Löwen tun es, Elefanten tun es, Vögel tun es: Sie zeigen Interesse am gleichen Geschlecht.

Der Münchner Tierpark Hellabrunn widmet dem Thema erstmals Führungen. Das Besondere: Hier hausen zwei Pinguin-Männchen. Dieses Jahr ist das traute Familienglück der beiden getrübt: Sie haben kein Ei abbekommen. "Aber die zwei verteidigen ihre Höhle, als wenn sie Nachwuchs hätten", sagt Zoo-Guide Ilse Tutter. Das Duo habe sich in der Vergangenheit schon mal ein Ei geklaut.

Diese Saison bebrüten sie aber einen Stein. Doch damit sind die Humboldt-Pinguine Highlight und Vorzeigebeispiel Nummer eins im Tierpark Hellabrunn in München bei einer Führung zum Thema "Homosexualität im Tierreich"

Biologin und Zoo-Guide Ilse Tutter (M.) informiert bei ihren Führungen über homosexuelles Verhalten im Tierreich. Foto: dpa Picture-Alliance

Aktuell läuft in Deutschland die Saison für Schwulen- und Lesbenparaden. Anlässlich der Pride Week und des Christopher Street Days in München am kommenden Wochenende bietet der Zoo in den nächsten Tagen erstmals an mehreren Abenden diese Sonderführung an.

Homosexuelles Verhalten bei Tieren ist seit mehr als 300 v. Chr. bekannt

Gleich zu Beginn stellt Tutter klar: "Sexualität, Homosexualität, Heterosexualität sind Persönlichkeitsmerkmale. Das ist menschlich." Sie spricht im Bezug auf Tiere von homosexuellem Verhalten. Schon mehr als 300 Jahre vor Christus habe Aristoteles das dokumentiert.

Inzwischen wurden gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen nach Angaben des Tierparks bei rund 500 Arten beobachtet. Als eine Art Faustformel sagt die Biologin: Tiere, die in Gruppen, Kolonien oder Herden leben, zeigten eher homosexuelles Verhalten als Einzelgänger, die nur zur Paarungszeit Sex haben. "Da dient es rein der Fortpflanzung. Ein gleichgeschlechtlicher Partner wäre da widersinnig."

Meist sind die Männchen homosexuell

Bei Herdentieren gehe es etwa beim Aufspringen der Bisons auch um die Rangordnung. Zugleich sei es aber ein Zeichen des Zusammenhalts: "Man lässt es geschehen, man lässt sich bespringen – aber nicht von Fremden."

Ein Flughund in seinem Gehege in Hellabrunn Foto: dpa Picture-Alliance

Häufiger sei homosexuelles Verhalten bei Männchen beobachtet worden, sagt Tutter. Die Erkenntnisse sind facettenreich: Männliche Flughunde könne man dabei beobachten, "wie sie begeistert ihren Penis lecken". Und bei domestizierten Schafsböcken wisse man: "Zehn Prozent finden es ganz schrecklich, sich mit Weibchen zu paaren." Elefantendamen wiederum "berüsseln sich und zippeln sich gegenseitig an den Brustwarzen".

Homosexualität zum Wohle der Arterhaltung

Schwarze Schwäne bildeten schon mal Dreiergruppen, erzählt Tutter weiter. "Dann suchen sich zwei Männchen ein Weibchen, einer paart sich und dann wird das Weibchen weggescheucht." Doch das habe sogar Vorteile für die Arterhaltung: Zwei Männchen brächten mehr Nahrung heran, der Bruterfolg sei viel größer. Ähnlich argumentiert sie bei den Pinguinen: Wenn zwei Männchen beispielsweise ein verwahrlostes Ei übernehmen, sei das gut für die gesamte Kolonie. Und kurz geht es da im Gespräch um Menschen und das Thema Adoption durch Homosexuelle.

Ein Trauerschwan-Pärchen mit Jungtier im Zoo von München Foto: dpa Picture-Alliance

Überhaupt wird es in der Gruppe immer mal wieder politisch: Sie wolle nicht von „normalem“ Verhalten sprechen, sagt Tutter, sondern davon, was häufiger vorkommt. "In der Natur gibt es alles." Und es kommt die Frage auf, warum das Thema Homosexualität bei Tieren lange keines war.

Tutter nennt als Grund "die sogenannte verfälschte Wissenschaft" und erläutert: "Man wollte es aus moralischen Vorstellungen, die man zu diesen Zeiten hatte, einfach nicht sehen. Man wollte es wegleugnen und sagen, das ist ein widernatürliches Verhalten, um homophobe Argumente zu haben."

Zoos konfrontieren BesucherInnen mit dem Thema Homosexualität

Dass gerade Zoos sich des Themas Homosexualität annehmen, ist keine Seltenheit: Beispiele gab und gibt es etwa aus dem Tiergarten Nürnberg und dem Tierpark Chemnitz. Der Londoner Zoo stellte erst vor wenigen Tagen - auch zum CSD - einen Banner vor das Pinguin-Gehege mit der Aufschrift: "Manche Pinguine sind schwul, komm darüber hinweg."

Dabei ist Experten die sachliche Einordnung wichtig. Pinguin-Forscher Klemens Pütz etwa schreibt in seinem Buch "Unverfrorene Freunde", homosexuelles Verhalten komme bei Pinguinen wie bei anderen Vögeln gar nicht so selten vor: "Wenn zur Paarungszeit kein Partner des anderen Geschlechts zugegen ist, dann tun sie es halt miteinander. Sie üben quasi für den Ernstfall." Vielleicht seien Pinguine aber doch die besseren Menschen: "Denn sie lieben, wen oder was sie gerade vor sich haben. Bedingungslos."

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[Text zusammen mit dpa]

Quelle: Noizz.de