„Ich lehne es ab, Kids ihre Gesichter, Hände und Hälse zu tätowieren.“

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen. Heute gibt uns Christoph Aribert die Ehre, ein wahrer OG. Seit 1995 tätowiert der 41-Jährige – und damit schon mehr als sein halbes Leben lang. Nach Zwischenstopps in vielen Berliner Tattooshops und einer sechsjährigen Phase im Kult-Studio Blut & Eisen eröffnete der Wahlberliner 2013 seinen eigenen Laden Erntezeit Tätowierungen im Prenzlauer Berg. Wir haben mit ihm über den Wandel des Berufsbildes, den damit aufkommenden Shift in der Szene und über „seelenlose“ Tattoomaschinen geredet.

NOIZZ: Christoph, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Christoph Aribert: Als Elfjähriger bin ich über die Tätowierungen von Axel Rose gestolpert, mit 15 Jahren habe ich mich in Frankfurt am Main das erste Mal tätowieren lassen. Das war mein Einstieg, ich wusste direkt danach, dass ich Tätowierer werden will. 

In welchem Stil tätowierst du?

Christoph: Ich mache schwarze Tätowierungen, angelehnt an Holzschnitte aus dem Mittelalter. Ich habe davor aber jahrelang Western Traditionals und japanische Motive gestochen, das tue ich von Zeit zu Zeit auch noch gerne.

Was war deine bisher schönste Tätowier-Erfahrung?

Christoph: Das ist eine traurige und schöne Geschichte zugleich. Ein Kunde von mir, der leider an Krebs erkrankt war, hatte einen von mir tätowierten Frauenkopf auf dem Unterarm. Er sprach oft davon, dass er vor seinem Tod gerne noch „den Mann für die Frau“ bekommen würde. Irgendwann rief mich einer seiner Bekannten an und teilte mir mit, dass er im Hospiz läge und nicht mehr lange zu leben hätte. Ich habe ihn dann vor Ort tätowiert – ihm den passenden Mann zu seiner Frau gestochen. Kurz nachdem die Tätowierung verheilt war, starb er.

Was treibt dich an? 

Christoph: Ich liebe das Tätowieren – ich lebe davon. 

Hast du etwas für deinen Beruf riskiert? 

Christoph: Als ich damals – 1995 – angefangen habe, habe ich einiges riskiert. Soziale Kontakte, weil ich nur im Laden war. Das Ansehen in meiner Familie. Später auch meine Gesundheit, weil ich zu viel gearbeitet habe. In den letzten fünf Jahren bekomme ich mehr Balance hin und finde einen gesünderen Umgang mit der Arbeit.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Christoph: Sich selbst zu disziplinieren, da niemand über einem steht.

Was war dein bisheriger Karriere-Höhepunkt?

Christoph: Ich störe mich etwas an dem Wort „Karriere“, denn für mich war das Tätowieren der Gegenentwurf zu einer klassischen Karriere. Meine persönlichen Höhepunkte waren es immer, Menschen zu treffen und mit Tätowierern zu arbeiten, die mich positiv beeinflussten. Meine Zeit bei Blut & Eisen zählt genauso dazu, wie die internationalen Tätowierer, die bei mir in Berlin zu Gast waren: Freddy Corbin aus den USA , Dan Sinnes aus Luxemburg und Liam Sparkes aus London oder auch die Tribal Tour, die wir im vergangenen Jahr bei Erntezeit beherbergt haben.

Warum hast du dein eigenes Studio eröffnet?

Christoph: Nach fast sechs Jahren im Tattoostudio Blut & Eisen war Zeit für Veränderung. Am Anfang wollte ich mir nur einen Raum suchen, um meine Stammkunden zu tätowieren – der Laden, den ich gefunden habe, war dann aber doch „zu schön“, um daraus kein eigenes Studio zu machen. Das hat mir die Entscheidung leicht gemacht.

Für was steht der Name Erntezeit?

Christoph: Die Namensgebung war eine Verkettung von Zufällen. Der Laden selbst sieht aus wie eine alte Scheune. Außerdem habe ich einen Namen gesucht, der Kraft hat und nicht abgenutzt ist. Als ich dann während der Findungsphase ein Bild mit dem Titel Erntezeit gefunden habe, das ich mal gemalt habe, wusste ich, das es das ist. Ich habe den Namen auch gewählt, weil er auf verschiedenen Ebenen wirkt: Zusammen mit einem Sensenmann kommt er düster, kombiniert mit einem Füllhorn sehr positiv. Wie Yin und Yang, das mag ich.

Was würdest du niemals stechen?

Christoph: Ich habe „niemals“ aus meinem Wortschatz gestrichen. Ich lehne es allerdings ab, Kids ihre Gesichter, Hände und Hälse zu tätowieren. Solche Stellen haben mehr Kraft und Ausstrahlung, wenn man weiß, was man tut – oder wenn einem der Platz ausgeht. Ich mache so etwas gerne, wenn die Leute schon seit zehn Jahren oder länger Tattoos sammeln.

Was war dein bizarrstes Tattoo-Request?

Christoph: Ich wurde mal innerhalb eines Jahres von fünf verschieden Personen nach Intimtätowierungen gefragt. Alles Frauen. Mein – damals noch analoges Portfolio – wurde dadurch sehr oft kommentiert.

Wie sah dein erstes Tattoo aus?

Christoph: Das Erste, das ich bekam, war eine Sonne auf dem Oberarm. Das Erste, das ich mir selbst gestochen habe, war einen Teufelskopf auf meinem Bein. 

Wenn ich heute kein Tätowierer wäre ...

Christoph: „Wenn“ ist auch ein Wort, das ich so gut es geht vermeide. Es ist so, wie es jetzt ist. Parallel zum Tätowieren hat mich Psychologie immer interessiert, nach 15 Jahren Tätowier-Erfahrung habe ich deshalb auch noch eine psychologische Ausbildung gemacht. Wahrscheinlich wäre das der Bereich, in dem ich heute arbeiten würde, wäre ich kein Tätowierer.

>> Tattoo Talk #17 mit Paul Grau

Wie hat sich das Berufsbild des Tätowierers verändert?

Christoph: Den Tätowierern meiner Generation und unseren Vorgängern ging es darum, ein freier Mensch zu sein. Ein Mensch, der sich nicht versklaven lässt. Ein Mensch, der sich nicht an Konzerne oder Firmen verkauft. Viele der jetzigen Generation scheinen es dagegen toll zu finden, wenn ihnen Volkswagen oder ein anderes Unternehmen eine „Kollaboration“ anbietet. Sponsoring , Hashtags von Firmennamen, eigene Clothing Lines: Dafür empfinde ich Verachtung. Ich habe den Eindruck, die Leute, die das machen, haben keine Ahnung, wo das Tätowieren eigentlich herkommt. Für mich ist das sehr schwach.

Was nervt dich an der heutigen Tattoo-Community am meisten?

Christoph: Mich nerven Leute, die aus den falschen Gründen anfangen zu tätowieren. Für mich sind falsche Gründe beispielsweise Ansätze wie „Ich war Grafikdesigner, habe eine coole Miami-Ink-Folge gesehen und dachte mir, das mache ich auch“. Noch schlimmer ist es, wenn man aus finanziellen Gründen anfängt und das Tätowieren damit noch mehr kommerzialisiert. Trotz der härteren Zeiten und des rauen Umgangs mochte ich die Tattoo-Szene früher lieber – als wirkliche Subkultur und Schattenexistenz. 

Heutzutage umgebe ich mich – so gut es geht – mit Leuten, die ich für „echt“ halte. Das sind meistens Tätowierer, die in der weltweiten Community vernetzt sind und wenig Wert auf Followerzahlen legen, sondern auf die Qualität der Arbeit und auf das menschliche Miteinander.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Tätowierer, die wirklich international bekannt sind, menschlich sehr zurückhaltend sind und ihr Ego teilweise schon hinter sich gelassen haben. Das beste Beispiel ist für mich Flip Leu aus der Schweiz: Es gab eine Zeit, da hat ihm die ganze Welt den Arsch geleckt und er war trotzdem freundlich und auf dem Boden geblieben. Von seinem Verhalten habe ich viel gelernt. Die momentanen Instagram-Shooting-Stars sind ganz anders. Sie nerven. 

Wie wird sich die Tattoo-Szene – deiner Meinung nach – in den nächsten Jahren entwickeln?

Christoph: Alles wird schnelllebiger. Was heute cool ist, ist morgen uncool. Umso wichtiger ist es, sich individuelle Tätowierungen stechen zu lassen, die einem selbst etwas bedeuten. Das kann niemals aus der Mode kommen – selbst wenn es von außen betrachtet uncool anmutet, ist das egal.

Ich denke, die Tätowier-Welt wird insgesamt kommerzieller und egoistischer. Zum Glück gibt es aber auch noch Leute, die das Motto „Sein statt Schein“ verkörpern.

Ich habe außerdem den Eindruck, dass es die Tattoo-Szene gar nicht mehr gibt. Innerhalb der Tätowier-Welt existieren viele Szenen, die teilweise gar nichts miteinander zu tun haben. Mit Typen, die im Colour-Realistic-Stil stechen, habe ich zum Beispiel rein gar nichts zu tun, das ist mir fern. Ich interessiere mich für traditionelle westliche und japanische Tattoos. Und für haltbare, solide Tätowierungen, die nicht zu trendy sind.

Gibt es Entwicklungen, die du strikt ablehnst?

Christoph: Was mich an der heutigen technischen Entwicklung sehr nervt, ist, dass sich Tätowierer von Firmen Equipment verkaufen lassen, die gar nicht aus dem traditionellen Tätowiergeschäft kommen – sondern nur auf den wirtschaftlichen Markt fokussiert sind.

Ich liebe zum Beispiel Spulen-Maschinen! Sie habe Seele und werden in der Regel in kleinen Stückzahlen hergestellt. Von Tätowierern für Tätowierer – und nicht von einem Unternehmen, das Tätowierungen vor dem Boom der Branche verachtet hat. Als Firmen wie Cheyenne aufkamen, wurden sie von allen ausgelacht. Jetzt kaufen viele Leute deren Zeug und lassen damit die wahre Szene ausbluten.

Eine Cheyenne-Maschine ist wie eine Geige aus Plastik, die immer gestimmt ist. Seelenlos. In ihr ist kein Geist, das kann man spüren. Der Tätowierer versteht sein eigens Equipment nicht mehr und kann es nicht reparieren. Es ist ein Wegwerfprodukt.

Diese Entwicklung sehe ich mehr und mehr – und lehne sie komplett ab.

Warum Berlin, was macht die Tattoo-Szene der Stadt aus?

Christoph: Ich bin aus persönlichen Gründen vor 19 Jahren nach Berlin gekommen. Die Tattoo-Szene macht hier vor allem aus, dass fast keiner miteinander zu tun hat. Es gibt zum Glück ein paar Ausnahmen ... und sehr viele gute Tätowierer.

>> Tattoo Talk #16 mit Lina Tattoo

Was würdest du Leuten raten, die sich das erste Mal tätowieren lassen? 

Christoph: Bereuen ist keine Einbahnstraße. Ich habe die Tätowierungen aus meiner frühen Jugend mit Anfang 20 bereut. Schon ein halbes Jahr später kam mir in Erinnerung, warum ich die Motive damals wollte – nämlich, um mich an eine bestimmte Zeit zu erinnern. Als mir das bewusst wurde, mochte ich meine Tätowierungen wieder – und ich mag sie noch heute. Tattoos können einen lehren, das zu akzeptieren, was man in seiner Vergangenheit gemacht hat. Oder man lehnt seine alten Tätowierungen so ab, dass man sie covern lässt – und nichts daraus lernt. 

 Diesen Kollegen gebe ich Props:

Christoph: In Berlin natürlich meinen Kollegen von Erntezeit, meiner Mitbewohnerin Laura Yahna, der Crew von Pechschwarz, Thomas Burkhardt, Flo, Alia und Sara von Iron Cobra, Sebastian Domasche und Matthias Boettcher.

Den Leuten von True Love in Düsseldorf, Black Hole in Hamburg, Old Habits in London, Atlas Tattoo in Portland, Temple Tattoo in Oakland, East River in New York.

Außerdem Urs in Wiesbaden, Trobbies in Den Haag, Hanaroshinko in LA, Dansin von Electric Avenue, Javi Castano, El Carlo von Eclipse Tattoo, Mr.Levi Netto, und Magda Hanke. 

>> Unseren Tattoo Talk mit Magda Hanke findet ihr hier

Und hier könnt ihr noch ein paar krasse Tattoos von Christoph auschecken:

Quelle: Noizz.de