Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss.

Auf wenig reagieren Menschen heftiger, als auf den Satz "Was du gerade gesagt hast, ist rassistisch". Klar, wer will sich heutzutage noch als Rassist bezeichnen lassen – erst recht, wenn er oder sie sich als offen und tolerant betrachtet. Vielleicht waren die Reaktionen deshalb so heftig, als ich in meinem Bekanntenkreis zum ersten Mal die Frage aufwarf: "Ist es nicht eigentlich rassistisch, zu sagen, man gehe zum 'Asiaten'? 'Asien' ist doch kein Land."

Bumm!, da war sie, die Rassismus-Bombe. Sofort flogen mir viele Argumente um die Ohren, die beweisen sollten, warum dieser ganz alltägliche Ausdruck nicht problematisch sei. Doch ein kleines Problem gab es dabei: Die Argumente kamen nie von Personen, die von diesem Ausdruck diskriminiert werden.

Deshalb fragte ich kurzerhand eine, die die Antwort auf meine Frage wissen musste: Vicky Truong. Vicky hat nicht nur selber Wurzeln in Vietnam, China und Thailand. Die 30-Jährige engagiert sich auch als Aktivistin gegen Rassismus und arbeitet darüberhinaus noch als Köchin. Wer also könnte meine Frage zur Vermischung von Rassismus und Essen besser beantworten?

Köchin und Aktivistin Vicky Truong in Action

Ihre Antwort auf die Frage, ob man sagen darf, man gehe zum "Asiaten" ist klar: "Der Ausdruck 'asiatisches Essen' ist eine Form von Rassismus", sagt sie. "Viele Leute denken, dass Rassismus nur bedeutet, jemandem Beleidigungen wegen seiner Herkunft hinterherzuschreien. Aber rassistisch sind auch Ausdrücke, die die angebliche Überlegenheit einer Personengruppe über eine andere suggerieren – und 'asiatisches Essen' ist einer davon. Ich weiß, dass die Aussage gewagt ist. Und ich weiß auch, dass viele deswegen wütend sein werden."

Doch nicht jeder, der von "asiatischem Essen" rede, habe auch bewusst rassistische Hintergedanken. "Wer den Ausdruck benutzt, zeigt damit einfach, dass er oder sie gar nicht die Absicht hat, die verschiedenen asiatischen Kulturen als solche zu erkennen und zu unterscheiden, sondern alle buchstäblich in einen Topf wirft."

"Aber", schreit jetzt manch einer auf, "es gibt viele Restaurants, die sich selbst 'Asia-Imbiss' nennen, dann darf ich das doch wohl auch!". Doch die Frage ist, ob du die "Asia-Imbisse" auch noch so nennen willst, wenn du weißt, warum sie so heißen.

Vicky erklärt: "Es gibt viele Restaurants oder Imbisse, die Essen aus verschiedenen asiatischen Ländern mischen und verkaufen – einfach weil der Markt das verlangt. Der Grund, warum es so viele dieser vermischten 'Asia-Imbisse' gibt, liegt in der Geschichte. Als beispielsweise in den 1970er Jahren viele Vietnamesen in erster Generation nach Deutschland einwanderten, herrschte bereits das Vorurteil über Asien als homogenen Kontinent vor – über 'Asiaten als Rasse'. Um überleben zu können, mussten sich diejenigen Menschen, die hier einen Imbiss eröffneten, diesem Vorurteil anpassen." Warum also nur Gerichte aus dem eigenen Land kochen, wenn Deutsche den Unterschied weder merken noch wertschätzen und man mehr Geld mit anderen Gerichten verdienen kann?

Und nicht nur das: Die Neuankömmlinge, darunter viele Menschen, die in Folge des Vietnamkriegs flüchteten, hatten gar nicht die Zeit, das Geld und die logistischen Möglichkeiten, die passenden Zutaten für ihre nationalen Gerichte zu kaufen. Also mussten sie sich mit den Gegebenheiten abfinden und sich der Nachfrage beugen, die es in Deutschland gab: "Asiatisches Essen".

Das beste Beispiel für den finanziellen Druck, unter dem die Restaurants ihre individuelle Esskultur aufgeben, ist Sushi. "Auf deutschen Straßen sieht man viele vietnamesische Restaurants, die Sushi anbieten – eigentlich eine japanische Speise", sagt Vicky. Das liegt daran, dass Sushi sehr populär ist, Deutsche sind bereit, mehr dafür zu zahlen. Aus der Geschichte der Kolonialismus heraus hat es sich so entwickelt, dass japanisches Essen als hochwertiger angesehen wird als Essen aus anderen asiatischen Ländern. Dass dieses kolonialistische Vorurteil noch immer in den Köpfen vorherrscht, kann man daran sehen, wie viel mehr Deutsche bereit sind, für Sushi zu zahlen, als für zum Beispiel thailändisches Essen – und wie sehr das die Speisekarten der Imbisse prägt."

Lass mich raten – du bist immer noch nicht überzeugst und denkst jetzt: "Aber die Migranten aus den asiatischen Ländern hätten sich doch wehren können. Sie hätten sagen können: 'Wir sind nicht einfach Asiaten'."

Doch auch das stimmt nicht: "Allein wegen Deutsch als neuer, unbekannter Sprache war es für die erste Generation der Einwanderer in Deutschland schwer, sich gegen Vorurteile und Ungerechtigkeiten zu wehren", erklärt Vicky. "Und auch der zeitliche und finanzielle Druck unter dem sie standen, ließen keinen Platz für Proteste. Natürlich waren sie auch dankbar für den Neustart in Deutschland und wollten nicht gleich dadurch auffallen, dass sie sich beschweren." Das Vorurteil der Asiaten, die "alle gleich sind" und das Gleiche essen, verfestigte sich also auch dadurch, dass die Umstände verhinderten, dass Einwanderer gegen sie protestierten. Der Zustand von damals blieb, wie er war – heute stehen noch immer die "Asia-Imbisse".

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Nun sind aber schon viele der damals eingewanderten Familien in zweiter oder dritter Generation in Deutschland – warum ändern sie nicht einfach die Speisekarte? "Heutzutage herrscht der gleiche finanzielle Druck, wie damals auch: Dadurch, dass sich am Wunsch der Deutschen nach 'asiatischem Essen' nichts geändert hat, brauchen die Imbisse noch immer eine durchmischte Speisekarte, um zu überleben", sagt Vicky. "Das liegt auch daran, dass beispielsweise mit thailändischem und vietnamesischem Essen der Erwartung einhergeht, dass es billig ist. Die altbekannte Lösung: Auch noch Sushi anbieten, damit der Laden weiterläuft." Damit sich das ändere, brauche es den Willen der weißen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland.

Vickys Familie selbst ist der lebende Beweis für die Diversität asiatischer Kulturen: Alle vier ihrer Großeltern kommen aus der Guangdong Provinz in China, wanderten aber aus. Die Familie mütterlicherseits nach Thailand, die ihres Vaters nach Vietnam. Ihre Eltern wurden also in Thailand bzw. Vietnam in chinesische Haushalte hineingeboren. Getroffen haben die beiden sich erst, als sie nach Australien auswanderten. Ihre verstreuten Wurzeln zeigen Vicky nicht nur, wie stark sich verschiedene asiatische Kulturen unterscheiden. Sie befähigen sie auch, diese Unterschiede zu benutzen und in Form von Essen zu zelebrieren.

2017 hat Vicky neben ihrer hauptberuflichen Arbeit als Englischlehrerin und ihrem Aktivismus auch noch das Catering-Projekt "Rice is Life" gegründet. Das Projekt ist ein monatliches veganes Pop-up-Dinner, das in einem Lokal stattfindet und für das sie verschiedene Gerichte kocht, die ihre kulturellen Wurzeln symbolisieren. Das verbindende Element ist – wie der Name schon sagt – Reis. Das Besondere an ihrem Essen ist nicht nur, dass es die Besonderheiten der jeweiligen asiatischen Küchen hervorhebt, die sie beherrscht. Zu jedem Gericht verfasst sie auch noch ein Gedicht, dass auf die Besonderheiten aufmerksam macht. Hier ist eines davon:

Vickys Gedicht zu dem Gericht Ku Chai Kueh
Ku Chai Kueh, die Speise, über die Vicky in ihrem Gericht schreibt

In dem Gedicht beschreibt sie, wie ihre Großmutter mühevoll und mit Zutaten aus ihrem eigenen Garten das Gericht Ku Chai Kueh herstellt. Sie erzählt davon, wie sie selbst von den Kochkünsten ihrer Großmutter lernt und so die Kultur- und Altersbarriere durchdringt. Ein Gericht als Brücke zwischen Menschen und Kulturen, eine Verbindung ins Herkunftsland der Familie.

An dem Gedicht siehst du: Essen ist nicht nur Essen – vor allem für Menschen, die fern vom Herkunftsland ihrer Familie leben, kann ein einfaches Gericht Heimat bedeuten. So stammt ein bestimmtes Gewürz vielleicht aus einer Region, die dir etwas bedeutet und der Geruch erinnert dich an lang vergangene Abende, in denen der Duft aus der Küche in dein Kinderzimmer zog. Wie fändest du es, wenn dieses Gericht mit Essen aus dem Nachbarland vermatscht wird, zu dem du entweder gar keine oder sogar eine konfliktreiche Beziehung hast? Zum Vergleich: Schon in der deutschen Kneipe kommt es regelmäßig zu Streitereien, wenn eine regionale Biersorte mit einer anderen verwechselt wird. Und jetzt nimm dieses Wutgefühl mal 10.000 – dann verstehst du, warum Chinesen es nicht unbedingt toll finden, wenn du ihr Essen mit japanischem in einen Topf wirfst.

"Das mag ja alles stimmen", denkst du dir jetzt" – aber ich kann doch nicht immer auf ein auf Diversität ausgelegtes Pop-up-Dinner gehen, wenn ich mit meinen Freunden nur ein schnelles Mittagessen verputzen will. Das stimmt. Aber wenn dein Kumpel dir vorschlägt, "zum Asiaten" zu gehen, kannst du ja einfach mal nicht mit "ja, geil, Asia-Nudeln", antworten – sondern ihn drauf aufmerksam machen, wie problematisch der Begriff ist.

Doch auch wenn du jetzt weiß, dass er nicht nur etwas problematisch, sondern wirklich rassistisch ist, solltest du es deinem Kumpel schonend beibringen. "Wenn ich bei meiner Aktivismus-Arbeit eines gelernt habe, dann ist es das: Rufst du direkt 'Das ist rassistisch!', schalten die Leute ab und gehen in die Verteidigungsposition, statt etwas zu lernen", erzählt Vicky. "Stattdessen würde ich die Person darüber aufklären, dass es 'asiatisches Essen' in dieser Form nicht gibt, sondern es durch rassistische Vorurteile dazu erklärt wurde. Und wie wichtig es sei, die Unterschiede der Esskulturen bei Namen zu nennen, um diesen rassistischen Vorurteilen nicht noch Vorschub zu leisten." Natürlich kenne nicht jeder die Herkunft aller Gerichte der Welt – aber um respektvoll zu sein, könne man einfach nachfragen, nachlesen und lernen.

Eine gute Taktik, um Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass sie gerade Vorurteile bedienen, sei es, einfach immer weiter nachzufragen. Nach dem Motto: "Ich will zu dem Asia-Imbiss" – "Welche asiatische Küche wird denn dort gekocht?" – "Verschiedene" – "Welche verschiedenen denn?" Und so weiter. Am häufigsten seien es laut Vicky nämlich vietnamesische und japanische Küche, die in Imbissen kombiniert würden. Auch thailändische und vietnamesische Küche seien ein häufiger Mix.

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Die verschiedenen asiatischen Küchen nicht einfach "asiatisches Essen" zu nennen, ist im Übrigen nur fair. Denn schaut man einmal nach China, nennen sie deutsche Küche nicht in einem Zug mit der italienischen einfach "europäische" Küche, sagt Vicky. Die verschiedenen Gerichte, wie das einfache Schnitzel, würden dort einfach beim Namen genannt. Darin zeige sich auch wieder, gegen wen sich Rassismus richte – und gegen wen nicht. Nämlich westliche Gesellschaften.

Für jeden, der nun immer noch der Meinung ist, das sei alles übertrieben, in Deutschland dürfe man NICHTS mehr sagen – für den hat Vicky noch eine Botschaft: "Es ist nicht so, dass du nichts mehr sagen darfst – du darfst fast alles sagen. Die Frage ist einzig, ob du eine Sache sagen willst, die Rassismus am Leben hält. Ob du für das Verantwortung tragen willst, was du gerade sagst – und ob du überhaupt verstehst, was du da von dir gibst. Oder willst du lieber die bestehenden Verhältnisse über den Haufen werfen?"

So ein Über-den-Haufen-werfen kann manchmal mit kleinen Sätzen beginnen. Oder im Fall von "lass uns beim Asiaten essen" – kleinen Sätzen, die du nicht mehr sagst.

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  • Quelle:
  • Noizz.de