"Tätowieren funktioniert nicht alleine": Yeda ist Teil des queeren Tattoo-Kollektivs "Fantasy Berlin" in Berlin. Ein Gespräch über Safe Spaces, Machtstrukturen und faire Tattoo-Preise.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Yeda Zweifel unterhalten. Yeda, 26, kommt ursprünglich aus der Schweiz und ist vor zwei Jahren nach Berlin gezogen. Yeda tätowiert bei "Fantasy Berlin": Einem queeren Tattoo-Kollektiv, das sich den üblichen Machtstrukturen in unserer Gesellschaft und der Tattoo-Welt im Speziellen, entgegenstellt. Wir haben mit Yeda darüber gesprochen, warum man sich und seine vermeintliche "Wokeness" immer wieder hinterfragen muss, darüber, wie man selbst ein*e gute*r Ally ist und warum ein Tattoo viel mehr ist als ein Bild auf der Haut.

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NOIZZ: Yeda, wie bist du zum Tätowieren gekommen, wann hast du damit angefangen?

Yeda: Zum Tätowieren bin ich gekommen, weil ich schon sehr früh sehr schlechte Erfahrungen in Tattoostudios gemacht habe. Ein Tätowierer in Luzern hat mich zum Beispiel mal nach dem Termin auf Facebook angeschrieben, ob ich mit ihm ausgehen wollen würde. Er hat meinen Namen einfach aus seinen Unterlagen rausgesucht. Schon während des Termins hat er mich mega angeflirtet, was mir sehr unangenehm war – er war um die 40, ich 18. Das war eine komische Situation: Ich war zum einen sehr jung, zum anderen wollte ich ihn beim Tätowieren ja auch nicht wütend machen ... Du bist in solchen Momenten total ausgeliefert.

Was hat diese Situation mit dir gemacht?

Wegen solchen Machtdynamiken wollte ich nicht mehr in Studios gehen – und habe dann einfach angefangen, mich mit Nähnadeln und Tusche selbst zu tätowieren. Mir war egal, wie das am Ende aussah – mir ging es eher um das Erlebnis, das ich mit mir selbst geschaffen habe. Ich habe so weiter gemacht, bis mir irgendwann jemand eine Tattoo-Nadel in die Hand gedrückt hat.

Tattoo von Yeda

Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben?

Yeda: Sehr minimalistisch. Und es gehört sicher unter den großen Umbrella-Term "Contemporary Tattoo". Mein Stil hat zum Beispiel gar nichts mit klassischem "American Traditional Tattooing" zu tun. Ich mache viele abstrakte Sachen, viele One-Line-Geschichten. Einlinige Gesichter oder Tiere. Mir war und ist immer wichtig, dass es nicht versucht, etwas zu sein, was es nicht sein kann.

Zeichnungen von Yedal

Wer lässt sich von dir tätowieren?

Yeda: Nur supersüße Leute. Fast immer denke ich, dass ich mich mit denen auch auf einen Kaffee hätte treffen können. Zu mir kommen vor allem Leute aus der queeren Szene, wenige Cis-Männer. Aber ab und zu auch mal die – und alle sehr freundlich und nett. Ich versuche, in meinen Zeichnungen sehr ehrlich zu sein und das zu machen, was mir nah ist. Ich hatte früher immer total Schiss zu zeichnen, weil ich dachte, ich kann das nicht in dem Stil wie andere, also kann ich nicht zeichnen. Irgendwann habe ich dann einfach aufgehört, über das zu urteilen, was ich mache. Und dadurch zieht man dann die Leute an, mit denen man sich versteht.

Was mach Tätowieren für dich so besonders?

Yeda: Tätowieren funktioniert nicht alleine. Ich finde es auch heute noch abgefahren, dass du eine andere Person dafür brauchst. Ich muss fast jedes Mal heulen, wenn ich jemanden tätowiere. Das Vertrauen, das man sich gegenseitig entgegenbringt, ist riesengroß. Und mir ist es wichtig, dass die Machtverhältnisse gebrochen werden. Ich mache den Menschen immer von Anfang an klar, dass ich nicht hier sein kann ohne sie – dass wir gleichberechtigt sind. Dass man so etwas zusammen erschaffen kann und dass meine Zeichnung ohne die Person nur eine Zeichnung ist. Das Tattoo ist dann ja auch nicht mehr meins, ich gebe es ab und habe keinen Anspruch mehr darauf.

Ich finde es immer ganz komisch, wenn ich höre, dass sich Leute irgendwo tätowieren haben lassen, wo sie sich nicht wohlgefühlt haben. Ich sage immer: Du musst das nicht mit dir machen lassen, geh weg, lauf weg. Du musst dich nicht von jemand tätowieren lassen, der dir nicht zuhört oder unfreundlich ist.

Tätowieren ist für dich also viel mehr als ein Handwerk.

Ja, es ist sehr rituell. Die Geschichte vom Tätowieren ist ja allgemein sehr rituell und ich glaube, das ist auch in uns Menschen drin. Dass wir uns nicht unbedingt tätowieren, weil das Bild eine Bedeutung hat, sondern der Prozess an sich.

Ich bin total ins Handpoke verliebt, weil es so langsam ist. Und es ist nichts zwischen dir und mir, nur die Nadel. Es ist auch für dich, die Person, die ich tätowiere, einfach nachzuvollziehen, was da gerade passiert: Punkt für Punkt ergibt eine Linie. Und dann ist eh immer alles schon so schnell, ich auch, ich denke und rede schnell. Beim Tätowieren will ich runterfahren.

Yeda Zweifel

Yeda, lass uns über Preise reden. Was macht eine "faire" Tätowierung für dich aus?

Yeda: Wenn ich einen Preis ansage, sage ich immer, dass wir darüber reden können. Ich versuche, so zu arbeiten, dass die Leute mitentscheiden können, wie viel sie zahlen – plus minus 50 bis 100 Euro in der Preisspanne. Ich gebe einen Preis an, der für mich okay ist, aber Menschen auch mehr zahlen können ... für Leute, die vielleicht weniger zahlen können. Mein Startpreis liegt in der Regel bei um die 100 Euro. Klar, ich muss ja auch meine Miete zahlen. Ich arbeite immer nur mit einer Person pro Tag, also wirklich Stunden an einem Tattoo. Weil es eben nicht um das Produkt geht, sondern um den Prozess. Wir hängen rum, reden, designen zusammen – das dauert. Wenn ich aussuchen könnte, würde ich lieber nicht für Geld arbeiten.

Sondern?

Yeda: Mir ist es wichtiger, dass die Leute davon gehen und denken: Ich hab mir mit diesem Tattoo Zeit für mich selbst genommen, jemand anderes hat sich Zeit für mich genommen, das war ein angenehmer Nachmittag.

Wenn ich tätowiere, gebe ich ja auf eine Art Energie weiter. Ich arbeite ohne Maschine, ich mache alles von Hand – wenn ich mich dabei nicht gut fühle, gebe ich keine gute Energie an das Tattoo, in deine Haut, weiter – das kann ich nicht verantworten. Ich will jedes Tattoo, das klingt jetzt total kitschig, mit Liebe im Herz machen. Weil ich weiß, dass ich dann jemand etwas Bestärkendes mitgeben kann. Etwas, das Kraft gibt.

Was wünschst du dir für die Tattoo-Szene in der Zukunft?

Yeda: Ich würde mir wünschen, dass sich mehr weiße Menschen mit der Geschichte des Tätowierens auseinandersetzen. Tätowieren ist indigen, es kommt von People of Color und Schwarzen Menschen. Und trotzdem ist es leider noch total normal, dass weiße Tätowierer*innen sagen: "Dunkle Haut kann ich nicht tätowieren." Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen damit auseinandersetzen, wo die Ursprünge des Tattoos liegen und dass die Szene reflexiver und freundlicher wird. Ich wünsche mir, dass mehr Raum für BiPocs, Frauen*, trans*, queere und nicht-binäre Menschen geschaffen wird.

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Was kann jede*r Einzelne verbessern?

Yeda: Mach was dafür, dass du Platz für marginalisierte Menschen schaffst, dass es angenehm ist, sich von dir tätowieren zu lassen. Das bedeutet auch, dass man sich bilden muss. Ich bin ja auch weiß, und ich würde mich zum Beispiel nie als "woke" bezeichnen – weil ich weiß, dass ich noch ganz viel zu lernen habe. Der Lernprozess hört nie auf, gerade im Bezug auf Rassismus in der Tattoo-Welt.

Es ist ja auch totaler Quatsch, dass die queere Szene nicht rassistisch sein soll. Ich höre immer wieder von Schwarzen Leuten, dass sie sich in einem Raum mit weißen queeren Menschen genauso unsicher fühlen wie mit weißen Cis-Männern. Dem muss man sich bewusst sein. Ich würde nie erwarten, dass sich jemand mit mir sicher fühlt, nur weil ich sage, dass ich so oder so bin.

Du leistet auch immer wieder Aufklärung-Arbeit auf Instagram zu dem Thema ...

Yeda: Ich finde, das ist das Mindeste, was man machen kann – egal, wie viele oder wenige Follower*innen man hat. Weil sich das vielleicht jemand anschaut, der es dann auch wieder weitergeben kann: So dringen Informationen immer weiter in eine Sphäre außerhalb deiner Bubble, die sich damit vielleicht noch nicht auseinandergesetzt hat. Deshalb ist es total wichtig, dass alle immer wieder Informationen weitergeben. Was ich dagegen nicht in die Welt hinausschreie, ist, wann, wie und wohin ich spende. Auch das gehört für mich einfach dazu – damit muss ich mich aber nicht schmücken. Ich habe das Privileg, Spenden zu können und dann will ich das auch machen. Das ist eine Verantwortung, die wir alle haben, finde ich.

  • Quelle:
  • NOIZZ