Tattoos für alle – barrierefrei, in Safe-Space-Atmosphäre, fair und fernab von Kulturmetropolen: Hamnes Performance hat mit uns über seinen Anspruch an das Tätowieren geredet – und warum er es feiert, in gewissen Kreisen als unästhetisch wahrgenommen zu werden.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir mit Hannes, besser bekannt als Hannes Performance, aus Mühlheim an der Ruhr gequatscht. Seine Tattoos sind anders – anders als der Mainstream, anders als man es von einer Tätowierung erwartet und anders, als man es gewohnt ist. Gewollt abnormal – so, dass man sich beim Anschauen entscheiden muss, ob man das, was man da sieht, richtig geil findet – oder ob der eigene Ästhetiksinn vielleicht noch ein bisschen zu sehr im vorgestern schwebt, um die kritzeligen Fine-Line-Motive des Tätowierers zu verstehen.

Hannes hat keine Lust, in einem klassischen Studio im Ruhrgebiet zu tätowieren, deshalb hat er sich seinen eigenen Raum zum Tätowieren zu Hause eingerichtet. Wir haben mit ihm darüber geredet, warum es ihm so wichtig ist, in seiner Region coole Tattoos zu fairen Preisen anzubieten, warum er sich in subkulturellen Räumen am wohlsten fühlt und warum er nichts von Tätowierern hält, die ihr Monopol ausnutzen.

NOIZZ: Hannes, wie hat deine Karriere ihren Lauf genommen?

Hannes: Ich habe angefangen zu tätowieren, weil es hier in der Region nur alteingesessene Studios mit gewisser "Mackerstruktur" gab. Das war nie mein Ding – und nicht mein Anspruch an das Tätowieren. Meine Leute und ich sind dann in Tattooshops gegangen und haben uns dort von den Azubis gegen Materialgeld stechen lassen. Bis wir irgendwann gecheckt haben, dass wir es dann doch eigentlich gleich selbst machen können. Wir haben angefangen, mit Nadeln zu experimentieren, später mit geliehenen Tattoomaschinen. 2009, 2010 war das. So richtig viel tätowiere ich seit Ende 2013.

Aber du tätowierst nicht hauptberuflich.

Hannes: Nee, ich bin ausgebildeter Erzieher und arbeite an einer Grundschule.

Du tätowierst also nebenbei?

Hannes: Oder ich mache die Arbeit nebenbei. Ich tätowiere nicht für viel Geld. Ich bin relativ günstig, deswegen kommt mein Haupteinkommen über meinen Job als Erzieher. Aber ich beschäftige mich mehr mit Tätowieren als mit der Arbeit.

Was ist für dich ein "günstiges Tattoo"?

Hannes: Früher haben wir immer gesagt, alles bis zwanzig Euro ist OK, alles drüber ist nicht mehr Punk. Wirklich zeitgemäß ist das nicht mehr. Natürlich ist mir heute klar, warum eine Tätowierung teurer ist. Auch damals war die Aussage eine Übertreibung und nicht ernst gemeint.

Steckt dahinter eine Philosophie?

Hannes: Die Philosophie dahinter ist, dass viele Menschen Tattoos haben wollen, aber nur wenig Geld haben. Junge Menschen und Kulturschaffende zum Beispiel. So war oder bin ich auch. Hier in der Region gab es meiner Meinung nach aber keine Möglichkeit für faire Preise coole Tattoos zu bekommen. Da war also kaum ein Angebot für die Leute, die nicht so viel Kohle haben. Zumal die Motivik und Mentalität der TätowiererInnen nicht unserer entsprach. Man muss sich vorstellen was "Miami Ink" et cetera in den Köpfen der Menschen angerichtet hat. Ein Tattoo muss man planen und man darf es am besten nicht bereuen.

Wenn man deine Tattoos sieht, unterscheiden die sich ja schon stark vom Mainstream. Die Gleichung günstiges Tattoo gleich Hannes Performances alleine geht nicht auf – es ist ja durchaus eine Entscheidung, sich ein Tattoo in deinem Stil stechen zu lassen.

Hannes: Das ist richtig. Die Idee, sozial verträgliche Tattoos zu machen, war der Anfang. Heute nehme ich, wenn ich zum Beispiel Guestsspot mache, auch mehr – klar. Ich versuche, die Umstände der Menschen die ein Tattoo haben möchten jedoch zu berücksichtigen.

Wie ist es zu deinem, ich will ihn mal als anarchistisch beschreiben, Stil gekommen?

Hannes: Ja, wie ist es dazu gekommen? Durch Auseinandersetzung mit Tätowierungen klassischer Art und die Übertragung auf die heutige Zeit.

Wenn ich blind wäre, wie würdest du mir deine Tattoos beschreiben?

Hannes: Dreckige, saubere Linien oder so?

Machst du Wanna-Dos oder kommen die Leute mit Wünschen zu dir?

Hannes: Sowohl als auch. Hauptsächlich wählen die Leute Motive, die ich schon vorbereitet habe. Ich habe relativ viele Motive rumfliegen, die ich so über die Jahre angesammelt habe. Ich werde aber auch manchmal gefragt, ob ich etwas ganz Bestimmtes zeichnen könnte. Das mache ich aber nur, wenn ich Lust habe. Alles mache ich nicht.

Welches Motiv würdest du nie stechen?

Hannes: Neulich kam mal jemand, der wollte nur ein Schriftzug in klassischer Schrift, darauf hatte ich an dem Tag keine Lust. Aber ich kann echt schwer sagen, was ich so ablehne. Wenn ich den Inhalt uncool finde, mache ich es einfach nicht. So was wie "Ich war in der Hölle und jetzt bin ich im Himmel" würde ich nicht stechen. Jedenfalls war das bei diesem Tattoo zu dem Zeitpunkt so – vielleicht habe ich dann aber ein paar Tage später Lust auf pathetische Sprüche und würde mich freuen das Lettering anzufertigen.

Aber Kätzchen, die in einer Teetasse sitzen, auf die hast du Bock.

Hannes: Ja – Sachen, bei denen man sich denkt: Boah. Oder bei den viele sagen würden, auf keinen Fall, die mach ich dann schon eher. Oder ein klassisches Motiv an einer komischen Stelle. Es muss immer so aussehen, dass jemand, der bei der Bank arbeitet, sich das auf gar keinen Fall stechen lassen würde.

Was war das krasseste Tattoo, das du bisher gestochen hast?

Hannes: Vor ein paar Monaten habe ich ein Hinterkopf tätowiert. Generell finde ich es immer heftig, wenn Menschen krasse Schmerzen haben ... oder sogar fast ohnmächtig werden. Weil ich Menschen nicht verletzen will und Schmerzen selbst nicht cool finde.

Welchem Tattoo-Stil fühlst du dich am zugehörigsten?

Hannes: Das wird immer diskutiert. Ich war vor Kurzem in Barcelona in einem Studio, da haben sich die anderen Tätowierer*innen gefragt, ob das überhaupt noch ignorant sei. Der Ignorant-Style kommt ja eher aus der Graffiti-Ecke – rund um Fuzi. Da sehe ich mich nicht. Also nicht, dass ich die Sachen nicht selbst gut fände, aber ich würde mich doch eher zu experimentellerer Tätowierung dazu zählen. Wenn sich das zum Style etabliert, wende ich mich wahrscheinlich auch wieder etwas anderem zu. Die Sachen, die ich vor fünf, sechs Jahren tätowiert habe, wären jetzt wohl eher in der Ecke Ignorant-Style zu verordnen.

Hauptsache anders als der Mainstream, ist dir das ein Anliegen?

Hannes: In einer gewissen Szene sind meine Sachen ja auch nicht unbedingt weit vom Mainstream weg. Aber hey, vielleicht habe ich auch irgendwann Lust, wieder traditionellere Motive mit dickeren Linien zu stechen, dann mache ich halt das. Ich lege mich da wirklich nicht fest.

Würdest du dich selbst einer Subkultur zuordnen?

Hannes: Nö, ich bin nicht im klassischen Sinne szenenaktiv. Aber ich würde schon sagen, dass ich mich fast ausschließlich in subkulturellen Räumen bewege. Aber die sind nicht festgenagelt auf Hardcore-Kid oder Punk oder Rapper. Ich fühle mich in Subkultur am wohlsten, auch wenn ich nicht klar definieren kann, in welcher.

Was inspiriert dich? Wo kriegst du die Ideen für deine Motive her?

Hannes: Aus dem Leben, wenn man spazieren geht und einfach mal Menschen beobachtet. Dann aber auch von traditionellen Motiven von Herbert Hoffmann oder Ed Hardy, von traditionellen Flashs. Und dann auch noch allgemein in Museen, von schon vorhandener Kunst.

Du setzt dich also schon mit der klassischen Tätowierkunst auseinander.

Hannes: Auf jeden Fall. Ich habe selbst verschiedenste Arten von Tätowierungen gesammelt und komme tendenziell auch von einem klassischen Tätowieren als solches. Seefahrertätowierungen oder auch alte, religiöse Tätowierungen – damit kenne ich mich aus.

Wen tätowierst du?

Hannes: Meine Kundschaft ist diverser, als man glaubt, aber die meisten haben im weitesten Sinn mit Kunst, Musik oder Kultur zu tun. Ode mit Mode, mit Video. Es gibt aber auch Leute, die Tattoos einfach aus einem gewissen Zeitgeist heraus sammeln. Und ansonsten die Leute aus dem Ruhrgebiet, die hier so rumspringen, sag ich mal.

Beschränkst du dich auf das Medium Haut oder arbeitest du auch mit anderen Medien?

Hannes: In den letzten Jahren hauptsächlich auf Haut, aber mittlerweile mache ich auch die Artworks für ein kleines Label. Ich habe ein Atelier, in dem ich male und ich mache selbst Musik. Also schon, ja, mach ich, aber ich mache es nicht öffentlich. Ich tätowiere, aber ich mache auch andere Sachen.

Was ist ein Tattoo für dich? Viele beschreiben das ja als eine Art Körperschmuck, aber diesem rein verschönernden Aspekt stellst du dich ja eher entgegen.

Hannes: Eine allgemeine Haltung habe ich dazu nicht. Wenn jemand zu mir kommt, möchte ich die Person nicht als Leinwand missbrauchen. Ich will schon versuchen, in dessen / deren Gusto zu stechen. Jeder Mensch ist da aber anders. Einer will es schmutziger, als ich es vorschlage, der Nächste will es cleaner – da gehe ich dann technisch gerne drauf ein.

Meine Haltung zu Tattoos hat sich aber phasenweise über mein Leben hinweg verändert, denke ich. In erster Linie ist es immer ein Experimentieren. Das Tattoo ist für mich kein Schmuck, vielleicht hat es fast schon eher eine abgrenzende Funktion. Obwohl ich natürlich auch Tätowierungen habe, die Menschen als schön empfinden. Ich habe aber genauso viele Tätowierungen, die einige Menschen als zu heftig einordnen würden.

Meine Tattoos sollen nicht exkludieren, wie früher in Tattoostudios exkludieren wurde – jeder Mensch sollte sich tätowieren lassen können. Aber in gewissen Kreisen will ich doch als unästhetisch wahrgenommen werden.

Dein Stil ist provokant. Bekommst du manchmal Hate oder dumme Kommentare ab?

Hannes: Eigentlich nicht. Die Leute, die was von mir wollen, sind selbst in subkulturellen Kreisen unterwegs, in denen man die Ästhetik kennt und schätzt. Mit normalen "Tattoo-Szene-Menschen" habe ich wenig zu tun – weder mit der Kundschaft, noch mit den Künstler*innen. Ich bin einmal mit einem meiner Tattoos auf einer Instagram-Seite gelandet, auf der Motive gefeatured werden, über die sich Freunde klassischer Tätowierungen lustig machen. "Gurke des Monats" wurde das früher im Tätowiermagazin immer genannt. Das kam für mich einem Ritterschlag gleich. Ich will bewusst keine Tattoos stechen, die ein klassischer Tätowierer anziehend findet.

Was reizt dich an diesem imperfekten, fast schon infantil aussehenden Stil?

Auch wenn sich das doof anhört, glaube ich, dass hier noch die Chance liegt, Dinge zu stechen, die so noch nie gestochen wurden. Klar gibt es Sachen, die in die gleiche Richtung gehen. Aber mich reizen Stellen und Motive, bei denen man sagt: "Das habe ich so noch nie gesehen."

Feiern die Grundschul-Kids deine Tattoos?

Hannes: Phasenweise ja und phasenweise gar nicht. Manchmal ekelt die das richtig ab, so in der dritten, vierten Klasse, da wollen die schon zeigen, dass das nicht cool ist, nach dem Motto: "Wer glaubste, wer du bist?" Die Jüngeren sind dagegen eher fasziniert und wollen die dann ausmalen. Ich bin deren Erzieher, ich komme super mit ihnen klar und die mit mir. Aber ab einem gewissen Alter, so mit neun oder zehn Jahren, kommt dann die natürliche Ablehnung des Erziehers, wo sie mir zeigen wollen, dass sie cooler sind als ich.

Was ist dir das Wichtigste beim Tätowieren?

Hannes: Mir ist wichtig, dass jeder Mensch, egal welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts, welchen Alters, der Lust auf eine Tätowierung hat, barrierefrei eine bekommen kann. Mir ist wichtig, dass es sozial verträglich ist. Klar, ich muss auch meine Miete und Steuern zahlen, das Tattoo wird also Geld kosten, aber wenn junge Menschen in der Ausbildung sind und trotzdem in der Disco ein cooles Tattoo haben wollen, dann ist mir es wichtig, dass die da nicht ein Jahr drauf warten müssen, sondern einfach schnell ein Termin bekommen. Mir ist wichtig, dass es solche subkulturellen Angebote außerhalb von Kulturmetropolen und Leuchtturmkultur gibt. Also nicht nur in Berlin, Leipzig und Frankfurt, sondern eben auch, und deswegen wohne ich hier, auch in strukturschwächeren Gebieten wie dem Ruhrgebiet. Weil es auch hier Menschen gibt, die kulturell interessiert sind und wissen, wo rechts und links ist.

Du willst also nicht, dass ein Tattoo zum "Luxusgut" wird. Also nicht wie der krasse Sneaker, der nur in den krassen Concept Stores in der City verfügbar ist, sondern eben auch auf dem Land.

Hannes: Oft ist der "krasse Sneaker" ja nichts, was man nur aus modischen Gründen trägt – so verhält es sich auch bei Tattoos. In bestimmten Lebensphasen ist es wichtig, eine Tätowierung zu haben, die cool ist. Oder was auch immer sie für den Menschen bedeutet. Ich fand es früher oft schwierig, in ein Tattoostudio zu gehen. Manche Menschen passen nicht zum Lebensstil des klassischen Tätowierers, weil sie nicht aussehen, wie die Menschen im Tattoostudio, oder andere Ansichten haben – und dann werden sie schräg angeschaut. Aber sie haben es genauso verdient, eine Tätowierung zu bekommen, wie jeder andere. Es sollte überall Safe Spaces geben. Das war mir auch schon vor zehn Jahren wichtig. Ich will ein Gegenentwurf zum professionellen Tätowieren bieten, das tausend Regeln unterworfen ist, für das man eine Ausbildung braucht, das sich Leute monopolisieren wollen. Wir sollten uns alle nicht so ernst nehmen. Wir sind nur Menschen – und ein Tattoo ist nicht für die Ewigkeit, sondern nur sichtbar, bis man unter der Erde liegt.

Wem gibst du Props?

Hannes: Die prägendsten Tattoos in Deutschland stammen in den letzten Jahren von Pape Dave 2020, einer Legende im Homestyle-Tattoo. Außerdem von Osti von "Sinners and Saints", er macht die verrücktesten Flashs seiner Altersklasse. Props auch an Dominik Tattoo. Bothworlds.ttoo, Lintu_broken_birdie, futschiblond, khorevali und so viele weitere KünstlerInnen sind spannend und inspirierend, vor allem zur Zeit.

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Quelle: Noizz.de