Weltuntergang in Mailand.

Wer jemals mit dem Auto nach Italien gereist ist, kennt das: Kaum hat man die Landesgrenze überquert, steuert man die erste Raststätte an – und sei sie noch so ranzig. Man bestellt sich seinen ersten italienischen Espresso seit Langem. Und er ballert einen einfach weg. Denn selbst die schäbigste italienische Bar macht für maximal einen Euro einen „Caffè“, der jeden hiesigen Craft-Kaffee in den dunkelsten Schatten stellt.

Und jetzt kommt Starbucks und eröffnet in Mailand seine erste Filiale.

Dass der US-amerikanischen Kaffee-Kette bei der Aktion die Düse geht, verwundert nicht. Anders ist nicht zu erklären, warum das Unternehmen so aufdreht. Es eröffnet nämlich nicht irgendeinen Laden, sondern einen überaus prächtigen.

Es handelt sich dabei um eine „Roastery“, die auch noch höchst prominent gelegen ist, nämlich im historischen Postgebäude auf der Piazza Cordusio. Alles muss ganz besonders sein, wie der Pressemitteilung zu entnehmen ist. Dort ist von „einzigartigem Design“ die Rede und von „exklusivem Reserve Kaffees, die frisch vor Ort geröstet werden“.

Das historische Postgebäude von außen Foto: Starbucks

Weiter heißt es in dem Werbetext: „Jeder dieser seltenen Kaffees wird in kleinen Anbaugebieten handgepflückt und entfaltet seine einzigartigen Geschmacksprofile dank verschiedenster Brühverfahren wie Siphon, Chemex, CloverTM oder Espresso auf ganz unterschiedliche Weise.“

An dieser Bar kostet ein Espresso 1,80 Euro – doppelt so viel wie beim Italiener um die Ecke Foto: Starbucks
(Zugegeben: Sieht abgefahren aus) Foto: Starbucks
(Sind wir hier in einem Labor gelandet?) Foto: Starbucks

Okay, ich bin raus. Grundsätzlich finde ich hipsterige Kaffee-Experimente legitim, und ich geh auch schon mal in einen Starbucks, wenn gerade nichts anderes da ist. Und außerhalb von Italien ist leider oft nichts anderes da.

Aber in Italien? C'mon! Was kommt als nächstes: Pizza Hut erobert Neapel? In Venedig wird eine Fake-Seufzer-Brücke à la Las Vegas gebaut? Es gibt wenig, was genauso schlecht ins Zentrum von Mailand passt wie eine Starbucks-Filiale bzw. – scusa! – -„Roastery“. Ich erwarte Heerscharen beleidigter Baristas, die Espresso-Tassen schwenkend auf den Corso gehen.

Allein, das wird nicht passieren. Leider. Denn leider tendieren die Italiener dazu – sorry, dass ich pauschalisiere –, ihr kulturelles Erbe zu verkaufen. Ex-Ministerpräsident Berlusconi hat damit seinerzeit angefangen, und Traumstädte wie Venedig machen damit weiter, wenn sie zum Beispiel den historisch trächtigen Fondaco dei Tedeschi zu einer Luxus-Shopping-Mall machen.

Und (in diesem Fall) leider tendieren die Italiener dazu – hoffentlich verallgemeinere ich auch hier zu unrecht! –, Moden allzu eifrig Folge zu leisten. Und wenn Starbucks nun en vogue ist, hat man plötzlich nichts mehr dagegen, seinen Espresso dort zu bestellen – auch wenn die quatschigen Größenbezeichnungen „tall“, „grande“ und „venti“ für ordentlich Verwirrung sorgen werden und der 1,80-Euro-Espresso das Doppelte eines „gewöhnlichen“ Espressos in einer „gewöhnlichen“ Bar kosten wird.

Leider wird der Starbucks dort also funktionieren – und „leider“ sage ich nur deshalb so oft, weil's mir überall anders egal wär, dort – in Italien – aber eben nun mal nicht.

Ach ja: Augmented Reality fürs Smartphone gibt's auch. Da kann man was über Kaffee lernen und über die Geschichte von Starbucks. Kaffee und Geschichte – als ob Italien davon nicht selbst genug hätte ...

Quelle: Noizz.de