Abstrakt, fließend, skizzenhaft.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Künstler vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen! Dieses Mal haben wir uns mit Künstlerin Lina unterhalten.

Die 33-jährige Kroatin tätowiert, wie sie auch auf Papier malen würde: Ihre ausdrucksstarken, bunten Motive sehen aus, wie mit ausholenden Pinselstrichen direkt auf den Körper gestrichen. Lina lebt und arbeitet in Berlin, ihr findet sie im Tattoostudio Noïa.

NOIZZ: Lina, wie bist du zu deinem unverwechselbaren Stil gekommen?

Lina: Ich habe ungefähr zehn Jahren lang Kunst in Zagreb studiert, bevor ich Tätowiererin wurde. Ich drücke mich in vielen verschiedenen Kunstmedien aus – auch über Malerei, Grafik und Video. Eigentlich tätowiere ich genauso wie ich male: Ich kreiere Portraits oder abstrakte Motive mit ausdrucksstarken Maltechniken, harten Freestyle-Linien und starken grafischen Kontrasten.

Wie hat deine Karriere ihren Lauf genommen?

Lina: Ich bin nicht den üblichen Weg gegangen, habe keine Ausbildung in einem Tattoostudio gemacht oder gar mit klassischen Tätowierungen angefangen. Mein Stil ist skizzenhaft, weil er direkt von meinen Bildern und Illustrationen stammt. Ich habe mir beim Zeichnen nie überlegt, ob die Motive auf Tätowierungen angewendet werden könnten. Ich wusste einfach immer, dass ich etwas machen wollte, was noch nicht so oft gemacht wurde. Außerdem hatte ich einen Mentor, der gute Dinge in mir sah und mir viel über das Handwerk und das Leben im Allgemeinen beigebracht hat.

Warum hast du angefangen, zu tätowieren?

Lina: Als ich mir mein erstes Tattoo stechen ließ, wusste ich sofort, dass ich das auch machen will. Ich wollte mit diesem Medium experimentieren.

Was ist das Schönste an deinem Beruf?

Lina: Freiheit. Die Freiheit, zu reisen, zu schaffen, sich selbst anzutreiben und Menschen glücklich zu machen.

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Warum hast du Kroatien verlassen?

Lina: Obwohl es ein wunderschönes Land ist, hatte ich immer das Gefühl, es wäre zu klein für mich. Ich hatte das Gefühl, ich brauche ein aufgeschlosseneres und kreativeres Umfeld.

Bereust du den Umzug manchmal?

Lina: Als ich mich entschieden habe, von Zagreb nach Berlin zu ziehen, hab ich meinen Job gekündigt, mein Auto verkauft und meine Wohnung vermietet. Ich hatte ein paar nette Abschiedsdrinks mit meinen Freunden und war gespannt auf das neue Leben, das vor mir lag. Obwohl ich immer noch Leute vermisse, war es definitiv die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Berlin ist ein so abwechslungsreiches, aufgeschlossenes und kreatives Umfeld. Wir leben hier in einer verrückten Blase, und das macht genauso viel Spaß, wie es intensiv ist.

Wie würdest du die Berliner Tattoo-Community beschreiben?

Lina: Ich denke, es gibt eine so starke Konzentration von Tätowierern hier in Berlin, dass jeder Einzelne gezwungen ist, sich hervorzuheben und so originell wie möglich zu sein. Es ist schon komisch, dass wir traditionell zu den hartgesottenen unerreichbaren Menschen zählen – dabei zählt die zeitgenössische Tätowierszene in Europa aus sehr freundlichen, warmherzigen und freundlichen jungen Menschen.

Was treibt dich an?

Lina: Mich immer weiter pushen zu wollen. Ich versuche ständig, künstlerisch und privat weiterzukommen. Auch wenn es manchmal ein langsamer Prozess ist – ein kontinuierlicher Wandel muss bei mir immer stattfinden. 

Was war dein seltsamstes Tattoo-Request?

Lina: Ehrlich gesagt, hatte ich noch keine richtig furchtbare Anfrage. Aber ich wurde mal gefragt, ob ich nicht ein Fußball-Logo in meinem Stil stechen könne. Das hab ich abgelehnt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass das funktioniert.

Und welche Anfrage hat dir besonders gut gefallen? 

Lina: Besonders Spaß hat ein großflächiges Porträt gemacht, dass ich meiner Freundin Lena auf den Oberschenkel tätowiert habe. Es zeigt ihre Mutter, als diese noch jung war. Ich fand das sehr süß. Es war aufregend, ihr zu helfen, ihre Idee umzusetzen. Ich würde in Zukunft gerne mehr Porträts machen. Ich bereite aktuell eine ganze Serie davon vor. Generell bin ich immer sehr dankbar, wenn die Kunden mir die volle Freiheit geben und ich große, abstrakte Stücke erarbeiten kann.

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Was würdest du niemals stechen?

Lina: Hasserfüllte Symbole. Wahrscheinlich auch keine Religiösen, das passt einfach nicht zu mir.

Wenn ich heute kein Tattoo-Künstler wäre, wäre ich …  

Lina: ... sicherlich auch Künstlerin. Malerin oder Illustratorin wahrscheinlich.

Hast du etwas für deinen Beruf riskiert?

Lina: Ich habe alles aufgegeben, um zum Tätowieren nach Berlin zu kommen. Also schätze ich, ich habe mein „altes Leben“ riskiert.

Gibt es etwas, das dich an der Tattoo-Szene nervt?

Lina: Wenn gute Promotion Qualität schlägt. Tätowierer, die sich selbst gut promoten oder stark in der Öffentlichkeit stehen, sind manchmal nur deshalb viel erfolgreicher als ein guter Künstler.

Was sagen deine Eltern zu deinem Job?

Lina: Sie unterstützen mich sehr. Sie wussten wohl schon immer, dass ich mal als Künstlerin arbeiten würde, schließlich beschäftige ich mich schon seit meinem 13. Lebensjahr mit Kunst. Und ein alternativer Lebensstil war in unserem Haus schon immer willkommen.

Was war dein erstes Tattoo?

Lina: Ich habe mir ein Stern auf den Nacken stechen lassen, damals habe ich noch in Kroatien gelebt. Ich nahm damals an, dass es sicherlich mehr Tattoos werden würden – deshalb habe ich klein angefangen, ich wusste noch nicht genau, was mir wirklich gefällt.

Und wie sah das Erste aus, das du gestochen hast?

Lina: Ich habe mir ein illustratives Porträt auf mein eigenes Bein tätowiert. Ich dachte mir, wenn es schlecht wird, ist es wenigstens nicht die Haut eines anderen. Aber ich bin immer noch ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Lina: Die Schmerzen im unteren Rücken. Ich glaube, alle Tätowierer haben irgendwann dieses Problem – wir sitzen einfach zu viel. Yoga hilft gut dagegen. Und beim Tätowieren mehr Pausen einlegen, zumal meine Sitzungen recht lang sind.

Wie entspannst du nach einem langen Tag?

Nach einer Sitzung bin ich normalerweise so müde, dass ich mir nur noch mit einigen meiner Tätowierkollegen etwas zu Essen hole und nach Hause gehe. Viel Rock'n'Roll gibt es bei mir während der Arbeitswoche nicht.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal tätowieren lassen?

Lina: Mach deine Hausaufgaben. Du musst einen Stil und ein Portfolio finden, dass dir gefällt. Es gibt so viele unterschiedliche Stilrichtungen und Motive und so große qualitative Unterschiede – nimm nicht das erste Studio, das du siehst!

Was steht noch auf deiner Bucket-List? 

Lina: Deutsch lernen. Das gestaltet sich in Berlin ziemlich schwierig, weil eh jeder Englisch spricht.

Diesen Kollegen gebe ich Props:

Lina: Ich liebe die Arbeiten von Nadi, A_.void und Lea Nahon. Aber es gibt so viele gute andere Tätowierer, es ist schwierig, nur ein paar zu nennen! Meine Freunde Julia Rehme, Koit, Mowgli, Paulina Kemnitz, und Doodling Blue sind alle hervorragende Künstler. Ich würde sie jedem jederzeit empfehlen.

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Und hier könnt ihr noch ein paar von Linas wunderschönen Arbeiten auschecken:

Quelle: Noizz.de