Forscher arbeiten an Abnehm-Pille – die tatsächlich wirken könnte

Katharina Kunath

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(Fr)essen ohne schlechtes Gewissen? Könnte bald möglich sein Foto: Madelon / Usplash.com

Warum ich das für mehr als bedenklich halte.

Wer kennt es nicht: Die Heißhungerattacke auf den XXL-Döner nach dem Feiern, nächtliche Anrufe beim Lieferservice, wenn der Freshflash viel zu hart zuschlägt, oder die Schokoeis-und-Chips-Eskalation, weil wieder die Zeit im Monat ist, in der Frau alles und jeden essen könnte? Und am nächsten Tag dann dieses Gewissensstimmchen im Ohr: „War das wirklich nötig?“

Genau gegen dieses schlechte Gewissen haben US-Forscher jetzt eventuell eine Lösung gefunden:

Experimente an Mäusen haben gezeigt, dass sich RCAN1, das Gen, das für das Ansetzen von Kalorien verantwortlich ist, deaktivieren lässt. Die zuständigen Wissenschaftler der Flinders University und des Southwestern Medical Center der University of Texas erklärten die Studie folgendermaßen: „Mäuse, denen RCAN1 fehlt, haben eine erhöhte Stoffwechselrate und sind resistent gegen durch Ernährung verursachte Fettleibigkeit.“ Heißt also, egal wie viel Fett den Tierchen gefüttert wurde, sie selbst wurden dadurch nicht fett.

Erklären lässt sich das Phänomen folgendermaßen:

Das Gen RCAN1 fungiert als Rückkopplungsinhibitor für bestimmte Stoffwechselprozesse. Wird es blockiert, werden Kalorien, die sonst als Fett angesetzt würden, direkt verbrannt. Die Forscher hoffen, dieses Verfahren auf den Menschen zu übertragen – mit einer Pille, die uns Kalorien einfach nicht mehr ansetzen lässt, egal, wie viel wir essen. Dadurch könnte das Ansetzen von Bauchfett, das als besonders gesundheitsschädlich gilt, verhindert werden.

Klingt erstmal megagut, oder? Und ja, gerade für Menschen, die eine ernsthafte Stoffwechselkrankheit haben, könnte das Medikament eine Erlösung sein.

Trotzdem finde ich die ganze Sache mehr als bedenklich, vor allem, wenn man sich die Begründungen der Forscher für die Versuche mit dem neuen Medikament anhört. Denn ja, es soll auch gegen Stoffwechselerkrankungen helfen. Hauptgrund für die Entwicklung der Abnehm-Pille ist aber ein anderer: die Fortschreitende Verfettung der Menschheit.

Denn das RCAN1 Gen stammt aus einer Zeit, in der dem Menschen Nahrung noch nicht dauerhaft zur Verfügung stand. Eine Zeit des Jagen und Sammelns, indem es für den Körper unabdingbar war, Fett für schlechte Zeiten zu speichern. In der heutigen Welt, in der es Kalorien in Hülle und Fülle gäbe, würde die Funktionsweise des Gens dagegen zur wachsenden Epidemie der Fettleibigkeit beitragen. Und der Hammer kommt noch, denn Leiter der Studie, Professor Damien Keating, beschreibt das ambitionierte Ziel seine Forschungen gegenüber „Science Daily“ folgendermaßen: „Das Ideal wäre es, eine Art Pille zu nehmen, bei der man weder auf seine Diät achten müsste, noch Sport treiben.“

Ähm, bin ich die Einzige, für die das auf unfassbar vielen Ebenen falsch klingt?

Fangen wir mal mit dem offensichtlichsten an: Kalorien fallen nicht vom Himmel, jede einzelne Kalorie, die wir zu uns nehmen, essen wir aus freiem Willen. Ein Gen dafür verantwortlich zu machen, dass man fett wird, weil man zu viel und zu ungesund ist, ist einfach nur lächerlich. Ob du einen Schokoriegel oder einen Apfel ist, ist immer noch ganz alleine deine eigene Entscheidung.

Und seien wir mal ehrlich, macht es nicht auch irgendwie den Reiz von Süßigkeiten und Fast Food aus? Das „Gönnen“? Das aktive Wissen darum, dass das Stück Kuchen oder der doppelte Cheesburger das ist, auf das man sich hin und wieder einfach nur krass freut? Scheiß mal drauf, dass die Waage am nächsten Tag zwei Kilo mehr zeigt. Sich nur noch von Scheiße zu ernähren, einfach weil mans kann, klingt unfassbar langweilig.

Zweitens: Wie krank ist es, ein Medikament zu entwickeln, damit man so viel Fast Food wie möglich essen kann, während im Jemen und in vielen anderen Teilen der Erde Menschen verhungern? Das ist so realitätsfern und verschwenderisch gedacht, dass es alleine bei der Vorstellung wehtut. Nächstes Level soziale Ungleichheit und Massentierhaltung 2.0, here we go, würde ich sagen.

Nächster, wichtiger Punkt: Gesund sein hat auch immer etwas mit Bildung und Aufklärung zu tun. Übergewicht entsteht in den meisten Fällen durch falsches Essen, zu große Portionen und zu wenig Bewegung. Drei Faktoren, die durch eine gesunde Beziehung zu Nahrung auf natürlichem Weg „bekämpft“ werden können – ganz ohne Hilfe von Medikamenten! „Gesunde Lebensweise“ ist der Begriff, der mir in der Studie der US-Forscher völlig fehlt.

Drehen wir das ganze Mal ein Stückchen weiter. Nehmen wir an, eine derartige Abnehm-Pille existiert in einigen Jahren wirklich und wird zur Norm: Wie sollen Kinder in einem solchen Fall den richtigen Umgang mit Lebensmitteln lernen – vor allem, wenn es viele jetzt schon nicht von ihren Familien vorgelebt bekommen?

Wie viel Wert würde noch auf die Zufuhr der richtigen Vitamine und Nährstoffe gelegt? Auf Gemüse und Obst? Wie soll man einen gesunden Lebensstil entwickeln, wenn man die Vorteile davon nicht mehr von der Einnahme eines Medikamentes unterscheiden kann? Statt Abnehm-Pillen gegen Fettleibigkeit zu erforschen, sollten die US-Amerikaner vielleicht lieber anfangen, gesunde Ernährung auf die Lehrpläne ihrer Schulen zu schreiben. Tierversuche mit unschuldigen Mäusen müssten sie dafür auch nicht durchführen.

Und was für ein Risiko würde eine derartige „Pille danach“ für Magersüchtige oder auf eine andere Weise essgestörte Personen bedeuten? Ein weiteres Hilfsmittel, in ungesunde Essens-Raster zu fallen, ist so doch schon vorprogrammiert.

Für mich klingt das alles nach düsterer Dystopie, in der wir alle nur noch vor unseren digitalen Geräten sitzen, Sport machen verlernt haben und mangelernährt sind, weil unsere Lebensmittel nur noch aus Fett und Zucker bestehen. Gesundheit hat auch immer mit einem gesunden Mindset zu tun, der hierbei einfach völlig außer acht gelassen wird.

Mich würde es nicht überraschen, wenn die Versuchsreihe von der Pharma- oder Fast-Food-Industrie gesponsert wäre und ich hoffe, dass dieses Produkt nie auf den Markt kommt.

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Quelle: Noizz.de

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