Grillen ist nicht bloß Gebrutzel. Es ist eine Wissenschaft!

Sascha Szabo ist promovierter Soziologe, Philosoph und Kulturwissenschaftler. In seinem Buch „BBQ – Grillen eine Wissenschaft“ hat er sich mit Geschlechterrollen und der Magie von blutigem Fleisch beschäftigt.

Ein heißes Gespräch über das Grillen.

NOIZZ: Herr Szabo, Sie haben ein BBQ-Buch geschrieben. Grillen Sie gerne?

Sascha Szabo: Ehrlich gesagt, lasse ich mich lieber begrillen und beobachte – so wie das Soziologen gerne tun. Meine Grill-Erfolge beschränken sich hauptsächlich auf meine Studienzeit. Wenn man genügend Bier getrunken hat, war es einem auch nicht mehr so wichtig, wie die Würstchen am Ende schmecken.

Was ist so faszinierend am Grillen? Wieso haben Sie sich wissenschaftlich damit auseinandergesetzt?

Szabo: Grillen verzaubert die entzauberte Wirklichkeit. Es hat viel mit Inszenierung zu tun. Soziologisch gesehen ist es ein Reflex auf drei Krisen. Zum einen auf die Auflösung der Geschlechterrollen.

Außerdem ist es ein Gemeinschaftserlebnis, da es immer schwieriger wird, gemeinsame Zeit zu verbringen, und drittens ist das Grillen eine Gegenbewegung zum „Convenience Food“.

Wie kommt es, dass meistens Männer am Grill stehen?

Szabo: Grillen erfüllt ein Interesse an einer klaren Rollenzuschreibung. Diese wird aber eben auch ironisch gebrochen. Der Mann inszeniert sich als Herrscher über das Feuer. Es ist das Neandertalmotiv.

Dazu kommt, dass der Mann, der sich am Grill als Ernährer inszeniert, die bürgerliche Biedermeierfamilie wieder aufleben lässt, indem er jedem am Tisch das Essen zuteilt.

„Der Mann inszeniert sich als Herrscher des Feuers“, sagt Sascha Szabo Foto: Sascha Szabo / Noizz.de

Welche Rolle spielen Medien?

Szabo: Wenn man Abbildungen in Zeitschriften sieht, steht fast immer der Mann am Grill. Das ist ein sehr traditionelles Bild. Realistisch gesehen macht die Frau aber eigentlich die ganze Arbeit, die Marinaden, Salate und im blödesten Fall auch noch den Abwasch. Daran sieht man die Herabsetzung weiblicher Arbeit.

Weil aber Grillen auch ein großes Theater ist, sind diese Geschlechterrollen nicht auf das biologische Geschlecht festgeschrieben. Es wird also auch gegendert, heißt die traditionellen männlichen Rollen werden gerne auch mal von Frauen eingenommen.

Ist Grillen so etwas wie ein Trieb?

Szabo: Es hat in jedem Fall mit Lust zu tun. Beim Grillen ist es vollkommen in Ordnung, dass man mit den Händen isst oder Bratensauce die Tischdecke versaut. Fleisch steht immer noch im Zentrum des Grillens – trotz aller anderen leckeren Sachen. Und von einem rohen, blutigen Stück Fleisch geht unmittelbar Magie aus, und die Errungenschaften der Zivilisierung werden für einen kurzen Moment vergessen.

Gerade erleben wir eine Art Wettrüsten. Was sagt es aus, dass Grills immer mehr können müssen?

Szabo: Der Grill ist ein Statussymbol geworden. Das Gleiche gilt aber auch für viele andere Bereiche. Rasenmähen und Laubblasen wird heute auch regelrecht demonstriert. Und all diese Geräte sind Männerspielzeuge. Sie demonstrieren virile Potenz, und auf diese Weise markieren Männer ihr Revier.

Sind Frauen in Wahrheit die besseren Grillmeisterinnen?

Szabo: Natürlich! Männer sind während des Grillens mit der Inszenierung von Männlichkeit beschäftigt. Weniger mit den Zutaten und deren Zubereitung. Frauen achten mehr darauf, was man grillt, anstatt wie man es grillt.

Was bringt die Zukunft? Wie entwickelt sich das Grillen weiter?

Szabo: Ich hoffe, dass sich das Grillen kulturell weiter öffnet. Das BBQ bringt Menschen zusammen. Es ist ein Fest. Und dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Aktuell könnte mir vorstellen, dass wir uns von an der südafrikanischen Variante „Braai“ inspirieren lassen.

Quelle: Noizz.de