Eine Tätowiererin, die sich selbst nie wieder großflächige Motive stechen lassen mag, Grimes als Stilikone sieht und neben Tattoos auch noch richtig geile Klamotten entwirft: Meet Rebecca aus Kassel!

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Rebecca aus Kassel unterhalten. Die 29-Jährige sticht nicht nur wunderschöne filigrane Motive, ihr Instagram-Feed ist auch so soothing und dreamy, dass man für alle Ewigkeit durch ihr rosarotes, perfekt inszeniertes Insta scrollen möchte. Neben Tattoos entwirft die Künstlerin Mode und macht Musik.

Im Interview erzählt Rebecca uns, warum sie sich selbst nie wieder großflächige Motive tätowieren lassen möchte, wer ihre Stilikonen sind und warum ihr die aktuelle Corona-Isolation als introvertierter Mensch gerade eigentlich ganz gut gefällt.

Rebecca

NOIZZ: Rebecca, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Rebecca: Schon als 14-Jährige wollte ich anfangen zu tätowieren, meine Eltern haben mir damals natürlich kein Praktikum in einem Tattoostudio erlaubt. Mit 18 habe ich mich dann einfach in einem Studio beworben, die haben mich direkt genommen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass es ein von Männern regiertes, toxisches Umfeld ist: Der Ausbilder fand es toll, wie schüchtern und unerfahren ich war – und hat mich rumkommandiert. Ich hab mich da schnell rausgeboxt und bin meinen eigenen Weg gegangen, habe in verschiedenen Studios als Gast gearbeitet und mir das Tätowieren weiterhin selbst beigebracht.

Das war vor über 10 Jahren. Die Szene hat sich mittlerweile drastisch verändert. Ich musste in Studios immer wieder Sexismus erfahren, viele der dort arbeitenden Männer fühlen sich wie die größten Superstars. Viele waren nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch und homophob, sie hatten mit Drogen zu tun ... das war schrecklich für mich. Dieses Tätowierer-Klischee wurde komplett erfüllt. Ich bin froh, dass ich jetzt durch Instagram mit einer Szene verbunden bin, die sich in den letzten Jahren zu einer offenen und inklusiven Community entwickelt hat.

Wie hat sich deine Ästhetik entwickelt?

Rebecca: Mystik und Spiritualität beeinflusst mich sehr. Ich mag Symbolismus und finde es sehr interessant, wie man Motive anordnen kann, damit sie etwas in einem auslösen. So funktioniert ja beispielsweise auch die Psychologie hinter Tarotkarten – oder Gemälde des Symbolismus. Die Wirkung von Symbolen kann ganz unbewusst stattfinden. Kunden wählen einfach das, was sie ästhetisch finden. Das finde ich super. Sie wählen es aber auch, weil es irgendetwas in ihnen auslöst, ich finde es schön, das anzuregen. Ich halte auch gerne Fragmente von meinen Gefühlen oder surrealen Träumen in meinen Zeichnungen fest ... mit ein bisschen "Gloomy Girl Aesthetic".

Wie würdest du deinen Stil selbst in drei Worten beschreiben?

Rebecca: Mystisch, dreamy und soft.

Und wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?

Rebecca: Mystisch, dreamy und whimsical.

Wie bist du zu deinem Instagram-Handle "Cosmic Baby Angel" gekommen?

Rebecca: Ich fühle mich einfach wie ein Cosmic Baby Angel!

Was treibt dich an?

Rebecca: Irgendein komisches, kosmisches, gutes Gefühl, ständig neue Dinge erschaffen zu wollen.

Was inspiriert dich?

Rebecca: Wenn ich Filme sehe oder Bücher lese, finde ich dieses fremde Lebensgefühl der beschriebenen Personen so interessant, dass ich da hineinschlüpfen will. Das übertrage ich auf die Kleidung, Musik oder Tattoos, die ich mache. Letztens habe ich "American Honey" gesehen und war fasziniert, wie immersiv dieser Film war. Und ich liebe Bücher über Mythologie und Weltenentstehungsgeschichten.

Du arbeitest sowohl mit der Tattoomaschine als auch Handpoke, wie kommt das?

Rebecca: Das Entschleunigte und die Ruhe macht das Handpoken zu einer ganz anderen Erfahrung mit dem Kunden. Man kommt in eine andere Dynamik. Ich finde das als Ausgleich wichtig. Außerdem macht mir beides unglaublich viel Spaß, ich könnte mich nicht für eine Technik entscheiden.

Du machst auch Klamotten und Schmuck.

Rebecca: Ich beschäftige mich gerne damit, den Körper in schöne Kostbarkeiten zu hüllen. Ich liebe es, mein Aussehen und das anderer zu verändern – und das damit einhergehende neue Selbstbewusstsein. Das Coole daran ist, dass die meisten Stoffe von alten Kleidungsstücken kommen oder Resten sind, die ich finde. Es ist wunderbar zu sehen, wie Kunden sich freuen, wenn sie ein einzigartiges Motiv von mir tätowiert bekommen oder ein Kleidungsstück kaufen, das einzigartig ist. Ich mache auch Musik. Für mich gehört das alles zu einem Gesamtkunstwerk, jede Disziplin ist eine Bühne, auf der ich alles ausleben kann, was ich ausleben will.

Was bist du mehr: Designerin oder Tätowiererin?

Rebecca: Ich denke, alles beginnt mit meinen Ideen. Aber die sind ja nichts ohne das Handwerk, weil sie nur so auf die Erde gebracht werden können. Also beides!

Wer sind deine Stilikonen?

Rebecca: Grimes ist eine riesige Inspiration für mich. Und der Künstler Hieronymus Bosch. Alle Charaktere aus Filmen wie "Bladerunner", "Gentlemen Broncos" oder "Holy Mountain". Aber das variiert sehr, je nachdem was mich gerade interessiert.

Dein ganzer Insta-Feed ist in Rosa gehalten, was magst du an der Farbe?

Rebecca: Das ist die Farbe, die mich am meisten beruhigt und anspricht, ich finde sie kraftvoll und soft zugleich.

Wer lässt sich von dir tätowieren?

Rebecca: Die wundervollsten Wesen.

Welche Tattoos berühren dich besonders?

Rebecca: Ich bin sehr geehrt, wenn ich Tattoos stechen darf, mit denen wirklich etwas tief Traumatisches verbunden ist. Wenn das Tattoo als Heilung und als Meilenstein angesehen wird, und die Person etwas in sich und auf sich verändern will. Zu merken, dass ich dazu beitragen darf, ist toll. Aber ich finde jeden Tattoowunsch besonders, auch die, die einfach aus Ästhetikgründen gestochen werden!

Gibt es Motive, die du niemals stechen würdest?

Rebecca: Faschistische und abwertende Symboliken.

Wenn ich heute keine Tattoo-Künstlerin wäre, würde ich ...

Rebecca: .... Aquarienbau in Stockholm machen oder Indiefilme in Nebraska drehen. Ich weiß es nicht – ich will alles machen und finde jedes mögliche Lebensmodell interessant, Hilfe!

Was ist dir beim Tätowieren wichtig?

Rebecca: Der Konsens. Dass die Person trotz Einwilligung zum Tätowieren immer berechtigt bleibt, unsicher zu sein, einen Rückzieher zu machen und alles äußern darf. Ich finde es sehr wichtig, zu beleuchten, wie es Hypersensiblen und Introvertierten geht. Dass sie sich oft nicht trauen, Ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Ich will einen Safe Space und ein schönes Tattoo-Erlebnis für sie schaffen.

In deinen Story-Highlights beschreibst du dich selbst als schüchtern. Hat das deinen Job schon mal schwierig gemacht?

Rebecca: Das hat mein Leben früher schwierig gemacht – und heute manchmal auch noch, ja. Als hypersensibler und introvertierter Mensch in einer extrovertierten Gesellschaft zu leben, ist oft grausam. Ich habe aber gelernt, was ich brauche und wie ich für meine Bedürfnisse einstehen kann, damit diese Eigenschaft kein Stressfaktor mehr in meinem Leben und in meiner Arbeit ist. Ich habe früher immer gedacht, ich müsste über meine Grenzen gehen – wegen der Erwartungen von Außen. Aber ich muss einfach nur das tun, was mir gut tut. Sei es weniger arbeiten oder mir ein Umfeld zu schaffen, das für mich als hypersensible Person passt. Daher achte ich bei meinen Kunden besonders auf sowas.

Wie sah das letzte Tattoo aus, das du gestochen hast?

Rebecca: Das letzte Tattoo vor der Quarantäne war ein wunderschöner Wunsch einer Kundin: ein mystisches Motiv aus Sonne und Mond.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Rebecca: Vielleicht in einem Trailer irgendwo in der Natur? Und die Leute kommen zu mir, weil das, was ich zu der Zeit mache, dann ganz toll und besonders ist ... und davon kann ich irgendwie leben? Ich weiß es nicht, darüber kann ich mir noch keine Gedanken machen.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Rebecca: In meinen Gedanken bin ich ständig mit allen Facetten meiner Selbstständigkeit beschäftigt. Es fällt mir schwer, mal etwas zu machen, was nicht mit Recherche, Ideenfindung, Social Media und Kundenkontakt, Zeichnen oder Nähen zu tun hat.

Ist Kassel eine gute City für Tätowierer?

Rebecca: Hier gibt es sehr viele gute Künstler in Relation zu den Einwohnern. Das macht das Tätowieren oft ein bisschen schwer. Und die Leute haben keine besonders verrückten Motivwünsche. Wenn ich Gastjobs in Leipzig oder Berlin habe, reißen mir viele Kunden meine Flashes aus den Händen. In Kassel dauert das manchmal ein bisschen länger.

Warum lebst du dort? Kommst du aus Kassel?

Rebecca: Ich komme aus der Nähe von Stuttgart. Ich bin vor über sechs Jahren hergezogen, um in der Nähe meines Dads zu sein und um Kunst zu studieren. Ich liebe es hier, es ist ruhig und grün!

Was würdest du dir selbst niemals stechen lassen?

Rebecca: Ich will mir gar keine großen Tattoos mehr stechen lassen. Ich weiß nicht, wieso ich den Schmerz damals auf mich genommen habe, es ist einfach zu krass für mich. Ich werde mich jetzt langsam mit kleinen Stickern vollkleben (lacht).

Rebecca

Was steht noch auf deiner Tattoo-Bucket-List?

Rebecca: Ich will unbedingt jemandem einen Teil des Körpers, zum Beispiel den Torso oder den ganzen Arm, mit ganz vielen kleinen Stickertattoos aus meinen Flashes zupflastern.

Wie verbringst du die "Quarantäne", jetzt da aufgrund der Pandemie nicht mehr tätowiert werden darf?

Rebecca: Ich bin froh, dass ich noch Musik und Kleidung mache. Ich wüsste gerade nicht, wie ich überleben könnte, würde ich nicht ab und zu online etwas von meiner Kleidung verkaufen. Oder hätte ich grade nicht den Auftrag, etwas für Bekannte zu komponieren, die einen Animationsfilm produzieren. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man eh schon gerne in seiner kleinen Welt sitzt. Daher gibt es für mich keinen supergroßen Unterschied zum Alltag vor der Quarantäne.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für dich persönlich?

Rebecca: Ich merke, wie die neue Vorsicht der Menschen mir persönlich als hypersensibler Mensch weniger Stress im Alltag bereitet. Das ist sehr interessant zu sehen. Es ist auch so bewundernswert und berührend, wie sich Leute vernetzen und was für positive Bewegungen entstehen. Wie Aufmerksamkeit auf all diejenigen gelenkt wird, die generell eine schwere Zeit haben aber sonst übersehen werden. Es wäre schön, wenn diese Achtsamkeit für unsere Mitmenschen und Tiere über die Pandemie hinaus bleibt und weiter wächst.

Hast du Angst vor der Zukunft?

Rebecca: Nein, ich setze mir immer selbst Ziele und werde dadurch immer etwas haben, das mich glücklich macht. Ich mache mir zwar Gedanken, wie ich in Zukunft sicher mein Geld verdienen soll, aber ich brauche nicht viel.

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Quelle: Noizz.de