Wie Primark plötzlich Achtung vor Mensch und Umwelt vortäuscht

Tanja Koch

Gesellschaft, Wirtschaft, Lifestyle
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Der Umsatz von Primark steigt kontinuierlich, zuletzt auf umgerechnet rund acht Milliarden Euro Foto: Arno Burgi / dpa

Doch andere Ketten sind kein Stück besser.

Es ist verlockend. Ein Shirt für drei Euro. 10 Ringe für 2 Euro. 8 Euro kostet ein Paar Schuhe. Viele werden schwach und kaufen. Schon hunderte Meter vor den Filialen sieht man sie: Menschen, die Papiertüten mit dem blauen Primark-Logo herumtragen. Man hätte erwarten können, dass der Diskurs um unfaire Arbeitsbedingungen für asiatische Näherinnen die Beliebtheit der Kette dämpft. Primark hat aber schnell reagiert. Das Image poliert.

Eine Frau demonstriert gegen die neu eröffnete Primark-Filiale in Stuttgart Foto: Sina Schuldt / dpa

Auf der Website findet man nun den Reiter "Unsere Ethik". "Die Produkte für Primark werden mit Achtung vor dem Menschen und der Umwelt hergestellt", kann man dort lesen. Die Seiten bieten Infos über Textilfabriken und Lieferanten. Primark habe ihnen Regeln auferlegt zur Wahrung des Arbeitsrechts. Nachdem NGOs öffentlich Druck ausgeübt hatten, sind nun sogar Namen und Adressen aufgelistet. Von Bemühungen um nachhaltige Produktion ist die Rede. "In einigen Dingen sind wir anderen seit Langem voraus" steht da mit einem Verweis auf besagte Papiertüten. Also alles nicht so schlimm? Und wieso sind die Sachen dann so günstig?

Bei Primark einzukaufen gilt als verwerflich Foto: Dávid Ďurčo / unsplash.com

„Dass auf der Primark-Website nun die Fabriken aufgelistet sind, heißt nicht, dass es da auch rosig aussieht", sagt Laura Ceresna-Chaturvedi von der Kampagne für Saubere Kleidung. „Die Lieferanten zu veröffentlichen bringt zunächst einmal Transparenz. Sowohl für die Konsumenten als auch für die Arbeiter*innen." Kommt es zu Arbeitsrechtsverletzungen oder Unfällen in den Fabriken sei es nun leichter, die einkaufenden Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen. Nachdem die Fabrik Rana Plaza in Bangladesh eingestürzt war, mussten die Überlebenden in den Trümmern nach Etiketten suchen, um herauszufinden, welche Marken in der Fabrik bestellt hatten.

Unter anderem fand man Preisschilder der Marke Benetton Foto: AP / dpa

Primark beteuert auf der Markenwebsite, die Arbeitsbedingungen bei den Lieferanten würden regelmäßig geprüft. Diese sogenannten Audits brächten allerdings gar nichts, sagt Ceresna-Chaturvedi. "Weit vor dem Termin kündigt Primark seinen Besuch an. Ich habe sechs Jahre in Indien gelebt und mit vielen Näherinnen gesprochen. Natürlich hatten sie am Besuchstag einen Mundschutz an, natürlich durften sie an dem Tag pünktlich um sechs Uhr nach Hause gehen. Ansonsten sieht es in den Fabriken aber anders aus.“ Auch das Thema Gehalt ist umstritten. Zwar zahlen die meisten Unternehmen - zumindest offiziell - den vor Ort geltenden Mindeslohn. Der müsse, wie Ceresna-Chaturvedi erklärt, aber oft doppelt so hoch sein, um die Existenz zu sichern. „Die meisten europäischen Unternehmen könnten es sich leisten, ihren Arbeitern ein entsprechendes Gehalt zu zahlen." Sie verstecken sich jedoch hinter dem geltenden Recht und nehmen die Armut ihrer Mitarbeiter in Kauf.

Ob nur erwachsene Frauen oder auch Kinder für Primark nähen, lässt sich schwer prüfen Foto: Firdaus Roslan / unsplash.com

Doch Primark ist nicht die einzige Modekette, bei der es so aussieht. Die günstigen Preise sagen nicht unbedingt etwas darüber aus, dass die Näherinnen noch schlechter behandelt werden als etwa bei H&M. "Teurer heißt leider nicht automatisch fairer. Bei einer Recherche kam heraus, dass H&M und Hugo Boss in der gleichen Fabrik produzieren lassen. Die Arbeiter bekommen das gleiche Gehalt. Die Verbraucherpreise entscheiden sich durch andere Dinge: Die Qualität der Stoffe, das Werbeverhalten, die Bestellmengen. Bei Primark etwa geschieht Werbung lediglich über Kunden, die im Internet kostenlos von ihren Shopping-Ausbeuten berichten. Zudem produziert das Unternehmen in Höchstmengen und kann dadurch einen günstigen Preis aushandeln. „Primark setzt auf die Wegwerfmentalität. Es werden solche Massen produziert, dass vieles gar nicht verkauft werden kann. Diese Reste werden dann verbrannt.“ Nach der auf primark.com angepriesenen "Verringerung der Umweltauswirkungen" klingt das jedenfalls nicht.

Doch woher soll man dann wissen, ob man "faire" Kleidung kauft? "Am einfachsten kann man das erkennen, wenn die Kleidung zertifiziert ist", erklärt Ceresna-Chaturvedi. Seriös seien etwa das TransFair-Label, das GOTS-Label und das Label der Fairwear-Foundation.

Quelle: Noizz.de

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