Günther Aloys erfand den Prosecco in Dosen und holte dafür Paris Hilton nach Ischgl. Das ist 14 Jahre her, Paris Hilton erlebt gerade eine Renaissance, Aloys' "Rich Secco" war hingegen nie weg. Ein Gespräch mit dem "Pionier von Ischgl".

Die 2000er sind zurück und damit auch Paris Hilton. Sie war zweifellos die erste Influencerin – auch wenn man damals, vor knapp 20 Jahren, mit dem Begriff noch gar nicht viel anfangen konnte. In den Medien sprach man von Hilton immer etwas abfällig als It-Girl, das eigentlich nichts kann und dafür berühmt ist, berühmt zu sein.

In Ischgl ist Günther Aloys zur selben Zeit ebenfalls berühmt – allerdings eher dafür, ziemlich viel zu können. Der heute 68-Jährige hat den Ruf, den österreichischen Urlaubsort Ischgl erst zu dem Tourist*innenmagnet gemacht zu haben, der er ist – das 1600 Seelendorf kommt aktuell auf stolze 390 Hotels und hat Platz für knapp 12.000 Tourist*innen.

Ischgl steht für Luxus und ein bisschen Zügellosigkeit: Die Après-Ski-Partys sollen in Österreichs erfolgreichstem Skigebiet legendär sein. Im frühen 2020 wurden sie allerdings zum Verhängnis: Ischgl gilt als Corona-Problemherd. Behörden und Hotel- und Partybetreiber*innen werden immer noch schwere Vorwürfe gemacht. Sie sollen nicht strikt genug gehandelt haben, als das Virus sich nachweisbar in Ischgl ausbreitete – und von dort an alle möglichen Orte gelangte.

Aloys Günther, Hotelier, Unternehmer, Proseccodosenerfinder.

Dosen-Prosecco: Von Ischgl in die ganze Welt

Aber um Corona gehts gerade nicht. Es geht um Paris Hilton, Ischgl, Dosen-Prosecco und Günther Aloys. Letzterer ist der Erfinder des Proseccos in Dosen – ein Trend, der in Ischgl losging und sich ziemlich schnell zum weltweiten Trend mauserte. Die Idee kam dem Hotelier und Unternehmer spontan: "Es war Silvester, glaube ich. Ich sah jedenfalls die Leute mit ihren Sekt- oder Champagnerflaschen draußen hantieren, mit den Gläsern jonglieren, das war alles ziemlich kompliziert. Ich dachte mir, dass es dafür doch eine viel einfachere Lösung geben müsste", sagt Aloys gegenüber NOIZZ.

Einzige Herausforderung: einen Anbieter finden, der kleine 200-ml-Dosen herstellt, damit das Ganze schick und praktisch bleibt. Für das Marketing dachte man sofort an Paris Hilton: "Paris Hilton kannte man damals einfach. Die kannte jeder. Und jeder wusste, dass sie gerne feiert, gerne trinkt. Das war perfekt!" Man fragt bei Hilton an, hat Erfolg und die Hotelerbin steigt ins Geschäft mit ein: Sie wird nicht nur Gesicht des Getränks, sondern auch Partnerin.

Paris Hilton 2006: Goldenes Dirndl, goldener Prosecco.

2006 wird der "RICH Secco" gelauncht – und wird direkt zum Erfolg. Ob es an dem geschickten Marketing liegt oder an der nun gefüllten Marktlücke? Vermutlich ist es von beidem ein bisschen. "Wir haben damals schon gedacht, dass es für Aufsehen sorgen würde, was wir machen. Aber das es so werden würde, hatten wir nicht erwartet", erinnert sich Aloys an den Launch und die Promo-Aktionen mit Paris Hilton. "Wir haben die Paris ja überall hingeschleppt. Wir waren mit ihr auf dem Oktoberfest in München, auf Partys in Berlin, hier in Ischgl. Wir haben überall das Produkt beworben."

Günther Aloys erzählt, wie groß der Andrang damals auf Paris Hilton war: "Die Pressevertreter waren so zahlreich, dass wir zu wenig Platz auf den Pressekonferenzen hatten. Es war derTeufel los! So was kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen." Der Markt wurde schnell mit dem Sekt aus der Dose überschwemmt: Plötzlich gab es Billigvarianten im Discounter und unzählige Kopien. Das Original, der "RICH Secco", hat sich bis heute jedoch erfolgreich gehalten.

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Mit Paris Hilton arbeiten – wie ist das so?

Paris Hilton hatte so bis zum Ende des ersten Jahrzehnts eine ziemliche Hochphase, danach wurde es gefühlt ruhiger um sie. Keine Reality-Formate mehr, sie war nicht mehr auf jedem Paparazzi-Shot, jedem Roten Teppich zu sehen. Aktuell erlebt sie allerdings eine Renaissance – was sicherlich auch mit dem 2000er-Revival zusammenhängt. (Kurze Bitte an alle, die das hier lesen: Bitte lasst den Trend der Hüfthose mitsamt Arschgeweih nicht wieder aufleben – es war für niemanden schön!)

Paris Hilton auf einem der damaligen Werbeplakate für "RICH Prosecco".

Hilton präsentiert sich nun auch wieder häufiger in der Öffentlichkeit und ist jetzt Kult. Am 14. September veröffentlichte Hilton ihre Doku "This Is Paris" auf YouTube. Darin spricht sie erstmalig über Kindheitstraumata, die sie aus ihrer Zeit in einem brutalen Internat davongetragen hat und reflektiert ihren daraus resultierender Drang nach Ruhm und Bekanntheit. Sie erzählt, dass sie sich eine Fassade aufgebaut hat, die einem gewissen Bild entspricht – und dass sie diese nutzt, um sich zu schützen, aber auch, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Eines davon: sehr viel Geld.

Günther Aloys beschreibt Paris Hilton in der Zusammenarbeit als sehr professionell: "Sie hat das wahnsinnig ernst genommen. Sie kam nie zu spät, sie war immer vorbereitet und hat abgeliefert. Ich glaube, sie kommt aus einer Familie, in der klar ist, dass wenn Geld bezahlt wird, auch Leistung erbracht werden muss."

Hiltons Doku hat er sich noch nicht angeschaut – allerdings passen seine Beobachtungen ganz gut in das Bild, das auch Hilton in ihrer Doku abgibt. "Man muss auch wirklich nachgiebig bei ihr sein", findet Aloys, "sie war sehr jung als plötzlich ständig eine Horde Paparazzi um sie herum lief und sie unter ständiger Beobachtung stand. Sie musste ja immer das sein, was die Öffentlichkeit von ihr erwartete."

Paris: Wer ist das eigentlich?

In einem der ersten Sätze des Trailers zur Doku "This Is Paris" sagt Hilton "Keiner weiß wirklich, wer ich bin" und zeichnet in der Doku dann eine verletzliche und verletzte Paris Hilton. Eine ernste Business-Frau, eine, die sich vom verschrieenen It-Girl zur Millionären hochgearbeitet hat – und am Ende zugeben muss, dass das ja auch alles wertlos ist, der Glitzer, der Glamour, die unzähligen Schuhe, die Partys, der Schampus, die Millionen.

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Sie sagt all das in betont tiefer Stimme, ihr nasal-quäkiges "Loves it!" ist weg. Sie gibt sich nachdenklich, spricht über Einsamkeit und Verzweiflung, weint viel und erzählt von dem Trauma, dass ihr zugefügt wurde. Sie fragt sich, ob sie dadurch, dass sie die erste echte Influencerin war und ist, nicht doch eigentlich ein Monster erschaffen hat – das des Social-Media-Business.

Das kann man ihr alles abnehmen und es soll auch gar nicht daran gezweifelt werden, dass sie eine schlimme Kindheit im Internat mit psychischem Missbrauch erlebt hat. Dennoch wirkt es so, als kreiere Paris Hilton hier nur wieder das nächste Bild von sich. Sie ist jetzt die 39-Jährige, seriöse Frau – kein Partygirl mehr. Sie ist das poor, little, rich girl gefangen im Goldenen Käfig, den sie selbst verschlossen hält.

Dieses Bild ist nur wieder eine weitere Facette der Marke "Paris Hilton". Daran ist nichts verwerflich – nur dürfte es etwas weniger authentisch sein, als versprochen wird.

Günther Aloys schaut sich die Doku eventuell auch noch an. Bis dahin behält er die Hotelerbin aber einfach in guter Erinnerung: "Das war eine super Zeit damals, wir hatten viel Spaß."

sis

  • Quelle:
  • Noizz.de