In Großstädten wie Berlin findet man an jeder Ecke Restaurants, die vegane Gerichte anbieten. Auf dem Dorf fehlt für den Verzicht von Tierprodukten häufig das Verständnis und die Nachfrage. Wer sich trotzdem nur von pflanzlichen Lebensmittel ernähren will, braucht Struktur und Kreativität – oder ein Auto.

Salat ist grün, und grün ist vegan, und schon ist alles falsch. Nur ein Vegan-Jüngling bestellt sich im Restaurant einen großen Sommersalat und glaubt, damit alles richtig zu machen. Kartoffelsalat wird meistens mit Rinderbrühe zubereitet. Die cremig, weiße Soße, die über die knackig grünen Blätter tröpfelt? Wahrscheinlich mit Sahne oder Milch zubereitet. Gibt es stattdessen ein Honig-Senf-Dressing, solltest du ebenfalls drauf verzichten. Honig wird von Bienen gemacht, und Bienen sind bekanntlich Tiere – keine Zeichentrickfiguren namens Maja.

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Pizza mit veganem Mozzarella? Das geht.

Von der Spareribs-Liebhaberin zur Veganerin

Wer nach diesem Absatz keine Lust mehr hat, sich rein pflanzlich zu ernähren, dem sende ich ein imaginäres High-Five aus der Ferne. Allein schon der Bedienung im Restaurant zu erklären, was man essen darf, kann ziemlich anstrengend sein. Tut mir Leid, Mayonnaise ist nicht vegan!

Ich verzichte seit knapp einem halben Jahr auf Fleischprodukte, ohne Probleme. Ich hatte bisher nur ein Mal große Lust – Schande über mein Haupt – auf Spareribs. Als Kind saß ich mit meiner Mutter in einem Münchner Biergarten und habe das Fleisch von den Rippchen abgeknabbert und breit gegrinst. Die saftige, rot-braune Soße, die in den Mundwinkeln und auf der Backe klebte war für mich das Größte. Knapp zehn Jahre später, für ein Wochenende in München, weckt das bayrische "Griasdi" Erinnerungen an das damalige Festmahl. Als Vegetarier Spareribs essen? Pfui Deife!

Statt an Fleischstücken zu nagen, habe ich mich dazu entscheiden, ganz auf Tierprodukte zu verzichten. Zumindest testweise für eine Woche. Der kleine Schluck Kuhmilch im Kaffee am Morgen lässt sich doch ganz einfach durch einen Hafer-Drink oder einen schwarzen Espresso ersetzen. Joghurt und Käse? Esse ich nur selten. Warum dann nicht ganz auf Tierprodukte verzichten? Schließlich gibt es in mittlerweile in jedem Tante-Emma-Laden ganze Regale voll mit pflanzlichen, geilen Alternativen. Dachte ich.

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Vegane Nuggets sind genauso knusprig wie das Original

Nicht überall finden sich vegane Köstlichkeiten und goldene Soja-"Chicken"-Nuggets

Meine Einschätzung, in allen Supermärkten dieser Welt finden sich vegane Alternativen, war wohl etwas naiv. Ich habe eine Zeit lang in Berlin gelebt. Dort wird in jedem kleinen Imbiss mindestens ein geiles, veganes Gericht angeboten. Wenn es nicht auf der Karte geschrieben steht, sind die Köche trotzdem bereit, Kompromisse einzugehen. Vegan? Berlin weiß Bescheid.

Selbst in Supermärkten ist die Auswahl reichlich: von Soja-Vanille zu Kokos, Hafer- und Reismilch zu veganen "Chicken" Nuggets, Käsescheiben und dunklen Schokoaufstrichen findet sich fast alles. Durchschnitt sind die Produkte etwas teurer als die billigen, hauseigenen Markenprodukte – dafür umso geiler. Kennt ihr die weiße Schokolade "White Vanilla" von iChoc oder die Golden Nuggets von "LikeMeat"? Uff!

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Die Nachfrage für pflanzliche Alternativen sind in Städten wie Berlin groß (jedenfalls in den Innenstadtbezirken). Selbst in kleinen Dörfern ist ein Trend hin zu veganen Produkten erkennbar. Allerdings ist die Auswahl im Vergleich zu Millionenmetropolen eher überschaubar. Großgeworden auf dem Land, haben die Menschen gelernt, sich mit dem, was sie haben, zufrieden zu geben. Was Mutti gekocht hat, wurde mit Freude verschlungen. Der Sonntagsbraten und der Nachmittagskuchen wurden zelebriert. Keiner wäre auf die Idee gekommen, plötzlich darauf zu verzichten.

Eier, Milch, Fleisch – das ganze Essen, das meist noch auf dem eigenen Hof hergestellt wurde, stammte von Tieren. Eine vegane Ernährung schien unmöglich. So sind die mittlerweile erwachsenen Dorfbewohner eher selten mit pflanzlichen Alternativen in Berührung gekommen. Sie haben gelernt: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Abgesehen davon hatten sie zu Tierprodukten ein viel besseres Verhältnis. Ihr Kühe und Hühner waren schließlich nicht Teil großer Massenproduktionen, sondern wurden meist sorgfältig und artgerecht gehalten.

Veganer Camembert von Happy Cheeze

Fehler, die man als Veganer auf dem Dorf vermeiden sollte

Die Nachfrage von pflanzlichen Alternativen ist auf dem Dorf somit eher klein. Die vegane Testwoche wollte ich in meinem Städtchen, Landkreis Biberach im Allgäu, starten. In dem kleinen, lokalen Supermarkt findet sich zwar eine Ecke mit Alnatura-Produkten und veganen Aufstrichen – aber sonst nur wenig. Die Ausbeute meines Einkaufs: Hafermilch, vegane Käsescheiben, zwei Tafeln Schokolade und eine Soja-Sahne.

Der erste Fehler bestand darin, dass ich meine Erwartungshaltung den Berliner Supermärkten entsprechend hochgesetzt hatte. Es gab keine veganen Nuggets, keine vegane Pizza oder sonstige Alternativen zu Schokoladen, Käse und Joghurts. Mein Motto bestand darin, überhaupt etwas zu finden – und das sofort einzupacken. Statt der Hafermilch wäre mir aber ein einfacher Espresso lieber gewesen. Die bitter schmeckenden Tafeln Schokolade haben meine süße Lust ebenfalls nicht gestillt. Die Käsescheiben waren sprichwörtlich Käse.

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Neben pflanzlichen Alternativen habe ich meinen Einkaufswagen mit jeglichem Gemüse und Salaten gefüllt. Der zweite Fehler: Ich habe viel zu viel und unstrukturiert eingekauft. Ein Essensplan für die Woche hätte geholfen. Was schnell schlecht wird, sollte man direkt verbrauchen. Der wohl beste und einfachste Tipp: Gute Gerichte benötigen nicht viel. Es braucht nicht immer irgendwelche Alternativen. Einfach mal einen Blick in das vegane Kochbuch werfen und kreativ sein!

Die vegane Salami-Pizza von Vapiano

Vegan lecker Essen auf dem Land? Schwierig!

Wer kocht, hat die Macht. Du hast am Herd die Kontrolle über Möhrchen und die Salatsoße. Problematisch wird es nur, wenn du im Dorf auswärts essen gehst. In fast jeder Speisekarte findet sich eine Auflistung mit vegetarischen Gerichten. Vegan war bei meinen Besuchen allerdings gar kein Gericht.

Meine Scham, vor Ort nach Alternativen zu fragen, war aber zu groß. So gab es meistens Pommes mit Ketchup. Vorher anrufen und nachfragen, erspart das nervige Gespräch mit der Bedienung, die bei jeder Soße und Salatbeilage nachfragen muss, ob nicht doch Rinderbrühe, Sahne oder Milch im Gericht enthalten ist.

Fazit: Wer sich auf dem Dorf vegan ernähren will, darf keine Scham haben, vorher telefonisch bei den Restaurants nach Alternativen zu fragen. Ein Essensplan und ein strukturierter Einkauf helfen, dass so wenig wie möglich weggeschmissen wird – und die Lust am Kochen durch neue Gerichte wieder steigt. Der wohl beste Tipp – Schummeln erlaubt – ist dann aber wohl das Auto. Im nächsten, großen Supermarkt warten die veganen Chicken Nuggets garantiert schon im Kühlregal!

  • Quelle:
  • Noizz.de