Wer redet gerne über Analsex? Nicht viele – und vor allem nicht Frauen. Bisher. Denn die Doktorandin Caroline A. Sosat schreibt nun ihre Doktorarbeit über das Thema – und hat NOIZZ im Interview vor Veröffentlichung der Arbeit Details verraten. Warum ist Analsex ein solches Tabu? Und wollen ihn wirklich nur Männer?

Er ist das Thema versauter Witze, ein Schlagwort auf Porno-Websites – aber fast nie Bestandteil von Gesprächen über Sexualität: Analsex. Die Vorstellung der meisten Heteros: Männer wollen ihn, Frauen ertragen ihn. Doch was ist dran, am Mythos, dass Frauen von sich aus keinen Analsex wollen? Und warum hängt dieser Sexualpraktik eigentlich so ein mieses Image nach?

Diese und weitere Fragen will Caro beantworten. Die 33-Jährige schreibt gerade ihre Doktorarbeit über das Thema "Analsex" und sagt: Das Bild von Analsex ist – zu Unrecht – hauptsächlich männlich geprägt. In ihrer Arbeit geht sie der Forschungsfrage nach: Was sind die unbewussten Motive und was sind die Kontexte, in denen Frauen rezeptive Analsexualität haben? Rezeptive Anasexualität bedeutet, von hinten penetriert zu werden.

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Für die Doktorarbeit führt sie Gespräche mit Sexualpädagog*innen und Sexualtherapeut*innen und wertet Studien und Interviews mit hetero-, homo- und bi-sexuellen Studentinnen aus, die Erfahrungen mit Analsex haben und in Deutschland aufgewachsen sind.

Im Interview mit NOIZZ verrät sie bereits vor Veröffentlichung der Arbeit, was sie bislang herausgefunden hat.

NOIZZ: Kommen wir gleich zur Frage, die sich wahrscheinlich alle stellen, die von deiner Doktorarbeit hören: Wie kommt man auf das Thema Analsex für eine wissenschaftliche Arbeit?

Caroline Sosat: Ich habe überlegt, welches Thema fast noch gar nicht bearbeitet wurde. Zur Analsexualität existiert tatsächlich noch sehr wenig an Forschungsarbeit und Berichterstattung. Relativ viel findet man in den populären Medien zum Beispiel zu Sadomaso und auch viel zur nicht-extremen Sexualität. Aber ganz wenig zu Analsexualität – vor allem der von Frauen. Vergleichsweise viel findet man zu Analsex, den Männer wollen: Was für Fantasien haben Männer, was finden wir in Pornos, die meistens mit einem männlichen Blick gedreht sind? Das Thema Analsex ist noch sehr von Männern geprägt – selbst im feministischen Diskurs. Da sind zwar nicht die Männer die Wortführer, aber in vielen feministischen Diskursen wird Analsexualität als etwas geframt, das von Männern bestimmt wird: Was Männer wollen, was Männer erzwingen, was in einer patriarchalen Gesellschaft stattfindet.

Symbolbild: Sex

Wie erklärst du dir dieses Bild, das in Bezug auf Analsex vorherrscht?

Caroline Sosat: Es ist einerseits so, dass der Po und seine Bedeutung zum Teil tabuisiert werden: Es gibt eine Assoziation mit Schmutz. Auf der anderen Seite ist es aber auch die Sexualität und die Lust von Frauen, die im öffentlichen Diskurs selten thematisiert wird. Noch seltener der teilweise Wunsch nach extremer oder gefährlicher Sexualität bei Frauen.

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Du hast deine Doktorarbeit als "beliebtes Partythema" bezeichnet – welchen Kommentar dazu kannst du überhaupt nicht mehr hören?

Caroline Sosat: Ich kann ihn zwar immer noch hören, aber am häufigsten kommt der Kommentar: Interviewe bitte mich!

Das heißt die Leute wollen mit dir offen über ihre Erfahrungen mit Analsex reden?

Caroline Sosat: Genau. Vor allem Frauen. Ich habe das Gefühl, da herrscht zum Teil ein richtiger Wunsch danach, der medialen Darstellung von männlich geprägtem Analsex zu widersprechen. Und das über alle Grenzen hinweg: Ob ich mit Feministinnen spreche oder mit konservativen Frauen. Der Wunsch, die weibliche Seite von Analsex zu zeigen ist groß.

Hat dich diese Offenheit zu dem Thema verwundert?

Caroline Sosat: Ja, ich habe zuerst gedacht, ich würde gar keine Interviewpartnerinnen finden. Darüber habe ich mir im Vorhinein mit meiner Professorin echt den Kopf zerbrochen. Und jetzt ist es genau andersherum, die Frauen, mit denen ich spreche, reden wirklich offen über das Thema.

Ich sehe auch die zwei Seiten von Analsex: Zum einen die Problematik, dass durch Analsex auch Macht ausgeübt wird, dass Frauen in Beziehungen von Männern unter Druck gesetzt werden, Analsex zu haben. Dazu gibt es auch Studien, die das belegen. Und gleichzeitig existiert daneben der Wunsch von Frauen, Analsex zu haben. Im ersten Moment würde man denken, das widerspricht sich. Aber die beiden Seiten gehören zusammen: Analsex als Machtmittel und Analsex als etwas, worauf Frauen Lust haben. Diese Lust kann sich aber erst entfalten, wenn sie nicht mehr unter Zwang stehen.

Welche Beobachtungen hast du bei den persönlichen Interviews gemacht?

Caroline Sosat: Sobald thematisiert wurde, dass Analsex auch in manchen Fällen durch Zwang geschieht, konnten wir im Nachhinein nicht mehr über freie Analsexualität und den Wunsch danach sprechen. Das Bild von der Frau als Opfer von Analsexualität hat das Bild der eigenmächtigen Vollzieherin von Analverkehr überlagert.

Frauen und Analsex – kein einfaches Thema

Kannst du schon ein paar Antworten auf deine Forschungsfrage geben oder ist alles noch streng geheim?

Caroline Sosat: Eine Erkenntnis, die ich bisher habe, ist: Das Thema Schmerzen spielt immer eine Rolle, wenn Frauen über Analsexualität sprechen. Interessanterweise aber nicht immer auf der Ebene von Angst oder Schmerzen, die man nicht aushalten kann.

Es liegt außerdem nah, dass Frauen, die große Schmerzen beim Analsex haben, dies meist einfach nicht wieder tun.

Und dann gibt es eine Gruppe Frauen, die leichte Schmerzen beim Analsex empfinden und die mit ihrem Partner Möglichkeiten finden, diese zu vermeiden oder sie sogar zu erotisieren.

Ich beziehe mich auch auf eine groß angelegte Befragung aus Kroatien, die besagt, dass von über 2.000 befragten Frauen nur eine ganz kleine Gruppe trotz großer Schmerzen weiter Analsex hat, obwohl sie das nicht wollen. Um diese kleine Gruppe muss sich unbedingt gesorgt werden. Repräsentativ für Analsexualität von Frauen ist sie aber nicht.

Wenn du es dir wünschen könntest was soll sich nach Veröffentlichung deiner Dissertation ändern?

C.S.: Mein großer Wunsch ist es, dass Sexualität als etwas verstanden wird, das (fast) jeder Mensch hat und dass das gut so ist. Und dass in der Wissenschaft dementsprechend wieder mehr Raum für Themen in Bezug auf Sexualität geschaffen wird, dass nicht die Finanzierung von Instituten und Forschungsarbeiten gestrichen wird, weil sie angeblich nicht wichtig sind. In Bezug auf weibliche Sexualität ist es mir wichtig, dass akzeptiert wird, dass Frauen die gleiche extreme Sexualität haben können, wie sie Männern unterstellt wird.

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  • Quelle:
  • Noizz.de