Die Künstlerin Bho Roosterman enttabuisiert Pornos – mit Stickereien

Sabine Winkler

Indie, Kaffee & Liebe
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Pornos im Stickrahmen? Funktioniert sehr gut, wie die Bilder von Bho Roosterman zeigen. Foto: @allshe.everwanted / Instagram

Von wegen Sticken ist nur Oma-Kram – wir lieben es!

Hmm, man kann ja noch so viel Offenheit propagieren, aber irgendwie hat die Porno-Industrie noch immer das gleiche, schmuddelige Image wie 1975 – damals war der Besitz von Pornografie in der Bundesrepublik zwar nicht mehr strafbar, aber bürgerlich etabliert war anders.

Dicke Schwänze, pralle Brüste, satte Lippen, möglichst viel Fummeln und Rummachen in allen Variationen und sinnlose Dialoge („Warum liegt hier eigentlich Stroh?“) – so sieht es doch meistens noch immer aus.

Die niederländische Künstlerin Bho Roosterman hat sich vorgenommen, mit den Klischees zu brechen. Und stickt dafür piekfein Porno-Szenen auf einen Stickrahmen. Zum Aufhängen im heimischen Wohn- oder auch Schalfzimmer. Für alle, die jetzt widerwärtige Trash-Ästhetik vermuten, nichts da: Bhos Stickereien sind ziemlich arty.

Aber seht selbst:

Klar stellt sich da die Frage: Wie kommt man denn auf so was?

@allshe.everwanted heißt Bhos Insta-Account, auf dem die Stick-Kunstwerke zu sehen sind. Der Name spricht für sich selbst. „Ich hab mich früher immer ein wenig geschämt zuzugeben, dass ich Pornos gucke“, sagt die 45-Jährige. Dafür gibt es ihrer Meinung nach, aber eigentlich gar keinen Grund. Umso praktischer, dass sie jetzt zwei Dinge kombinieren kann, die sie mag, eben Sticken und Pornofilme.

In ihrem „normalen“ Leben abseits von Instagram und ihren mehr als 1.200 Followern, lebt sie mit ihrem Verlobten und ihrem Hund in der Nähe von Amsterdam und arbeitet als Kostümbildnerin für Film- und TV-Produktionen. Kommt daher vielleicht ihre Faszination für Stickereien?

„Ich sticke, seit dem ich zwölf bin. Irgendwann haben mich aber die üblichen Motive gelangweilt. Immer nur Blumen oder Kissenbezüge mit Tier-Motiven ...“, erzählt Bho, „... und dann habe ich eben vor gut eineinhalb Jahren mit den Porno-Szenen angefangen.“

In einem Pop-Up-Store habe sie selbst gemachte Stickvorlagen gesehen, und da dachte sie: „Das kann ich auch! Und zwar mit etwas, dass ich selber richtig cool finde.“

Und wieso ausgerechnet Porno-Szenen?

Angefangen hat sie mit einfachen Lippen-Motiven, später auch kompliziertere Körperteile wie Brüste und Vaginen. „Irgendwann hab ich dann mal einen Penis aus, dem goldenes Sperma spritzt gestickt“ – und das verleiht den Stickereien dann doch das gewisse Etwas. Wer kommt sonst auf die Idee, klischeebehaftete Porno-Szenen so aufzumotzen und in einen ästhetisch schönen Kontext zu setzten?

Für Bho ist es aber mehr als nur das. Sie will mit den Stickbildern enttabuisieren. „Für mich sind Pornos eine Art sich zu entspannen und auch für sich selbst dazu sein“, erklärt sie. Sie habe Respekt für die Pornodarsteller, egal ob Frau oder Mann: „Es ist ein Job wie jeder andere. Und den machen sie gut.“

Trotzdem sind ihre Kunstwerke für viele noch etwas Außergewöhnliches. Offen reden über Pornos tun die wenigsten. Das spiegelt sich auch bei ihren KundInnen wider.

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Und wer hängt es sich dann an die Wand?

Meistens seien es Frauen, die ihre Bilder über ihren Online-Shop bestellen. Zwischen 60 und 200 Euro kostet ein Motiv, je nach Aufwand, Größe und Farben, die sie verwendet. Natürlich erreichen sie dann auch oft Fragen mit einer Bestellung. Für viele ist es eine ziemlich aufregende und neue Erfahrung, sich so ein Bild zu bestellen.

„Manche fragen mich, ob ich irgendeinen Fetisch sticken kann und dann fragen sie gelichzeitig, ob das irgendwie anormal oder komisch sei.“ Ihre KundInnen sind am Anfang etwas verunsichert, welche Grenzen sie überschreiten können und dürfen. „Ich hab alles gehört, mich kann man nicht so einfach schocken“, sagt Bho.

Allen Motiv-Wünschen kann sie aber dann doch nicht nachkommen. So wollte einmal etwa eine Kundin in ihrem Motiv auch ihr eigenes Tattoo mit eingebaut haben – ein detailreiches Mandala auf etwa einen Zentimeter Stickfläche. „So was geht einfach nicht mit Nadel und Faden. Aber ich hab es für sie etwas umgeändert und sie war dann sehr zufrieden mit ihrem Stickbild.“

Insgesamt ist aber auch ihre Followerschaft noch etwas zurückhaltend: Auf Instagram bekommen ihre Bilder, die zeigen, wie ein Pärchen sich sexy küsst, egal ob hetero- oder homosexuell, mehr Likes als eine krasse Sex- oder Masturbationsszene.

Ob sich viele ihre Kunst auch richtig an die Wand hängen? „Ja manchmal kriege ich Bilder davon, wie meine Rahmen dann an der Wand hängen“, so Bho, aber viele trauen sich das eben auch nicht. Manchmal fühle sie sich aber auch wie eine Sex-Ratgeberin. „Die Leute wollen mit mir darüber reden“ – vielleicht, weil sie sich sonst nicht trauen.

Quelle: Noizz.de

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