"Ich bin mir künstlerisch selten genug."

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Heute ist es LIN, der 29-jährige Künstler lebt und arbeitet in Berlin. Wenn ihr euch öfter auf Instagram rumtreibt, ist euch sein Insta-Handle @____lin________ vielleicht geläufiger, dort sind auch wir auf seine wunderschönen Motive aufmerksam geworden.

Vielleicht lassen sich LINs Tattoos am besten als Poesie auf Haut beschreiben, als gezeichnete Dichtung, denn so ganz wollen sie nicht in die uns geläufigen Gattungen der Tätowierkunst passen – und eigentlich wollen wir sie auch gar nicht einordnen. Genau darüber haben wir uns mit LIN unterhalten: Über das Nicht-Einordnen wollen, Kunst und die Haut als narratives Medium.

Foto: LIN / LIN

NOIZZ: LIN, Warum hast du angefangen, zu tätowieren? Gab es einen direkten Auslöser?

LIN: Ich habe den Begriff der freien Kunst am Anfang sehr wörtlich genommen. Innerhalb meines Studiums bin ich damit aber oft vor eine Wand gelaufen. Die ganze Art der Kontextualisierung und somit der Begegnung war mir auf Dauer zu festgefahren.

Der Hauptmotor, zu tätowieren, war somit sicherlich eine gute Portion Frust. Dazu kam die Beobachtung, dass Lebensbereiche, die zur Zeit als durchdekliniert erscheinen, eigentlich wesentlich mehr Freiheit bieten, als sie es im ersten Moment vermuten lassen. Was also auch für mich zuerst wie ein Schritt zurück wirkte, war bei genauerer Betrachtung eine Ausfahrt, die enorm viel Spielraum bot und mir die Chance gab, einen Standpunkt zu setzen, wo noch gewisse Haltungen und Sichtweisen fehlten.

Was ist dein liebstes darstellendes Medium?

LIN: Ich mag Geräusche.

Was macht den menschlichen Körper als narratives Medium interessant?

LIN: Der Körper wird in dem Kontext zur Instanz zwischen mir und dem Menschen hinter oder in dem Körper. Er ist zugleich die Prothese der Begegnung sowie Vermittler einer Idee. Der spannende Moment entsteht dann, wenn diese Aspekte in Einklang gebracht werden wollen. Unterm Strich geht es um die Begegnung, die Art, wie wir über "Kunst" sprechen und dann mit ihr umgehen. Also sowohl im Prozess als auch im weiteren Verlauf als Träger einer Arbeit. Es ist von vorne herein eine andere Prämisse, wenn es um die Entscheidung geht eine Arbeit auf dem Körper zu integrieren oder aber an die Wohnzimmerwand zu hängen.

Ist es einfacher, ein erfolgreicher Tätowierer zu sein, als ein erfolgreicher Künstler?

LIN: Ich würde das letztlich ungern trennen wollen. Zumal ich auch beim Staubsaugen erfolgreich sein kann. Es ist eine Frage des Anspruchs, der teilweise von außen kommt, der aber in erster Linie mit mir selbst zu tun hat. Ich bin ja immer froh, wenn ein Projekt seinen Träger findet und er die Verantwortung übernehmen muss. Ich möchte die Gespräche über das "Warum und wieso der Strich jetzt so verläuft" eigentlich nicht mehr führen. Das ist dann ebenso ein positiver Moment – ich kann mich wieder damit auseinandersetzen, was ich als Nächstes machen will ...

Glaubst du, Tattoos-Sammeln ist das Kunst-Sammeln unserer Generation?

LIN: Ich glaube, dass unsere Generation sich in einem ähnlichen Zwiespalt befindet. Zum einen sind wir hungrig nach immer neuen Räumen, die noch undefiniert scheinen und unsere unabhängige Individualität unterstreichen, gleichzeitig führen wir rituelle Diskussionen über die Rückkehr zum Selbst mithilfe des Bio-Produkts und Digital Detox. Vermutlich ist es am Ende eine Frage der Zeit, bis wir ähnliche Codes für die Tattoo-Betrachtung generieren, wie sie anderen Bereichen – beispielsweise in Musik, Malerei und Skulptur – bereits existieren. Es gibt ja schon jetzt Genre wie Neo- Traditional oder Ignorant Style. Im Moment verhält es sich – noch! – relativ offen, und sowohl Tätowierer als auch "Sammler" haben die Möglichkeit, sich fernab einer Sprache neue Räume zu erobern.

Du musst deinen Stil nicht für uns beschreiben, aber kannst du mir drei Attribute nennen, die du mit ihm verbindest?

LIN: Ich empfinde es langsam als Herausforderung, dem Verlangen nach Einordnung auszuweichen. Zusätzlich reagiere ich fast allergisch, weil die Erwartungshaltung sofort das Thermometer sprengt. Das ist dann echt wie "Schatz, bei Netflix gibt es gerade 'Terror in der Oper', und wir haben lange keinen Horrorfilm mehr geschaut. Hätte mal wieder Lust, mich zu gruseln ..." Ich mag den Schwebezustand.

Wie unterscheidet sich das Arbeiten auf der Haut von dem Arbeiten auf Papier?

LIN: Formal ist es ein echter Unterschied, ob sich ein Bild sofort über die Fläche vermittelt oder aber nach und nach auf dem Körper mit seiner Wölbung. Zusätzlich funktionieren bestimmte Verhältnisse nur in dem einen oder anderen Medium. Beispielsweise Detailgrad oder diverse Größenverhältnisse. Nicht zuletzt macht es einen Unterschied, ob ich alleine im Atelier arbeite oder aber mit einer anderen Person auf deren Körper. Das sind andere Verhältnisse von Verantwortung gegenüber mir und meiner Umwelt.

Warum, glaubst du, lassen sich Menschen von dir tätowieren?

LIN: Vielleicht aufgrund der Graubereiche und des Schwebezustands, der genügend Interpretationsfläche für die jeweilige Persönlichkeit bietet, aber gleichzeitig für sich steht.

Wie viel Mitspracherecht haben deine Kunden bei deinen Designs?

LIN: Das kommt immer auf die einzelne Arbeit an. Wenn ich nach Wunsch entwerfe, gibt es genügend Spielraum für Änderungen. Bei meinen eigenen Arbeiten bin ich da schon weniger flexibel. Aber so genau kann ich das nicht sagen. Ist wirklich von der Arbeit und meiner Tagesform abhängig.

Deine Tätowierungen haben starken Wiedererkennungswert. Hattest du schon Probleme mit Copycats?

LIN: Es gab durchaus Versuche durch Fremde, meine Arbeiten innerhalb verschiedener Medien zu kopieren. Weil ich es selten schaffe, so was als verqueres Kompliment zu verbuchen – das ist kein Freifahrtsschein! –, besteht der nächste Schritt eigentlich darin, mich nicht länger damit zu beschäftigen. Ich fühle mich in meiner Arbeit insofern wohl, als dass ich glaube, immer einen Schritt voraus zu sein. Sowohl inhaltlich, als auch handwerklich. Klar, trifft mich jede Kopie, aber im selben Moment glaube ich daran, dass sich Qualität und Authentizität immer zu emanzipieren weiß.

Welches Gefühl löst das Kopieren deiner Tätowier-Arbeiten in dir aus?

LIN: Für einen kurzen Moment entsteht ein dumpfes Gefühl in der Magengegend ähnlich der Sekunde, bevor die Achterbahn über die Sinuskurve gleitet. Im weiteren Verlauf lasse ich es aber dann auch wieder liegen. Warum soll man das mit sich rumtragen? Menschen, die mich und meine Arbeit schätzen, werden warten können, bis sich eine Zusammenarbeit ergibt. Der Rest lässt sich eine mehr oder weniger gute Kopie anfertigen. Jetzt hinzugehen und jene Copycats an den digitalen Pranger zu stellen, halte ich für genauso semi produktiv wie die Geste der Kopie. Es stellt sich für mich viel mehr die Frage, wie wir es schaffen, in Zeiten von vermeintlich frei zugänglichen Informationen, einen fairen und respektvollen Umgang zu ermöglichen.

Was war dein bisheriger Schaffens-Höhepunkt?

LIN: In Solingen geboren, hätte ich niemals gedacht, nach New York, Seattle oder generell in die USA zu kommen. Für die Chance, mehr von der Welt zu sehen und damit einhergehende Erfahrungen bin ich sehr dankbar.

Was würdest du niemals stechen?

LIN: Da ist man natürlich ganz schnell beim Verhandeln von Symbolwerten. Dabei ist diese Entscheidung aus meiner Sicht immer kontextabhängig. Theoretisch setze ich mir keine Grenzen, weil es diskutabel ist und man die Energie und das Interesse aufbringen sollte, um herauszufinden, was der jeweilige Motor für ein Projekt ist. Es ist für mich also derzeit keine Frage der Zensur, sondern eher, inwieweit wir bereit sind, uns mit den Reizen, die uns entgegentreten, wirklich auseinanderzusetzen.

Wenn ich heute kein Tattoo-Artist wäre, würde ich ...

LIN: ... als Rechtsmediziner arbeiten wollen.

Was ist das Härteste am Leben eines Künstlers?

LIN: Bei mir durchaus Selbstzweifel. Ich bin mir künstlerisch selten genug. Mental also Zuckerbrot und Peitsche.

Foto: LIN / LIN

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Was war dein erstes Tattoo und welche Bedeutung hat es für dich?

LIN: Zwei Pyramiden am Handgelenk, die zur damaligen Zeit gerne als Diamanten wahrgenommen wurden. Dadurch habe ich gelernt, dass viele Dinge eine Frage des Blickwinkels und der Verhaftung innerhalb ihrer Zeit sind.

Instagram, Fluch oder Segen?

LIN: Beides! Wenn ich mich wieder dabei erwische, sekündlich den Update-Schalter zu betätigen, komme ich mir wirklich vor wie ein Pawlowscher Hund. Das endet dann entweder in einem "Fuck off"-Moment oder aber in dem Versuch, mittels meines derzeitigen Profils eine produktivere Abstandshaltung zu generieren.

Natürlich hat Instagram der Tattooszene einen großen Fortschritt gewährt. Darin liegt aber auch gleichzeitig die Gefahr. Die Aufmerksamkeit von außen kann ablenken oder noch viel schlimmer: dich fragen lassen, ob du nicht lieber was machst, was derzeit besser ankommt. Ich glaube, auch unabhängig vom Tätowieren kann es nicht schaden, sich immer wieder von diesem Moment zu emanzipieren und nicht anzufangen, loszusabbern, wenn die digitale Glocke klingelt. Am Ende sollte die Arbeit überzeugen. Die Personen und jegliche Gesten dahinter sind meistens irrelevant. Ich fang ja auch nicht an, vorne auf der Leinwand zu unterschreiben. Wenn das alles ist, was mich von der Außenwelt abhebt, hab ich meinen Job nicht gut genug gemacht.

Welchen Kollegen gibst du Props?

LIN: Simone Klimmeck, Dirt Merchant, Ina Bär, Florian Hirnack, Rita Jean von Lehe, meiner hilfreichen rechten Hand Jack, Dem ganzen East River Team in New York und Tyger Wolf in Seattle.

>> Tattoo-Talk #12 mit Ina Bär

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Quelle: Noizz.de