Der Ballermann als Epizentrum postmoderner Partykultur

Robin Kittelmann

Politik, Gesellschaft, Motor
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Sollte man diesem Wegweiser noch folgen? Foto: flickr.com

Auf so hohem Niveau wurde noch nie über Mallorca philosophiert, Prost!

Gestern haben wir euch 5 Gründe genannt, weshalb der Dauerbrenner Mallorca nicht mehr zieht.

Die Begründung:

Steigende Preise für Hotels und Ferienwohnungen, Umweltverschmutzung durch die vielen Kreuzfahrtschiffe und den ganzen Müll der Touristen, überfüllte Strände und Hotels, Alkoholexzesse und Rechtsradikale, sowie die zunehmend genervte Stimmung unter den Mallorquinen, die jetzt auch auf die Straße gehen.

Noizz hat mit dem Soziologen und Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo über Mallorca und den Ballermann gesprochen. Im Interview äußert er sich zu den Problemen der Insel, falschen Erwartungen der Gesellschaft und seiner Liebe zum Ballermann.

Herr Szabo, ist es aufgrund der gegenwärtigen Situation überhaupt noch möglich, guten Gewissens Urlaub am Ballermann zu machen?

Die landläufige Meinung scheint zu sein: Wer ordnungsgemäß Urlaub machen will, muss Land und Leute kennenlernen um so einen selbstempfundenen Mangel an Kultur zu kompensieren. Die Hauptsache ist dabei jedoch, dass man sich Zuhause als Bildungsbürger inszenieren kann und als solcher ist natürlich ein archaischer Hotspot wie der Ballermann ein No-go. Urlaub wird letztlich nur geduldet, wenn er nützlich ist und der Erbauung dient.

Die balearische Regionalregierung investiert zunehmend in Nobelhotels und will den low-cost Tourismus einschränken, sind die Partymeilen dadurch gefährdet?

Letztlich erlebt der Ballermann eine Art von Gentrifizierung. All das Anarchische der neunziger und nuller Jahre, weswegen die Urlauber noch kommen, wird zurückgedrängt und durch Verbote reglementiert. Der Ballermann durchläuft einen Prozess der Institutionalisierung hin zu einer Art konfektionierten Erlebnistourismus. Ballermann, das darf man im Übrigen nicht aus den Augen verlieren, war immer auch schon eine Marke. Also der Ballermann© ist - und viele mögen das nicht gerne hören – das, was Mallorca so besonders macht.

Markus Becker bei einem Auftritt auf dem Ballermann Foto: Wikipedia

Deutsche und britische Touristen haben auf Mallorca inzwischen einen zweifelhaften Ruf, müssen sie sich Sorgen machen, nicht mehr willkommen zu sein?

Die deutschen Touristen haben bei Deutschen schon immer einen schlechten Ruf, ich sage nur Socken und Sandalen. Und die Sorge nicht gemocht werden, ist ähnlich latent. Klar spielt die deutsche Identität eine Rolle, aber viel grundlegender ist der Anspruch, der an Urlauber gestellt wird: nämlich auch Botschafter zu sein. Der Urlaub ist aber keine diplomatische Mission, der Urlaub sollte einem völlig zweckfreien Entspannen dienen.

So malerisch sehen die Strände nicht immer aus Foto: Wikimedia

Sollten Touristen, die sich einfach am Strand entspannen wollen ein anderes Urlaubsziel als Mallorca suchen?

Zum einen gibt es ja auf Mallorca wirklich viele schöne Strände, das, was man als Ballermann bezeichnet sind gerade einmal zwei Straßen und drei Diskotheken. Dort ist wie gesagt inzwischen auch schon alles stark reglementiert. Zurück zum Strand: klar, wer seine Ruhe am Strand haben will, dem kann ich die Costa Calma auf Fuerteventura empfehlen, dort ist die größte Sehenswürdigkeit laut Wikipedia der Strand. Mallorca sollte froh sein, den Ballermann zu haben. Ich würde gerne dieses Areal als Kulturdenkmal schützen, weil es ein Epizentrum postmoderner Festkultur ist, vergleichbar der Loveparade.

Halten Sie eine stärkere Präsenz von Sicherheits- und Polizeikräften für angemessen?

Natürlich werden im Rahmen der Institutionalisierung mehr Verbote ausgesprochen und logisch gehören dazu auch die entsprechenden Organe, die das Gesetz durchsetzen. Ich hingegen finde die spontanen selbstorganisierten Regeln viel interessanter, weil sie eben zeigen, dass es auch ein Rechts- und Unrechtsempfinden ohne staatliche Verordnung gibt. Wunderbar zeigte sich dies im Bierkönig als Rechte eine Reichkriegsflagge zeigten und Mia Julia samt den Partygästen skandierte „Jeder Nazi ist ein Hurensohn“. Genau hier zeigt sich Zivilcourage.

Wie stehen Sie zu dem geforderten Alkoholverbot in Flugzeugen auf die Balearen?

Ich denke es ist ein PR-Stunt. Dahinter steht aber eine Form der Grenzziehung, die ich bejahe. Der Ballermann ist ein Heterotop, also ein außeralltäglicher Ort, der zudem auch in die Geographie eingelassen ist. An diesem Ort herrschen andere Regeln, das Miteinander ist ein anderes, es herrscht auch eine andere Sexualmoral und der Rausch ist zugelassen und gewollt. Aber dieser Ort ist auch klar abgegrenzt von der Welt des Alltags. Das merkt man an der Playa de Palma oder s´Arenal wo zwei Straßen vom Ballermann entfernt eine ganz andere Atmosphäre herrscht.

Das Kultbistro "König von Mallorca" Foto: Wikipedia

Was sind ihre 5 Gründe, weshalb Mallorca heute ein lohnendes Ziel ist und bleiben wird?

Nun was soll ich dazu sagen, Mallorca hat schöne Strände, das haben andere Inseln auch, es hat eine tolle Steilküste, schöne alte Kirchen, einen Berg, eine Grotte und natürlich auch einen uralten Baum. All das haben aber die meisten Inseln im Mittelmeer. Was die anderen Inseln nicht haben ist diese besondere Festkultur. Gut ich nehme Ibiza mit der besonderen Clubkultur und Kreta mit Matela aus. Wenn ich also fünf Gründe für einen Abstecher nach Mallorca aufzählen sollte, dann gehört dazu die Schinkenstraße, die Bierstraße, der Megapark, Jürgen Drews und Micki Krause.

Noizz-Fazit:

Einfach formuliert, hin und wieder hat jeder das Recht sich ohne Verpflichtungen und ohne gestört zu werden zu besaufen und Party zu machen. Perfektionismus und höhere Ansprüche sind dabei nicht erwünscht!

Quelle: Noizz.de

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