Ja, ich bin paranoid.

Jeden Morgen und jeden Abend habe ich intensiven Körperkontakt mit Fremden. Ich falle auf sie drauf, oder ich kralle mich an ihren Oberarmen fest. Manche irritiert das. Manche freuen sich vielleicht auch darüber.

Ich habe keinen Fetisch. Ich arbeite auch keinen Liebesentzug auf, meine Eltern haben mich in meiner Kindheit oft genug umarmt.

Mein Kuschelkurs ist unfreiwillig. Ich kann die Haltestangen in Bussen und Bahnen nicht berühren. Wenn es mal ruckelt – kommt leider öfter vor – gibt es zwei Optionen für mich:

1) Ich falle. Sieht bescheuert und unbeholfen aus, tut außerdem weh. Wenig erstrebenswert.

2) Ich grabsche panisch nach einer fremden Schulter oder einem Arm zum Festhalten. Sieht auch bescheuert aus. Kann zudem unangenehm sein – für mich, für den Besitzer von Schulter oder Arm. Aber besser als Möglichkeit Eins.

Gut, es gäbe da wohl noch eine dritte Lösung. Die, die normale Menschen wählen. Jeden Tag, andauernd, ohne darüber viel nachzudenken. Sie ist lang, aus Metall, in Berlin häufig gelb – und voller Keime. Sie heißt: Haltestange.

In meinem Kopf sehe ich unzählige kleine Monster auf den Stangen herumkriechen. Sie gucken böse, lachen sich in ihre ekligen Fäustchen, bereit, mich mit Gott-weiß-welchen fiesen Viren zu infizieren.

Besonders perfide: Sie sind so klein, dass ich sie gar nicht sehen kann. Die unsichtbare Gefahr, die im Hinterhalt lauert. Aber nicht mit mir, ihr kleinen Biester. Nicht mit mir.

Ich habe über meinen kleinen Verfolgungswahn mal mit einer Freundin gesprochen. Sie ist Psychotherapeutin. Diese Freundin hat mir dann diese gemeine Psychologen-Frage gestellt: „Was würde denn passieren, wenn Du die Dinger wirklich mal anfasst außer, dass Du Dich ekelst?“

Ich musste daraufhin lange überlegen. Wahrscheinlich lautet die Antwort: Nichts. Gar nichts würde passieren. Ich würde keinen Virus bekommen, und die Keime würden auch keine eklige, kleine Keim-Siedlung auf meiner Handoberfläche bauen.

Das ist mir aber völlig egal. Ich bin nicht doof. Meine Angst ist eben irrational – und ein bisschen Fantasie ist ja wohl nichts Schlechtes.

Im nächsten Teil unserer Serie „Ängste der NOIZZ-Redaktion“: Unsere Praktikantin Laura erzählt, weshalb Füchse sie so gruseln.

Quelle: Noizz.de