Das Mächtigste, was mir mein Israel-Besuch gezeigt hat, ist die Kunst der Vergebung

Genna-Luisa Thiele

Popkultur, Psycho
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Ein Blick über die Dächer Jerusalems mit Grabeskirche (links) und Felsendom (rechts) Foto: Photo by Josh Appel on Unsplash

Israel ist mehr als Hummus, Nahost-Konflikt und Totes Meer.

Ein Land, so klein wie das deutsche Bundesland Hessen und doch so wichtig im politischen Weltgeschehen. Ein Staat, ein Schmelztiegel: Israel ist jener Fleck auf der Erde, auf dem Christen, Muslime, (ultra-)orthodoxe Juden dicht an dicht leben, streiten, glauben. Und sich auch bekämpfen.

Israel, dieses Wort fällt in Deutschland oft in Schlagzeilen über den Nahost-Konflikt auf. Gemeint ist dann genau genommen der Staat Israel, die Politik von Ministerpräsident Benjamin „Bibi“ Nethanjahu, die israelischen Siedlungen.

Ich, die NOIZZ-Redakteurin, durfte für sieben Tage eintauchen in diesen Kosmos, der sich rund vier Flugstunden von meiner deutschen Heimat entfernt befindet. Auf einer journalistischen Reise zusammen mit der Axel-Springer-Akademie.

Was ich gelernt habe? Es gibt derart komplexe, verworrene, bewegende Themen, Situationen, Orte, Kriege, Menschen, Geschichten, dass man sie nur mit lokalem selbstgebrautem Schnaps und einem lautstarken „Le’Chaim!“ (Hebräischer Trinkspruch „Auf das Leben!“) verdauen kann. Und mit dem Inhalt einer Tüte „Bamba“ schlucken – Erdnussflips mit Nutella-Füllung, eine Hype-Süßigkeit in Israel.

Israel, das ist heute aber auch ein Ort, an dem die dort lebenden Juden die Deutschen mit offenen Armen empfangen.

Das Mächtigste, was mich Israel und die dort lebenden Juden gelehrt haben, ist die Kunst der Vergebung.

Denn als Deutscher wird man in Israel gern gesehen – trotz der geschichtlichen Verantwortung für die grausame Massenvernichtung von in Deutschland und Europa lebenden Juden im Zweiten Weltkrieg.

Die anfängliche Angst, sich als Deutsche „zu outen“, verfliegt im Nu.

Eine Erinnerung, eine Mahnung, eine Schuld, eine Verantwortung

Besonders berührt hat mich die Begegnung mit Holocaust-Überlebenden in Ner Yaakov, einer gemeinnützigen Organisation, die sich um Menschen kümmert, welche die Shoah überlebt haben.

Es gab einen Moment, in dem ich mich schäme, weil ich so heftig weine und die Holocaust-Überlebenden mich trösten, mich umarmen und mir sagen, dass ich ja nichts für das kann, was damals passiert ist. In diesem Augenblick verstehe ich, was Resilizenz ist, was Stärke und Vergebung wirklich bedeutet. Ich bin ihnen unendlich dankbar für ihr Vertrauen.

Die Botschaft, die ich aus diesem Treffen mitnehme, ist eindringlich, sie weckt auf, und ich möchte sie hiermit weitergeben: Wir Deutschen sollten nicht nur den toten Juden gedenken, die Opfer der Nazis wurden. Wir sollten auch die (Über-)lebenden unterstützen. Es darf, es kann, es soll, ja es muss eine deutsch-israelische Beziehung geben, die sich an der Zukunft orientiert, und nicht nur an der Vergangenheit.

Strand, Saufen, Sabbat

Ansonsten fällt Touristen zum Stichwort Israel vor allem die Stadt Jerusalem (3000. v. Chr.) ein: Für Gläubige ist sie einer der heiligsten Orte des Judentums, des Christentums und des Islams. Tempelberg, Ölberg, Felsendom, al-Aqsa-Moschee sind Pilgerorte.

Als Zeuge der Antike sticht dort auch die heilige Gebetsstätte heraus – die Klagemauer; architektonisch eindrucksvoll ist die Grabeskirche aus dem 4. Jahrhundert.

Das krasse Gegenteil zur geschichtsträchtigen Stadt Jerusalem ist Tel Aviv. Der Ruf als Techno- und Partystadt am Strand eilt der jungen Metropole am Mittelmeer (Gründung am 11. April 1909) voraus.

Araber und Juden spielen hier zusammen Basketball (beliebter Sport), sehen sich als Brüder und Schwestern.

Israel, das ist auch das Sex-positive Tel Aviv, wo an Bars und Balkonen bunte Regenbogen-Flaggen hängen, die große LGBTQ-Community Schwulen, Leben und Drags aus aller Welt anzieht – nicht nur zur CSD-Parade.

Israel, das ist natürlich auch lecker, man denke an die quasi Nationalspeise Hummus, gerne mit Falafel und Schawarma.

Hier sitzt man auch ohne Smartphone stundenlang mit den Liebsten zusammen, schnackt, trinkt Wein, isst koscher (Milch- und Fleischprodukte getrennt), um den siebten Wochentag, ein Ruhetag namens Sabbat, zu feiern.

Und auch hier darf ich als Deutsche beiwohnen, trotz der Verbrechen meines Volkes zwischen 1939 und 1945.

Für mich ein Beweis dafür, dass die tiefe Bindung zwischen Deutschland und Israel mittlerweile mehr ist, als die Vergangenheit.

Quelle: Noizz.de

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