Auf TikTok und Instagram nutzen BIPoC die sogenannte #voguechallenge, um auf fehlende Diversität auf dem Cover der berühmten Zeitschrift aufmerksam zu machen. Für die US-amerikanische Ausgabe der "Vogue" hagelt es derweil Kritik – weil die Arbeitsbedingungen für Schwarze Mitarbeiter*innen dort so unfair sind.

Angefangen hat der #voguechallenge-Trend (wie so viele Internet-Trends dieser Tage) auf TikTok: In Form von Videoclips stellten die User "Vogue"-Cover auf der Plattform nach – schnell wurde die Challenge auch auf Instagram und Twitter übernommen.

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Die Ergebnisse der #voguechallenge zeigen, was dem Magazin fehlt: Diversität

Dort finden sich unter dem Hashtag #voguechallenge schon jetzt knapp 20.000 Beiträge. Die Ergebnisse sind nicht nur wunderschön – sie zeigen auch eine Diversität, die man in der Modeindustrie sonst schmerzhaft vermisst: Hijabis* und Schwarze teilen ihre Vogue-Cover online, genauso wie non-binäre Menschen oder Personen, die nicht dem stereotypisierten, schlanken Schönheitsideal der Modeindustrie entsprechen.

Vielen der Personen, die diese Fotos posten, geht es bei der Aktion aber nicht nur darum, zu zeigen, wer zu selten auf den Covern elitärer Modemagazine zu sehen ist – sondern auch, um Aufmerksamkeit darauf zu lenken, wer hinter den Kulissen für die Inhalte verantwortlich ist. Sie fordern, dass mehr Schwarze Creatives in allen Bereichen eingesetzt werden. Denn dass im Jahr 2020, nach 125 Jahren Vogue, gerade mal ein einziger Schwarzer Fotograf ein Vogue-Cover geschossen hat, lässt einen einfach nur den Kopf schütteln.

Wir haben Bayn, der die Challenge mitgemacht hat, gefragt, was seine ganz eigenen Beweggründe dafür waren:

"Ich bin in Frankreich aufgewachsen – und wurde immer für ein Model oder für einen Basketballspieler gehalten. Aber überraschenderweise habe ich nie ein ernsthaftes Modelangebot bekommen. Deshalb habe ich mich entschlossen, meinen Instagram-Account als Plattform zu nutzen, um meine Kreativität auszuleben. Ich habe sechs Leidenschaften: Fotografie, Schreiben, Mode, Recht, Reisen und Gleichberechtigung. Dank meiner talentierten Fotografenfreunde wurde ich mit der Möglichkeit gesegnet, künstlerische Inhalte zu kreieren, die drei dieser Leidenschaften verbinden: Gleichberechtigung, Reisen und Mode – alle drei geben meine starke Bindung zu afrikanischen Kulturen, afrikanischer Mode und zur afrikanischen Lebensweise getreu wieder.

Ich spiele gerne – manchmal vielleicht ein bisschen zu viel. Aber einer der Hauptgründe, warum ich an dieser Challenge teilgenommen habe, war, Schwarze Kreative zu feiern und afrikanische Talente zu präsentieren, weil es in traditionellen und Mainstream-Fashion-Medien kaum Raum für uns gibt. Ich habe vier Fotos ausgewählt, die an verschiedenen Orten, darunter Sansibar, Accra und New York, aufgenommen wurden, wo ich Stücke aus meiner "persönlichen Sammlungen" trage: Die habe ich selbst für die verschiedenen Reisen entworfen. Mit meiner Größe von 1, 96 ist es in den meisten Geschäften schwierig, Kleidung in meiner Größe zu finden – und selbst wenn, irgendetwas stimmt immer nicht. Also entwerfe ich die Kleidung, die ich gerne tragen möchte, selbst. Kleidung, die mein Selbstvertrauen stärkt, meiner Energie entspricht, meinen Körpertyp unterstreichen und mein Melanin zum Strahlen bringen.

Zu meinem #voguechallenge-Post habe ich geschrieben: "In einem anderen Leben. Vielleicht." Damit wollte ich den Mangel an Möglichkeiten und Wertschätzung für Schwarze Talente, Kreative und Models hervorheben. In einem anderen Leben würde Schwarzsein und alles, was dazu gehört, vielleicht akzeptiert und gefeiert werden, anstatt von den Modehäusern und Medien, die Schönheitsstandards definieren, als abstoßend angesehen zu werden. In einem anderen Leben müssen Schwarze Kreative vielleicht nicht härter arbeiten, um auch nur die Hälfte der Anerkennung ihrer weißen Kollegen zu erhalten. In einem anderen Leben würden die "Bist du ein Model?"-Fragen, die ich bekomme vielleicht in konkrete Möglichkeiten verwandeln.

Aber das sind viele Wünsche für ein anderes Leben. Deshalb bin ich dankbar, dass in diesem Leben Modemarken wie Fenty, Imane Ayissi, Off-White, Pyer Moss, Ozwald Boateng oder Orange Culture, um nur einige zu nennen, neben Magazinen wie "Essence" und "Roots", täglich daran arbeiten, diese Hoffnungen Wirklichkeit werden zu lassen– und die Narrative für uns Schwarze zu ändern."

Mehr als ein Trend – die Challenge ist ein Politikum

Bayns Aussage zeigt: Das Phänomen ist viel mehr, als eine lustige Challenge: Es hält dem Mode-Leitmedium den Spiegel vor – was auch bitternötig ist, wie der aktuelle Shitstorm gegen das Verlagshaus Condé Nast und immer lauter werdende Kritik an der US-"Vogue" zeigt: Die ist nämlich gerade im Zuge der #blacklivesmatter-Bewegung und der weltweiten Proteste gegen strukturellen Rassismus in die Kritik geraten.

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Was geht gerade bei der US-"Vogue" und Anna Wintour ab?

Anna Wintour hatte am vergangenen Donnerstag ein internes Memo im Verlagshaus Condé Nast herumgeschickt, das diese Woche seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat: In ihm drückte sie ihr Bedauern darüber aus, dass die US-"Vogue" in der Vergangenheit besonders "verletzend und intolerant" gewesen sei und bisher nicht genug getan hätte, um Schwarze Mitarbeiter*innen und Designer*innen zu unterstützen.

Einige Tage danach trat Adam Rapoport, Chefredakteur des ebenfalls aus dem Haus Condé Nast stammenden "Bon Appétit" zurück. Von ihm war ein Foto aufgetaucht, dass ihn in Blackface zeigt – ein derart rassistisches Verhalten, dass er für das Verlagshaus nicht weiter als Mitarbeiter tragbar war. Aber warum wird die US-"Vogue" jetzt kritisiert, wenn Anna sich doch schon entschuldigt hat – und der rassistische Vorfall zwar im gleichen Verlag, aber bei einer anderen Zeitschrift passiert ist? Ganz einfach: Weil sich nach dem Bekanntwerden des Memo einige ehemalige Mitarbeiter*innen der Vogue zu Wort meldeten – und auf Instagram und Twitter von ihren Erfahrungen bei dem Modemagazin erzählten.

Die Instagram-Polizei "Diet Prada" hat einige Tweets gesammelt: Darunter etwa die Geschichte von Shelley Ivey Christie, die ihre Zeit bei der "Vogue" als die Schlimmste in ihrer ganzen Karriere bezeichnet – unter anderem wegen ständigem Mobbings durch ihre weißen Kolleg*innen. Auch Zara Rahim teilte auf Twitter ihre Story: Sie hätte dort als PoC fast 50.000 US-Dollar weniger verdient, als ihre weiße Vorgängerin. Und die Journalistin Noor Tagouri wurde nach einem Fotoshoot für das Magazin einfach als eine andere Pakistani missidentifiziert. Wow.

With an impressive media résumé, Shelby Ivey Christie was recruited as a media planner at Vogue in 2016. She tweeted that her time at the glossy was “the most challenging and miserable” of her career, adding that bullying from white colleagues was exhausting. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ “A white male exec on the digital biz team dressed up in a chicken suit, with gold chains, sagging pants + rapped to our entire biz org as a meeting ‘kickoff’”, said one tweet. HR was alerted, but nothing was done. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Christie writes of Black employees being overqualified, underpaid, and overworked. She was assigned additional territories spanning the West Coast to Italy, would could stretch work days to 20 hours. Nepotism was also an issue. On Vogue’s social media team, two Black members were Ivy League grads while their white counterparts had “no prior relevant experience”. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Zara Rahim was hired as Vogue's communications director in 2017. A former spokesperson for Hillary Clinton, she also worked for President Obama before winding up Vogue. As the only WOC in a leadership role, she was given additional diversity responsibilities that equated an additional job. “I was told in the end I was ‘complaining too much’”. At her next job, her salary jumped $60k. “There are people who hold these keys and have held them for decades. They know what they are doing, fire them.” ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Journalist Noor Tagouri was never employed by Vogue, but her experience is telling of the racism that pervades legacy institutions. She was photographed for a feature in their Feb. 2019 issue, only to be misidentified in print as Pakistani actress Noor Bukhari. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ In attempts to remedy the situation, she was offered a written feature, but wasn’t allowed to address the misidentification. Tagouri countered with a separate feature on the topic, but was told that Vogue wouldn’t publish two diversity pieces in one year. An offer to lead a free Diversity & Inclusion event was also shut down because “it would make it look like Vogue has ‘a problem’”. Eventually, they settled on a Town Hall, but ghosted Tagouri after a schedule mix up. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ If the problem wasn’t obvious to the public then, it is now lol.

Vielleicht sollte sich die US-"Vogue" ein Beispiel an ihrem britischen Pendant nehmen – das zeigt nicht nur Solidarität mit #blacklivesmatter, sondern macht vor, wie man als anti-rassistisches Modemagazin agiert: Der in Ghana geborene Chefredakteur Edward Enninful arbeitet seit Jahren aktiv mit Schwarzen Models und Kreativen zusammen.

Quelle: Noizz.de