Es ist irgendwie lächerlich – und trotzdem total gefährlich.

Hot or not. Hübsch oder hässlich. Cool oder out. Dank der neuen Umfragefunktion wird Instagram einmal mehr zur Plattform für Ausgrenzung und Oberflächlichkeit.

[NOIZZ berichtete: Instagram soll das gefährlichste soziale Netzwerk sein]

Würdest du auf die Straße gehen und die Leute fragen: Bin ich hübsch oder hässlich? Findest du mich schlau oder dumm? Nein? Ich auch nicht. Aber bei Social Media ist genau das der neue Trend!

Eigentlich interessiert mich der negative Effekt nicht, den dieser hässliche Hype hat. Wären da nicht meine 12-jährigen Großcousinen. In ihrer Story habe ich dieses „Hot or not“ überhaupt erst entdeckt!

Das Spiel, das an die früheren Datingshows von MTV erinnert, geht so: Man lädt bei Insta seine Selfies in die Story hoch und lässt seine Follower abstimmen, ob man scheiße aussieht oder sexy. Damit wird die Story die perfekte Schaubühne für schwarz-weißes Schubladendenken. Die Message: Die Meinung der Masse sagt aus, was du wert bist.

Ich frage mich, was das mit meinen Großcousinen macht. Wenn ihre Mitschüler auf „hässlich“ statt auf „hot“ klicken. Wenn das Selbstwertgefühl von einem Selfie abhängt und davon, wie es bei Freunden oder Fremden ankommt. Wenn sie nicht selbstbestimmt entscheiden, ob sie schlau sind. Wenn sie plötzlich zu denjenigen werden, die andere Mitschüler mobben – und sei es nur durch einen Klick. Ob das „nur so eine Phase“ ist, aus der sie wieder herauswachsen werden. Und wie viel Schaden ihr Selbstvertrauen bis dahin genommen hat.

Es macht mir Sorgen, dass die Suche nach Bestätigung und die Angst davor, ein Außenseiter zu sein, damit immer größere Ausmaße annimmt. Ob ich das alles dramatisiere? Ich fürchte nicht.

Denn wenn mal wieder untersucht wird, welche Social-Media-Kanäle uns am meisten schaden, steht Instagram immer ganz oben auf der Liste.

[Das macht Social Media mit deiner Psyche

Kein Wunder: Unterbewusst vergleichen wir unseren Alltag mit den aufgehübschten Momenten, die in unserem Feed zu sehen sind. Diese picture-perfect Welt voller Selfies mit Filtern scheint uns in der Realität ganz schön anzukotzen. Als Erwachsene haben wir da mittlerweile aber ein etwas dickeres Fell, als manche Teenager, die sich noch stärker durch ihre Umwelt verunsichern lassen.

Dieser Meinung ist auch Catarina Katzer. Die promovierte Cyber-Psychologin zu NOIZZ: „Diesen Drang, sich zu vergleichen, gab es zwar schon immer, aber durch das Netz nimmt das größere Dimensionen an. Es entsteht ein Kommunikations- und Darstellungsdruck. Das Gefühl, dass man es auch machen muss, weil es alle machen.“

Bis hin zu wirklich extremen Ausmaßen: „Das kann zur Selbstobsession führen, regelrechtem Narzissmus und einer neuen Selbstzentriertheit. Den eigenen Selbstwert definiere ich dann darüber, wie andere mich sehen, wie viele Follower ich habe oder wie viele Reaktionen ich auf meine Posting bekomme. Das ist wie ein Sog, der extrem schädlich für das eigene Selbstwertgefühl sein kann.“

Eine Studie über Kinder, Jugendliche, Medien und die Körperwahrnehmung (2015, Common Sense) hat erschreckende Ergebnisse, die diese Thesen unterstützen: Teenager, die häufig online sind, machen sich demnach zu viele Gedanken, wie sie im Netz wahrgenommen werden.

35 Prozent hatten Angst, dass man sie in „unattraktiven“ Fotos verlinken könnte. 27 Prozent machten sich Stress, wie sie in ihren geposteten Fotos aussehen. 22 Prozent fühlten sich schlecht, wenn die Bilder, die sie von sich online stellten, ignoriert wurden. Laut der Studie sind Mädchen besonders anfällig.

Auch Katzer sieht bei jungen Frauen eine zusätzliche Gefahr – das sogenannte Slut-Shaming: „Das sehen wir schon beim Sexting, einem Trend, dem gerade viele junge Mädchen folgen. Sie machen das, weil sie verliebt sind und ihrem Schwarm zeigen wollen, wie toll sie sind. Dann wird das Nacktfoto, das nur für eine Person bestimmt war, plötzlich verbreitet. Die anderen Mädchen machen dich zur Bitch, oder die Jungs wollen gar nichts mehr mit dir zu tun haben, weil sie dich für eine Schlampe halten.“

Da sei der perfekte Nährboden für Cyber-Mobbing!

„Je mehr ich mich entblöße, umso mehr bin ich auch angreifbar für Hass und Häme. Fotos werden ungewollt geteilt, vielleicht sogar verändert und ins Lächerliche gezogen und bekommen damit das Potenzial, dich richtig fertig zu machen“, warnt Katzer.

Daher rät sie, darauf zu achten, welche intimen Gedanken, Gefühle und Fotos man mit wem teilt und erinnert daran, dass man sich mit übertriebener Offenheit online auch immer sehr verletzlich macht: „Es ist einfach ein schmaler Grat zwischen der Selfie-Mania, bei der wir alle irgendwie mit machen, die mittlerweile Mainstream geworden ist und dem Punkt, an dem das Ganze gefährlich wird.“

Quelle: Noizz.de