Influencer wie Nova Lana Love (rechts) haben das T-Shirt populär gemacht Foto: levis_germany / Instagram

Hört endlich auf, diese Levi's-T-Shirts zu tragen!

Manuel Lorenz

Redaktionsleiter NOIZZ.de
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So unmodisch war Mode schon lange nicht mehr ...

Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause gefahren bin, saßen in meinem Waggon drei Leute mit ein und demselben T-Shirt. Es war weiß und zeigte im Brustbereich groß das unverkennbare, rote Levi’s-Logo.

Ich hatte in den vergangenen Tagen immer wieder junge Menschen mit dieser einfachen aber emblematischen Mode gesehen; jetzt hat ihre Präsenz aber ein Maß angenommen, das irrational scheint.

Verrückt. Total verrückt.

Warum tragt ihr jetzt alle ein Levi’s-T-Shirt? Und zwar genau das Gleiche? Gleiche Farbe, gleiches Logo in gleicher Größe an der gleichen Stelle. Wenigstens die Größe unterscheidet sich je nach Träger: von XXS bis XXL ist alles dabei.

Versteht mich nicht falsch: Mode ist immer ein wenig bescheuert, denn alles, was mehr Zweck erfüllen will, als den Körper zu verhüllen und ihn vor Hitze, Kälte oder Säbelzahntigern zu schützen, ist im Grunde irrational.

Wenn wir uns die Evolution des Menschen anschauen, erfüllt Mode höchstens noch den Zweck, potentielle Sexualpartner anzulocken, um die eigene Art zu vermehren, um so ihren Fortbestand zu sichern.

Der Mensch als Pfau. Nicht ohne Grund gibt es in der Sprache der Pick-up-Artists (zu Deutsch: Aufreißkünstler) den Begriff des „Peackocking“, des Sich-zum-Pfau-machens.

Und, ja, Mode darf so gut wie alles sein: Dadaismus, Nihilismus, Geschichtsunterricht, Gegenwartschiffre, politisches Statement, Kunst. Und, ja, nichts ist trauriger als Mode, die nur praktisch sein soll: „Die Jacke ist praktisch.“ – „Ja, aber potthässlich!“ – „Egal. Sie schützt vor Regen!“ Das ist dann nämlich keine Mode, sondern laizistische Ganzkörperverhüllung, gegen die Burkas aussehen wie Haute Couture.

Weiße Levi's-T-Shirts?

Über all das kann man trefflich diskutieren. Aber weiße Levi’s-T-Shirts? Sind gar nichts.

Sie sind keine 245-Euro-T-Shirts von Vetements mit DHL-Schriftzug, die den Flohmarkt zur Designer-Boutique erklären. Keine unförmigen Pullis von Gosha Rubchinskiy mit Fila- oder Kappa-Logo, die die prollige Markengläubigkeit der 90er Jahre wiederauferstehen lassen.

Levi’s repräsentierte nie Trash, den man durch ein Preisschild adeln könnte. Levi’s stand aber auch nie für das Gegenteil, für Luxus und Glamour, den man durch Straßendreck konterkarieren könnte.

Klar, Levi’s war für uns in den 90ern DIE Jeans schlechthin. Zulässig war nur das Modell 501. Unsere Mädels sahen darin super aus, unseren Eltern wurde bei ihrem Preis schlecht – vor allem, wenn sie sahen, dass wir ihnen Löcher in die Knie schnitten.

Irgendwo zwischen egal und banal

Heute sind Levi’s-Jeans Standard. Zuverlässig, unauffällig, authentisch. Irgendwo zwischen egal und banal. Noch nicht mal maskulin oder feminin. Eine Levi’s sagt nichts über seinen Träger aus. Eine Levi’s hat man halt. So wie ein paar weiße Stan Smiths.

Und genau deshalb konnte jenes T-Shirt so erfolgreich sein. Bereits vor einem Jahr trug Caro Daur es – auf Plakaten in Snapchat-Optik, die in ganz Berlin hingen. Und anscheinend, das hat mir eine Kollegin erzählt, schenkte Levi’s das besagte „Kleidungsstück“ bei der vergangenen Fashion Week in Berlin der gesamten versammelten Influencerschaft, woraufhin natürlich ganz Snap- und Instalandia überquoll vor weißen T-Shirts mit rotem Levi’s-Logo.

Dass Levi’s voll auf Zusammenarbeit mit Influencern setzt, sieht man auch auf dem Instagram-Account des Jeans-Herstellers, der voll ist mit den üblichen Verdächtigen – von Janina Uhse über Sami Slimani bis Nova Lana Love.

Das genaue Gegenteil von Individualität

Und plötzlich ist das Basic-Tee von Levi’s aufgeladen. Mit Sehnsucht. So zu sein wie die. Schön. Reich. Mutmaßlich glücklich. Auf der Fashion Week abzuhängen. Auf dem Coachella abzuhängen. Ein Star unserer Tage zu sein. Ein Influencer. Nicht unbedingt Kim Kardashian. Aber wenigstens Steffi Giesinger. #thegoodlife

Jenes Levi’s-T-Shirt ist folglich das genaue Gegenteil von Individualität. Wenn es eine Botschaft hat, dann die: Ich will nicht ich selbst sein. Ich will jemand anderes sein.

So unmodisch war Mode lange nicht mehr.

PS: Eine etwas übermotivierte, aber durchaus unterhaltsame Reaktion auf den Levi's-T-Shirt-Hype stammt von der Facebook-Seite „Die nicht so schmierige Veranstaltungsfirma“.

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