Zwei Reporterinnen, 24 Stunden, hundert Euro Budget.

Traumhafte Strände, grandiose Landschaften, blaues Meer … Ach ja, und dann wäre da noch der Ballermann. Deutschlands Lieblingsinsel Mallorca ist Partyhochburg und Traumort zugleich. Tausende Deutsche sparen jedes Jahr für einen Urlaub im siebzehnten Bundesland. Während die Hotelpreise auf Mallorca ins unermessliche steigen, fallen die Flugpreise auf unter 5 Euro!

NOIZZ hat zugeschlagen und für 4,99 Euro zwei Flüge bei Laudamotion gebucht und zwei Reporterinnen nach Malle geschickt.

Die Challenge

Innerhalb von 24 Stunden so viel wie möglich auf der Insel erleben.

Der Haken

Mit einem Budget von 100 Euro pro Reporterin – inklusive Hotel und Flug!

Die Reporterinnen

Team Party (Jana) vs. Team Kultur (Marie-Julie): Beide schreiben hier abwechselnd, wie sie die Reise erlebt haben. Marie-Julies Text ist gefettet.

18.05 Uhr: Für 4,99 Euro nach Malle

Wir sitzen tatsächlich im Flugzeug! Bis eben habe ich noch nicht daran geglaubt, dass der Flieger für 4,99 Euro tatsächlich abhebt. Aber jetzt rollen wir schon auf die Startbahn. Wir sind noch nicht einmal auf Mallorca gelandet und haben schon die ersten Regeln gebrochen.

Am Schalter wurde unser Handgepäck mit Stickern für den Frachtraum versehen. Wir haben aber keine Lust auf das Gepäck zu warten, also landen die Sticker auf dem Rollfeld im nächsten Mülleimer!

21:03 Uhr: Wir laden in Palmaaaa

Das Abenteuer hat begonnen: 24 Stunden Mallorca mit 100 Euro Budget. Für 5 Euro können wir mit dem Bus bis an nach Arenal – ein Taxi für 20 Euro können wir uns nicht leisten. Der Bus ruckelt über den Asphalt. Der Malle-Hit „Dicke Titten, Kartoffelsalat“ verfolgt mich seit der Abflugshalle. Mehr Lieder als über die Playa de Palma gibt es wohl nur über Köln.

Im Bus werden wir in ein Gespräch mit einem Briten verwickelt: „Where do you guys go?“ – „To Arenal“, antworten wir. Er lacht nur und verlässt den Bus mit den Worten „Why do you want to go in this Shithole?“ Das frag ich mich auch und würde am liebsten mit ihm aussteigen.

21:52 Uhr: Kurzer Lichtblick

Nach circa 20 Minuten sind wir an der Playa. Mittlerweile ist es dunkel. Uns egal. Mit den Koffern geht es direkt zum Strand. Schuhe aus und mit den Füßen ins Wasser: Das ist überraschend warm. „Vor gut drei Stunden saßen wir noch am Schreibtisch, und jetzt sind wir einfach mal auf Mallefür 4,99 Euro!”, kreischt Jana.

Der Sand zwischen unseren Zehen lässt Urlaubsfeeling aufkommen. Doch die Realität holt mich schnell ein, als ein Betrunkener irgendwas von der Promenade brüllt.

Unser Hotel liegt in einer Seitenstraße nahe der Promenade. Wir sind positiv überrascht: Die Nacht kostet hier für zwei Personen inklusive Frühstück nur 55 Euro! Wir haben eine Kaschemme erwartet, finden uns aber in einem ansehnlichen Hostel wieder. Zwar herrschen in unserem Zimmer 35 Grad, dafür ist alles sauber, schick und wir haben sogar eine große Dachterrasse. Zum Chillen haben wir aber keine Zeit – jetzt wird gefeiert!

22:52 Uhr: Die Zimmertür ist zu!

Ich hab richtig Bock! Für insgesamt 3 Euro gönnt sich Marie-Julie eine Apfelschorle und ich mir einen Smirnoff Ice vom Späti! Kaum auf der Promenade angekommen, grinst uns schon der erste Promoter an: “Na, wo geht’s hin? Kommt doch rein und trinkt einen Shot für 2 Euro!” Das Lokal sieht leer aus, die brauchen Kundschaft – vielleicht können wir einen Deal machen?  “Kriegen wir einen umsonst?”, frage ich. Er nickt. Wir folgen ihm die Treppe runter in den Keller. Marie-Julie wirft mir einen hilfesuchenden Blick zu, ich zucke mit den Schultern. Hinter der Tür wartet eine leere Tanzfläche – immerhin schmeckt der Karamell-Wodka. Cheers, und jetzt raus hier!

23.02 Uhr: Call me Maybe

Mit dem Zufallen der Hoteltür verschwindet auch meine letzte Chance dem Besäufnis auf dem Ballermann zu entgehen. Jana handelt mit jedem Promoter auf der Promenade einen Gratis-Drink aus. Dann schleift sie mich in die nächstgelegene Karaoke-Bar. Schlagermusik ist hier natürlich Pflicht.

Drinnen wartet eine Gruppe Partywütiger  – vor jedem steht ein großes Glas Bier. Wenn der Abend so endet, wäre das selbst für mich akzeptabel. Aber bevor ich meinen Gedanken vollenden kann, packt Jana mich am Arm und sagt “So, genug gesungen, auf geht’s in den Megapark!”.

23:43 Uhr: Megapark - Zwischen Himmel und Hölle

Jetzt sind wir mitten drin. Augen zu und durch lautet die Devise. Mit einer Rolltreppe geht es in die Mega-Arena. Die hier Anwesenden wollen nur drei Dinge: exzessiv Party machen, grölen und saufen! Mein persönlicher Horror. Der Geruch von Toilettenreiniger steigt mir in die Nase. Meine Augen wandern durch den Raum. Sowas habe ich zuvor noch nie gesehen.

Marie-Julie steht der Mund offen. Ich muss lachen. Ja, der Mega-Park kann ein Kulturschock sein. “Länger als 10 Minuten werde ich das nicht aushalten”, schreit sie mir mit schüttelndem Kopf entgegen.  “Das werden wir ja noch sehen”, denke ich mir und ziehe sie weiter in die Menge … Ich glaube wir brauchen noch ein bisschen Alkohol.

Meine Augen bleiben an T-Shirts mit Aufschriften, wie "FC Hacke“, "Der Klügere kippt nach" oder "Ich bin nur zum Saufen hier“ hängen. Das sind nicht nur inhaltslose Shirt-Sprüche, das leben die hier wirklich aus! Jana ist mal wieder in ein Gespräch verwickelt. Die Typen zerren uns an ihren Tisch: “Hier wollt ihr was trinken?” Sie sind gleich mit zwei 3-Liter-Säulen Alkohol versorgt. Blöde Anmachen gibt es inklusive. Das ist wohl der Preis für die Free-Drinks. 

Bisher läuft unser Plan sehr gut: Das Portmonee bleibt voll und wir sind es gleich auch. Die Österreicher mit den Säulen waren sehr spendabel. Danke, und Tschüss – das ist der Trick! Übrigens hab ich Marie-Julie gerade beim Tanzen erwischt. Ha, so beschissen ist der Ballermann wohl doch nicht! Wir müssen weiter nach Vorne: Gleich tritt Mickie Krause auf – und wir haben doch die Aufgabe bekommen, ein Selfie mit ihm zu machen. Gerade brüllt die Menge aber noch “Einmal nur, einmal nur ... Sex mit dir!”

Die Song-Texte sind so einfach gestrickt, dass selbst Urlauber mit einem erhöhtem Promillestand mitgrölen können. Dennoch vergisst Schlagerstar Mickie Krause seinen Text. Den Leuten ist es egal. 30 Minuten geben sie alles. Sie stehen auf den Tischen, schreien, klatschen, schunkeln, saufen und machen Fotos für den nächsten Blackout-Morgen. In Deutschland würden die sich schämen, solche Texte mitzusingen.  Der einzige Refrain mit dem ich was anfangen kann: “Wahnsinn warum schickst du mich in die Hölle” von Wolfgang Petry,  dabei suche ich Augenkontakt zu Jana ... aber die tanzt gerade auf einem Hocker in der Menge.

Nachdem wir ein Selfie für Arme mit Mickie Krause gemacht haben, geht’s jetzt in die Schinkenstraße. Besoffene, die sich Bratwürstchen in den Mund schieben, Helmuts mit 100-Jahre-Garantie-Sonnenbrillen in der Hand und das große Bierkönig-Schild: In mir machen sich Heimatgefühle breit. Marie-Julie guckt mich fassungslos an und ich denk mir: „Boar geil, das fühlt sich wie zuhause an!“

01:04 Uhr: Bierkönig - Schlimmer geht’s immer!

Nach dem Megapark dachte ich eigentlich, dass es nicht noch schlimmer werden kann, aber der Bierkönig toppt meine kühnsten Vorstellungen. Egal ob Fußballmannschaft, Mädelsclique, Abiklasse oder Kegelclub, hier kommt wirklich alles zusammen. Der Alkohol fließt literweise – große Mengen, kleine Preise.

Auf dem Boden liegen Ein-Meter-Strohhalme. Ein Gemisch aus Bier, Cola und Schnaps sorgt für gute Bodenhaftung. Es ist dreckig. Zum ersten Mal bereue ich es, keine festen Schuhe zu tragen. Zwischen den Gläsern auf den Tischen tanzen oberkörperfreie Männer. Nur einen ollen Turnbeutel haben sie sich auf ihre verschwitzten Rücken geworfen. Ihr T-Shirt wirbeln sie in der Luft herum. Daneben junge Mädels, die halbnackt auf den Tischen tanzen. Und ja, alle sind freiwillig hier.  Unglaublich!

Im Bierkönig war’s selbst mir zu krass. Trotzdem müssen wir uns noch eine Erinnerung erschnorren: Für jede Maß, die man hier bestellt, gibt’s ein Bierkönig-Shirt – der Beweis, dass man auch wirklich da war. Auf der Straße quatsche ich eine Studentengruppe an: „Hey, habt ihr noch ein Shirt übrig?“ Sie verneinen.

Ein paar Meter weiter steht ein anderer Typ im neongelben Muskelshirt mit einem ganzen Packen eingeschweißten Shirts in der Hand. „Können wir dich mal was fragen?“, versuche ich es jetzt etwas softer, die Hauruck-Variante hat ja nicht geklappt. Ich erkläre ihm unser Problem – nur 24 Stunden und keine Kohle. „Weil ihr so lieb gefragt habt, bekommt ihr eins!“

01.34 Uhr: Alle guten Dinge sind drei

Einer der drei großen Ballermann-Läden fehlt noch: Ab ins Oberbayern. Hier zahlen wir 4,50 Euro Mindestverzehr. Das reißt ein Loch in unser Budget … allerdings tritt in einer halben Stunde auch die Mallorca-Prinzessin Mia Julia auf. Vor dem Club treffen wir auf eine Männer-Gruppe  … Ach, die sehen doch ganz sympathisch aus … Erstmal anquatschen!

“Ich will hier einfach nur WEG!” Während Jana schon wieder mit diesen fremden Typen rumblödelt und ihnen NOIZZ-Tattoos verpasst, stehe ich daneben wie ein Fremdkörper. “Lach doch mal,” wird mir im Laufe des Abend immer wieder nahegelegt. “Nö,” denk ich mir. Ich hab genug gesehen, genug gehört, ich mag nicht mehr.

Doch verschont werde ich nicht: Rein in den nächsten Laden. Die Jungs vom Eingang laden uns auf ein Bier ein. Plötzlich verschwindet Jana, sagt sie gehe “kurz eine rauchen”. “Aha, aber komm bitte schnell wieder, ja?” Sie nickt.

Im Raucherbereich unterhalte ich mich mit Jason (*). Er kommt aus dem Ruhrpott, da haben wir doch schon mal eine Gemeinsamkeit. Während der ersten Zigarette erzählt er mir, was er beruflich macht … Während der zweiten Zigarette beichtet er mir, dass er nicht weiß, was er im Leben eigentlich erreichen will. Auch wenn Marie-Julie mir das nicht glauben wird: Unser Gespräch ist richtig tiefgründig,  dass er dabei ein bisschen lallt – mir doch egal!

Jana ist jetzt schon 20 Minuten weg. Ich versuche mich “normal” zu verhalten, aber was ist im Oberbayern schon normal? Upps, bei all dem Gedränge trete ich einem Typen auf die Zehen, er nimmt’s gelassen. Sein Outfit ist echt bewundernswert hässlich: Neben einer schwarz-rot-goldenen Plastiksonnenbrille, trägt er ein Deutschland-Shirt, Badelatschen und Tennissocken. Von der Brust seines Kumpels prangt die Aufschrift: "Sauf mal mehr, die Leute gucken schon": Ich fühlte mich irgendwie angesprochen.... Und wo ist eigentlich Jana? Ich bin müde, zu nüchtern, sehne mich nach dem Hotelbett. Endlich taucht sie wieder auf und entschuldigt sich mit einem sorglosen “Sorry, hat etwas länger gedauert.” Etwas länger? Sie war eine Stunde weg! Ich bin fertig mit dieser Nacht: Wir gehen.

4:22 Uhr Reicht dann auch

Bis zum Hotel müssen wir gut einen Kilometer über die Promenade laufen.  Vorbei an Helmuts, Besoffenen und den vielen Prostituierten. Gerade draußen läuft uns Kira zu. Sie ist vielleicht 19, ziemlich blau und fragt, ob sie uns begleiten darf. Wir stimmen zu. Ein paar Meter später kommt der humpelnde Philip dazu: “Ich hab Angst vor den Nutten! Die haben mich schon zwei mal angepackt, obwohl ich das gar nicht wollte.” Auf Höhe des Megaparks drehe ich mich noch mal um und entdecke zwei weitere Typen, die sich unserer munteren Wandergruppe angeschlossen haben. “Und wo müsst ihr hin?”, will ich wissen. “Keine Ahnung!”

Endlich sind wir im Hotel angekommen. Eins ist mir klar: Die Bilder von Mallorcas Partymeile werde ich so schnell nicht aus meinem Gedächtnis löschen können. Die Nacht hat sich für mich angefühlt, als wäre ich in ein Bermudadreick zwischen Megapark, Bierkönig und Oberbayern geraten... kurz vorm Schiffbruch! Todmüde falle ich ins Bett, in der Hoffnung am nächsten Tag aufzuwachen und alles nur geträumt zu haben…

04.36: Zeit für einen Kassensturz:

In meinen Ohren rauscht es noch. In meinem Kopf haben Songs von Mickie Krause und Mia Julia Sex und vermischen sich zu ganz neuen Hits. Ein bisschen betrunken bin ich nach diesem Abend ja schon.

Ausgegeben haben wir trotzdem nicht viel: 1,50 Euro für den Drink am Späti, einen Shot für 50 Cent und die 4,50 Euro Mindestverzehr im Oberbayern – 6,50 Euro für eine Partynacht am Ballermann! Bleiben insgesamt also noch 51 Euro für den zweiten Tag – Kulturprogramm!

(* alle Namen der Urlauber wurden von der Redaktion geändert)

Quelle: Noizz.de