Frag doch mal die Leute, bei denen grad wochenlang nicht die Sonne aufgeht

Mir fehlt das Licht. Am schlimmsten sind die Tage, in denen wir im Dunklen aus dem Haus müssen und die Sonne schon untergeht, bevor das letzte Nachmittagsmeeting begonnen hat, die letzte Vorlesung zu Ende ist oder bevor der große Kundenansturm überhaupt begonnen hat.

Winter has come. Grausam mit Betonung auf grau. Dunkelgrau, finster, drinnen, draußen sowieso und in meinem Kopf mittlerweile auch.

In den ersten Jahren des Erwachsenseins leiden viele in dieser Jahreszeit, ohne zu wissen, dass ein Phänomen dahinter steckt. Irgendwann spricht sie sich rum: die Winterschwermut, die in ihrer schwereren Ausprägung eine Winterdepression ist, die Amerikaner sprechen von Traurigkeit, SAD, seasonal affective disorder.

Fragen wir mal die Profis. Fragen wir die Norweger. Im Norden Norwegens kriecht im Winter die Sonne zwei Monate lang nicht über den Horizont. Um die Mittagszeit scheint ein blaues, latent mystisches Licht über die Weiten nördlich des Polarkreises und ja – wenn die Sonne stundenlang am Horizont kratzt, dann schimmert auch stundenlang Sonnenaufgangslicht.

Das ist aber nur ein paar Tage lang romantisch. Danach ist es einfach nur noch: eine verdammt lange Nacht.

Gerüchte, dort oben leide niemand an der Dunkelheit, sind quatsch. Lasst euch das nicht erzählen. Dunkelheit kann jedem aufs Gemüt schlagen, das hat auch hormonelle Gründe: Ist es dunkel, werden bestimmte Neurotransmitter in unserem Gehirn in geringerem Maße ausgeschüttet. Die fehlen uns dann.

Doch die Norweger haben Erfahrung mit der Dunkelheit. Und sie tun etwas dagegen. Das ist sowieso der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung: Geht's dir schlecht? Dann tu was. Nicht jede Winterverstimmung ist eine Depression, bei der du professionelle Hilfe bekommen musst.

Winterverstimmungen sind hart und schwer zu bekämpfen. Wir schlafen schlechter und sind häufiger müde, Freunde treffen fällt schwer und Arbeitsmotivation ist ein Phänomen aus der Vergangenheit. Disziplin? Vielleicht ab April wieder.

Ich gehöre auch zu den solarbetriebenen Menschen und würde im Winter am liebsten runterfahren.

Aber wir können mit dieser Jahreszeit trotzdem anders umgehen. Psychologen gehen inzwischen davon aus, dass unsere Einstellung zum Winter einen großen Einfluss darauf hat, wie es uns in dieser Zeit geht. Und das trennt jene Norweger, die leiden, von jenen, die gut mit der dort wirklich dunklen Jahreszeit umgehen. Und davon gibt es einige.

Baut euch eine Seilbahn zur Sonne, oder einfach einen Spiegel, der das Licht in eure Augen treibt.

So haben es die Bewohner des Ortes Rjukan im Süden Norwegens gemacht. Die liegen zwar südlich des Polarkreises, im Winter trennt sie aber ein Berg vom Licht. Gigantische Spiegel reflektieren nun die Sonne auf den Marktplatz.

Wer will, kann aber auch eine Seilbahn besteigen und die echten Sonnenstrahlen auf der Haut spüren.

Hilft dir gar nicht? Doch. Denn die Botschaft ist: Wenn es dir im Winter schlecht geht und du sagst, dir fehlt das Licht, dann mach halt was. Geh ins Licht. Steh früh auf und geh zeitig schlafen. Geh raus, wenn der Himmel blau ist, und wenn es nur für eine Stunde in der Mittagspause ist.

Die Wirkung von Tageslichtlampen ist zwar noch nicht ausreichend erforscht, einige Menschen fühlen sich mit ihnen aber besser. Schon blaues Licht macht uns wach – wer regelmäßig nachts über seinem Smartphone hängt, der kennt das vielleicht.

Wenn wir schon müde sind, müssen wir diesen Effekt übrigens nicht auch noch verschlimmern. Zucker bietet sich als temporärer Wachmacher zwar an, dass wir davon wirklich fit werden bleibt jedoch eine Lüge der Süßigkeiten-Industrie. Zucker macht nicht wach, Zucker pusht euch kurz und lässt euch dann erschöpft zurück.

Bewusstes Essen ist deshalb durchaus geeignet, uns alle ein bisschen wacher zu machen.

Na, wie absurd klingt das? Ist aber ernst gemeint. Wir müssen die dunklen Monate nicht zwingend scheiße finden. Wir können sie auch einfach genießen. So machen es die Norweger, wenigstens die, denen es im Winter gut geht. Kerze an, Kakao auf den Herd und eine Kürbissuppe daneben, Serienabende die gleich nach Feierabend beginnen und endlich blendet die Sonne nicht mehr das Fußball-Bild.

Wir können uns in gigantischen Decken einkuscheln, Wärmflaschen unter die Füße legen und völlig legitim ein ganzes Wochenende nur mit guten Büchern verbringen.

Der Winter wird unterschätzt.

Quelle: Noizz.de