Spirituell, rituell, heilend – Sebastians Ansatz des ganzheitlichen Tätowierens

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Heute stellen wir euch den wunderbaren Sebastian Domaschke vor. Mit seinem spirituellen Ansatz des ganzheitlichen Tätowierens hebt sich der 40-Jährige stark von Tattoo-Artists ab, die das Stechen als reine Dienstleistung – oder aber als absolute Kunstform – sehen. Bei ihm ist die Haut nicht bloß eine verlängerte Leinwand.

Bei Sebastian steht die Erfahrung zwischen Tätowierer und Tätowiertem im Vordergrund, jede Sitzung ist ein ritueller Akt. Er will jedes Motiv, das er sticht, verstehen, um mit seiner Arbeiten gleichermaßen Körper, Geist und Seele anzusprechen.

NOIZZ: Sebastian, was meinst du, macht deinen außergewöhnlichen Stil aus? 

Sebastian Domaschke: Mein Stil ist ein Resultat aus der Analyse meiner täglichen Arbeit und deren Weiterentwicklung. Aus der Kunst, die sich in meinem Umfeld befindet und meiner persönlichen Resonanz darauf. Mir ist kürzlich die Beschreibung „eine Mischung aus Jugendstil und Bauhaus“ in den Sinn gekommen. Das Dekorative, Naturnahe und Lebendige vom Jugendstil und das Reduzierte, Effiziente und Kantige vom Bauhaus vereinen sich in meinen Motiven gleichermaßen.

In einem anderen Interview wurdest du als „a neo-traditional artist with strong esoteric influences“ beschrieben. Trifft diese Formulierung zu? 

Sebastian: Ich mag das Wort neo-traditionell nicht, da es meinen Stil nicht wirklich beschreibt. Außer kräftiger Linienführung ist vom traditionellen Tätowieren nicht viel übergeblieben. Wirklich neu ist es auch nicht, da die meisten Elemente aus dem Jugendstil übernommen wurden. Mir ist jede Gruppenzuordnung zuwider, da sie mich festlegt und einengt. Aber einen starken esoterischen Einfluss in Inhalt und Form möchte ich nicht leugnen.

Sollten wir alle spiritueller sein?

Sebastian: Wegen mir nicht. Ich mag die vielen Facetten der Menschheit. Von ganz schwer, düster und roh bis ganz hell, leicht und erleuchtet sollte für mich alles dabei sein. Ich brauche in meiner Arbeit ja auch alles von Schwarz bis Weiß. Ich persönlich strebe allerdings ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Spiritualität und Materialismus an. 

Deine Art des Tätowierens steht im krassen Gegensatz zu den schnelllebigen Tattootrends der heutigen Zeit. Was hältst du von dem Aufschwung und der Veränderung der Tattoo-Branche der letzten Jahre? 

Sebastian: Ehrlich gesagt bekomme ich davon aufgrund meiner Zurückgezogenheit nicht viel mit. Ich verzichte darauf, die Entwicklung der Branche zu werten. Ich nutze die Vorteile und transformiere die Nachteile. Ich finde es produktiver, selbst eine Veränderung beizusteuern – wie eben durch meinen Ansatz des ganzheitlichen Tätowierens.

Tätowierst du auch Menschen, die deine Motive nur aus ästhetischen Gründen begrüßen? Oder braucht es für dich als Künstler immer einen tieferen Hintergrund? 

Sebastian: Der Hintergrund oder persönliche Bezug für eine Tätowierung muss nicht tiefgründig sein. Ich will ihn mir und meinem Kunden nur bewusst machen. Enthält eine Anfrage keinen Inhalt, sondern ausschließlich Form, ist sie für mich einseitig und damit langweilig. Solche Anfragen habe ich aber schon lange nicht mehr bekommen. 

Wer sind deine Kunden? 

Sebastian: Ein Spiegelbild meiner selbst. Interessante, erfolgreiche, außergewöhnliche Menschen, die oft selbstständig in der Kunst-, Lifestyle- und Musikbranche arbeiten, aber auch Berufe in den Bereichen soziale Arbeit, Medizin oder Psychologie abdecken.

 Was waren deine bizarrsten Tattoo-Request?

Sebastian: Die bizarrsten Anfragen kamen immer von mir und nicht von Kunden. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Phase, in der ich Sexualität und politische Satire zum Thema gemacht habe. Dabei kamen viele Tätowierungen von Geschlechtsteilen in extremen und absurden Variationen oder Karikaturen politischer Persönlichkeiten heraus. Auf die Spitze getrieben habe ich es damals mit einem Motiv von Hitlers Schäferhund, gekleidet als Domina – in einer schwarzen Uniform mit Hakenkreuz und Peitsche und darunter ein Medaillon mit dem Porträt Hitlers und einer Liebeswidmung an seine Hund Blondie.

Bei meinen Tattoo-Flashs zu Texten von K.I.Z. kamen auch ziemlich schräge Vorlagen heraus. Ich habe aber danach bemerkt, dass mir Provokation als Ausgangspunkt für eine Tätowierung zu oberflächlich ist. Ich bin dankbar für die Erfahrung, biete diese Themen aber nicht mehr an. 

 Und welches das bisher Bewegendste?

Sebastian: Eine Tätowierung, die die Verarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kindheit einer Kundin thematisierte. Die Beschreibung des Erlebten und des Heilungsprozesses waren emotional bewegend und beeindruckend für mich.

Was treibt dich an? 

Sebastian: Die Suche nach Liebe und Anerkennung im Außen und meine innere Neugier und die Suche nach Selbsterkenntnis.

Gibt es etwas, das du niemals stechen würdest? 

Sebastian: Die Antwort würde mich zu sehr limitieren und festlegen. 

Was war der Höhepunkt deiner bisherigen Karriere?

Sebastian: In den 15 Jahren meines Schaffens gab es einen zyklischen Wechsel von Höhepunkten und Talfahrten. Die letzten Höhepunkte waren die Fertigstellung meiner 22-seitigen Serie The Tarot Flash Set, The Major Arcana und die Ausstellungen dazu. Mein aktueller Höhepunkt ist das Arbeiten in meinem neuen Studio Here And Now Berlin.

Deine Tätowierungen haben starken Wiedererkennungswert. Hast du ein Problem mit Copycats?

Sebastian: Nein, damit habe ich kein Problem. Falls Kollegen Elemente meiner Arbeit mögen, können sie diese gern benutzen. Eine komplette Kopie meiner Arbeit in Form und Inhalt ist sowieso nicht möglich, da die wichtigen Aspekte zwischen mir und den Kunden ablaufen. Außerdem bin ich als Person auch immer im Wachstum und damit schwer greifbar.

Welche Gefühle löst das Kopieren deiner Tätowier-Arbeiten in dir aus? 

Sebastian: Wenn ich Sachen von mir in anderen Arbeiten wiederkenne, fühle ich mich nützlich und wertgeschätzt.

Wenn ich heute keine Tattoo-Künstlerin wäre, würde ich …

Sebastian: … andere Medien zum künstlerischem Ausdruck wählen. 

Warum hast du dich eigentlich überhaupt entschieden, das Tätowieren zu deinem Beruf zu machen?

Sebastian: Der entscheidende Auslöser war meine vorherige Berufserfahrung. Von einer Autoritätsperson täglich acht Stunden und mehr, fünf Tage die Woche, zu einer Arbeit angetrieben zu werden, die mich nicht erfüllt, kam für mich auf Dauer nicht in Frage. Der Kontrast zwischen meinem freiheitlichen, ausschweifenden Lebensstil am Wochenende und den engen bürgerlichen Konventionen unter der Woche hätten mich irgendwann sowieso zerrissen. Als Künstler und Tätowierer muss ich Beruf und Privatleben nicht trennen, beides ergänzt sich.

Was ist das Härteste am Tätowieren? 

Sebastian: Es gibt kein hartes Brot, nur kein Brot ist hart.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Sebastian: In der fünften Dimension.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal tätowieren lassen? 

Sebastian: Gar keinen. Jeder soll seinen Start dieser Reise selbst bestimmen und seiner Intuition folgen.

 Was war dein erstes Tattoo und welche Bedeutung hat es für dich? 

Sebastian: Ein gehörnter Dämon. Heute hat es keine große Bedeutung mehr für mich, aber damals wollte ich wohl Angst und Schrecken in meiner Umwelt erregen.

 An welchen Projekten arbeitest du gerade?

Sebastian: Ich arbeite gerade an weiteren Ganzkörpertätowierungen. Einer neuen Serie namens Die zwölf Urprinzipien, weiteren Ausstellungen und Seminaren.

Was steht noch auf deiner persönlichen Bucket-List?

Sebastian: Aufarbeitung von emotionalen Traumata und destruktiven Emotionen durch Körperarbeit, Breathwork und Meditation. Entgiftung und Steigerung der Vitalität meines Körpers. Mystische Erfahrungen. Gesundheit und Lebensfreude bis in ein sehr hohe Alter und die konstante Versorgung meiner Grundbedürfnisse.

Welchen Kollegen gibst du Props?

Lars-Uwe Jensen, Matthias Boettcher, Daniel Gensch, Ronja Block, Clemens Hahn, Tim Eisenträger, Benjamin Karp, Friedrich Übler, und Daniel Hofer.

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Quelle: Noizz.de