren Regale bereiten uns dennoch Probleme. Wir müssen schließlich sicherstellen, dass es ausreichend zu essen gibt. Unsere Besorgnis überträgt sich auf die Jugendlichen – ob wir wollen oder nicht. Die Trigger müssen wir am Ende wieder auffangen.

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Es kam auch vor, dass sich Hände blutig gewaschen wurden

Bereits vor Corona haben unsere Jugendlichen mit Zwangsstörungen gedacht, alles sei kontaminiert und sie müssten sich ständig waschen. Sie haben sich nicht getraut, etwas anzufassen. Sie werden durch das angeordnete, häufigere Händewaschen natürlich total getriggert. Für sie ist es sehr schwer zu verstehen, dass ihre Ängste vorher irrational waren und mit der Pandemie eine neue Situation eingetreten ist.

Es sind schon Sätze gefallen wie: Ich habe es schon immer gewusst, alles ist kontaminiert. Panikattacken kamen vor und es ist auch schon passiert, dass sich Hände blutig gewaschen wurden. Es wird immer schlimmer.

Wenn sie an ihr Limit geraten, kommt es auch zur Selbstverletzung

Unsere Bewohner mit Borderline-Persönlichkeitsstörung haben einen großen Bewegungsdrang, machen beispielsweise fünfmal pro Woche drei Stunden lang Sport. Sie brauchen den körperlichen Ausgleich. Jetzt fällt nicht nur die Schule weg, auch alle Sportkurse sind ausgefallen. Ohne den Sport geraten diese Jugendlichen in Krisen, die starke körperliche Anspannungszustände mit sich bringen. Wenn sie an ihr Limit geraten, kommt es auch zur Selbstverletzung.

Schwierig ist es auch für besonders sensible Jugendliche. Es gibt Bewohner, die sehr stark auf Emotion reagieren, quasi alle Gefühle im Raum aufsaugen. Sie spüren Unsicherheit und verfallen in Krisen. Das ist in der aktuellen Situation, die so von Unsicherheit geprägt ist, in der niemand weiß, was passiert und wie es weitergeht, natürlich besonders brisant.

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Wie professionell sein, wenn man selbst am Ende ist?

Wir brauchen dringend mehr Mitarbeiter. Ein paar Mitarbeiter sind gerade auch in Selbst-Quarantäne, denn wir haben strenge Vorschriften. Gleichzeitig sind wir sowieso schon ein kleines Team. Unsere Schichten gehen über 24 Stunden oder sogar länger. Irgendwann kann man auch nicht mehr so professionell mit den Jugendlichen umgehen, wie man das gerne möchte, weil man selbst am Ende und ausgebrannt ist. Psychische Unterstützung für Mitarbeiter wäre wichtig.

Außerdem brauchen wir mehr finanzielle Unterstützung. Dadurch dass die Jugendlichen nicht in der Schule und den ganzen Tag zuhause sind, essen sie viel mehr. Noch kommen wir zwar hin, aber es ist klar, dass das Geld knapp wird. Ganz klar fehlt es auch an besseren technischen Möglichkeiten. Zum einen für uns Mitarbeiter, zum anderen für die Bewohner, um etwa Schulaufgaben online erledigen zu können.

Wenn sich jemand ansteckt, wäre das fatal

Für uns ist es auch wahnsinnig wichtig, dass unsere Blase sicher bleibt. Wenn einer von den Jugendlichen oder uns Mitarbeitern krank werden würde, das wäre fatal. Für die Jugendlichen ist die Beziehung zu uns sehr wichtig, fremde Betreuer wären eine Vollkatastrophe. Abgesehen davon geht das auch gar nicht: Andere Einrichtungen nehmen gerade niemanden auf."

*Name von der Redaktion geändert. Protokolliert von Alisha Archie.

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Quelle: Noizz.de