Meine Mutter dachte, ich bin tot. Mein Dad hat einfach weitergepennt.

Das Jahr 2000 war für einen zehnjährigen Jungen wie mich das Paradies: Die gelbe Pokémon-Edition kam raus. Die, in der Pikachu die ganze Zeit neben dir herlatscht. Und jeder Zocker weiß: Wenn ein neues Spiel rauskommt ist da dieser unbeschreibliche Enthusiasmus, der für ungefähr 20 Tage hält. Wenn man ins Bett geht, wartet man nur darauf, dass man wieder aufstehen und weiter zocken kann.

An dem Tag, an dem mir diese krasse Sache passierte, hatte ich Osterferien. Trotzdem stand ich um sechs Uhr morgens auf und nahm direkt meinen Game Boy Color in die Hand um so viel zu zocken, wie es nur ging. Ich wusste aber auch, dass meine Mutter immer mega abgefuckt darüber war, wenn ich so viel am Game Boy war. Deswegen versuchte ich den ganzen Tag, sie zu meiden – was ganz gut klappte, weil wir noch Besuch erwarteten und sie viel dafür vorbereitete. Ich hatte also freie Bahn und konnte einfach mein Ding durchziehen.

Gegen 17 Uhr kamen dann die Freunde meiner Eltern, von denen ich wusste, dass sie wie immer bis spät in die Nacht bleiben würden. Während die also im Wohnzimmer über langweiliges Erwachsenen-Zeug quatschten, hatte ich eine richtig gute Zeit mit Pokémon. Zwischen durch aß ich ein paar kleine Snacks, Chips und Pizza, aber auch nicht besonders viel – das ist ja kostbare Zeit, die da flöten geht. Irgendwann wurde es richtig spät – natürlich wollte ich aber nicht pennen gehen.

Um 2 Uhr morgens gingen meine Eltern ins Bett. Sie dachten wohl, dass ich schon längst schlief. Zwei Stunden später war mein Game Boy kurz vorm Abschmieren und ich wollte aus dem Zimmer meiner Eltern neue Batterien mopsen.

>> Warum es eine"Pokémon"-Invasion auf japanischen Gully-Deckeln gibt

Als ich vor ihrem Bett stand, passierte es: Plötzlich wurde mir schwarz vor Augen und ich fiel in Ohnmacht aufs Bett von meinen Eltern – in der Hand noch mein Gameboy. Ich weiß nicht, wie lange ich ausgeknockt war, ich glaube nicht sehr lange. Auf jeden Fall wachte ich von einem richtig krassen Kreischen auf. Meine Mama ist grundsätzlich schon panisch. Als ich dann bewusstlos auf ihrem Bett lag, dachte sie, ich sei ermordet worden. Mein Vater wachte kurz auf, schlief dann aber einfach weiter. Ich denke er war zu der Zeit bereits gewohnt, dass ich ständig Mist baute und wollte sich das nicht geben. Als ich von Mamas Geschrei aufwachte, fragte ich nur: "Hä, was ist passiert?". Danach ging ich pennen.

Später wurde mein kleiner Aussetzer einfach als Kreislaufschwäche abgestempelt. Zum Arzt gingen wir nicht. Mir war einfach bewusst, dass ich viel zu lang gespielt hatte. Die ganze Sache war schon ein Schock – wie peinlich ist es bitte, auf dem Bett deiner Eltern ohnmächtig zu werden. Da wusste ich direkt: Alter, du hast Mist gebaut.

Damit war der Höhepunkt meiner Pokémon-Karriere vorbei: An dem Tag hatte ich ganze drei Orden gewonnen. Und Pikachu war in den 22 Stunden mein treuer Begleiter gewesen, trotz der anstrengenden Kämpfe und Abenteuer. Trotzdem habe ich seit dem nie wieder Pokémon gespielt.

Aufgezeichnet von Katharina Kunert

>> Pokémon-Karte im Wert von 60.000 Dollar geht per Post verloren

>> Schon gehört? Es gibt jetzt Pokémon-Bubbletea in Japan

Quelle: Noizz.de