Corinna aka Miss Brokoe hat eine klare Meinung: Zu Feminismus, zu Nazi-Motiven und zu Safe Spaces. Im NOIZZ-Tattootalk haben wir mit der Künstlerin aus Leipzig über ihren Anspruch an das Tätowieren, ihr neues Studio "Juicy" und das Patriarchat gesprochen.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Corinna aka Miss Brokoe unterhalten. Die Tätowiererin lebt und arbeitet in Leipzig, dort macht sie am 23. Juli als Teil eines fünfköpfigen Kollektivs ihren eigenen Laden auf. "Studio Juicy" wird ein queer-feministischer Safespace in Pastellfarben, in dem Corinna ihren Kund*Innen Contemporary Tattoo Art stechen wird. Eigentlich kommt Corinna aus München: "Alle schlimmen Gerüchte, die man hört, sind wahr."

In Leipzig musste sie sich deshalb erstmal von der Münchner Oberflächlichkeit erholen – und von der dortigen Kunstszene, die eine reine Ellenbogengesellschaft sei, so Corinnas Fazit. Ganz anders als Leipzig, wo sich alle wohlwollend supporten und gegenseitig helfen wollen würden. Wir haben mit Corinna über Tattoo-Partys gesprochen, über patriarchalische Strukturen in der Tätowierwelt und warum sie für das Überstechen von Nazi-Tattoos kein Geld nimmt.

NOIZZ: Corinna, wie bist du zum Tätowieren gekommen, wann hast du damit angefangen?

Corinna: Ich tätowiere seit ungefähr zwei Jahren. Dazu gekommen bin ich über eine Tattoo-Party hier in Leipzig. Drei, vier Tätowierer*innen schließen sich in einem Party-Surrounding zusammen, das gibt es hier oft. Auf der besagten Party habe ich meinen Freund Julian aka Jumi Su kennengelernt: Er hat mir ein Tattoo gestochen und meinte, ich könne ihm ja auch eins machen. Er wollte einfach flirten, I guess. Mir ist das Tätowieren aber direkt wie Butter reingegangen, ich habe gemerkt, dass es mir liegt. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, machen wir, gemeinsam mit Noell Simon, Ewa Marcelli und Aries Pokes unser eigenes Studio auf.

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Wie hat sich deine Ästhetik entwickelt?

Corinna: Ich habe Kunst studiert – nicht zu Ende, aber wer macht das heutzutage auch – deswegen denke ich, konnte ich schon zeichnen. Beim Tätowieren muss man das dann eben noch ein bisschen anpassen. Ich glaube, wenn man gar nicht zeichnen kann, kann man auch nicht tätowieren.

Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben? In welche Ecke würdest du dich stellen, wenn du dich für eine Ecke entscheiden müsstest?

Corinna: Ganz grob gesprochen ist das, was ich mache, natürlich Contemporary Tattoo Art. Ich der Regel arbeite ich politisch, queer-feministisch. Damit das Tattoo eben nicht nur ein nettes Bildchen auf der Haut ist, sondern empowernd oder gesellschaftskritisierend. Mein Ansatz ist immer, dass man sich über das Motiv noch länger Gedanken machen kann.

Hast du ein aktuelles Beispiel dafür?

Corinna: Ich habe letztens das Wort "Slut" in den Schambereich tätowiert. Die Kundin hatte das Gefühl, dass ihre Sexualität gesellschaftlich unterdrückt war, dass sie sich nicht getraut hat, casual Sex zu haben und dazu zu stehen. Indem sie sich das Wort hat tätowieren lassen – dass ja ganz negativ konnotiert ist – nimmt sie sich das Wort zurück und bestärkt sich darin, dass sie als Frau mit so vielen Männern und Frauen schlafen kann, wie sie möchte und niemand das Recht hat, darüber zu urteilen. Ich habe mich sehr gefreut, ihr das Motiv stechen zu dürfen.

Die meisten meiner Tattoos sind Flashs. Mit ihnen spreche ich wohl genau die Feminist*innen an, die auf meinen Vibe aufspringen und verstehen, was ich damit sagen will. Ganz oft bekomme ich richtige Liebesbotschaften für meine Motive, von Frauen*, die schreiben, ich würde ihnen mit meinen Designs aus der Seele sprechen.

Vor Kurzem habe ich ein Tattoo zweimal gestochen, was ja in der Szene sehr verpönt ist. Aber bei diesem Motiv ist die Message so wichtig, dass ich zu der ersten Person gesagt habe: Hier ist noch eine andere Person, der die Message genauso wichtig ist wie dir, würde es dir etwas ausmachen, wenn sie den gleichen Satz auf ihrem Körper hätte? Das Schöne ist dann, dass sich diese beiden dann in der Regel untereinander connecten und sich über das Motiv austauschen. In diesem Fall war das "It's so hard to be soft", verziert mit einem Tribal-Engelsflügel. Ich finde es schön, wenn man es schafft, sich von dem Individualitätsanspruch an eine Tätowierung zu lösen und in dem Motiv etwas sieht, das verbindet, weil man mit einem anderen Menschen die Meinung teilt.

Was war dein bis dato seltsamstes Tattoo-Request?

Corinna: Ein Negativbeispiel war eine Tattoo-Party, für die ich Flashs von Vulven gezeichnet habe. Da kam dann ein betrunkener Typ auf mich zu und hat mir entgegengeschrien: "Ich will eine F*tze auf meinem Fuß". Ich habe gesagt, auf keinen Fall, was bildest du dir ein? – Worauf hin er angefangen hat, mich mit Zwei-Euro-Stücken zu beschmeißen. Nach vier Stück meinte er, dass würde doch wohl reichen. Wow, Honey, du hast noch einen weiten Weg vor dir, dachte ich mir.

Wie hast du reagiert?

Corinna: Ich habe eine sehr strenge Ausstrahlung, wenn ich verärgert bin. Da hat eigentlich nur ein böser Blick und der Finger zur Tür gereicht, dann hat er das auch schon verstanden.

Und was war das Schönste, oder das, was am meisten bei dir hängen geblieben ist?

Corinna: Ein Positivbeispiel ist ein Kunde, der schizophren ist. Er hat sich in einem schizophrenen Schub mit einer Rasierklinge ein Hakenkreuz in seinem Oberschenkel geritzt. Dabei ist er ein Vorzeige-Feminist und total linkspolitisch. Er ist zu mir gekommen und hat mich gebeten, irgendwas zu tun, damit er dieses Nazi-Symbol nicht auf seinem Bein haben muss. Wir haben dann ein Windows 97 Zeichen daraus gemacht. Ich habe mich gefreut, dass wir das geschafft haben und habe auch nichts dafür verlangt, weil man für so was nichts verlangen sollte. Das mache ich auch nicht, wenn jemand aus der rechten Szene mit einem alten Nazi-Tattoo zu mir kommt und sagt: "Ich will das nicht mehr, ich stehe nicht mehr dafür ein, ich habe einen Fehler gemacht." Das ist mir schon dreimal passiert. Ich freue mich dann, dass sie Leute einen Lebenswandel durchmachen und das nicht mehr wollen. Denn Fehler machen wir alle – auch, wenn ein Hakenkreuz oder SS-Zeichen ein krasser Fehler ist.

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Damit sich jemand mit einem Nazi-Tattoo wagt, zu fragen, ob man das für die Person überstechen kann, braucht es viel Vertrauen in den oder die Tätowierer*in, kann ich mir vorstellen. Viel Vertrauen sollte eh etwas sein, dass man beim Tätowierer*innen spürt: Stichwort Safe Spaces – findest du, Tattoostudios machen genug, um allen Menschen ein gutes Gefühl zu geben?

Corinna: Nein, ich höre zum Beispiel ganz selten von queeren Safe Spaces. In Berlin kenne ich drei oder vier. Hier in Leipzig konkret möchte ich fast behaupten, dass ich den ersten queer-feministischen Safespace eröffnen werde. Diese Behauptung stößt natürlich einigen männlichen Tätowieren ganz böse auf, weil es ja gerade Trend ist, sich auf die Fahne zu schreiben, dass man ein Safe Space sei – aber das sind die wenigsten. Ganz viele Frauen sind zum Beispiel immer in mein privates Homestudio gekommen, weil sie gar nicht wussten, in welches Studio sie als Frau gehen können. Die allermeisten deutschen Studios sind männergeführt, von weißen, straighten Cis-Männern – was natürliche erstmal kein Problem ist. Aber die würden dich niemals nach deinen Pronomen fragen. Die würden niemals fragen, ob es dir unangenehm ist, vor fünf anderen Tätowieren oben ohne zu sein. Und das geht nicht mehr, es reicht nicht, seinen Kund*innen einfach nur einen Nippel-Sticker anzubieten. Nach Pronomen zu fragen, ist das Mindeste.

Was willst du in deinem Laden anders machen?

Corinna: Was mir wichtig ist – auch als Tipp an andere Tattoostudios: Meine Geschäftspartnerin ist Luke, eine Balletttänzerin. Man würde sie männlich lesen, aber sie lebt non-binär und ihr Pronomen ist sie oder they/them. Und sie wird im Rahmen der Eröffnung von "Studio Juicy" mit einem Kollektiv auftreten, das sie gegründet hat. Es heißt "Series BE:" und veranstaltet immer wieder Events zu Queer Awarneness. Ich persönlich finde, dass man, wenn man heutzutage ein Studio hat, diese Plattform nutzen sollte. Es reicht nicht mehr, einfach nur Tattoos zu machen. Politisiert euch, treten für etwas ein – und wenn es nur eine Sache ist! Sucht euch ein Thema aus, redet darüber, nutzt eure Reichweite gebt Workshops, haltet Treffen ab. Da ist meine Message, die ich gerne loswerden möchte.

Wie seid ihr auf den Namen eures neuen Studios gekommen?

Corinna: Unser Studio wird "Studio Juicy" heißen. Wir haben uns überlegt, welcher Name feministisch und empowernd ist und für Lebensfreude steht. Für mich persönlich kam der Name ein bisschen von Doja Cats "Juicy". Weil in ihm ja auch Body Positivity, Weiblichkeit und Lebensfreude gepredigt wird – also das, was ich mit dem Namen erreichen wollte.

Und wie bist du zu deinem Künstlernamen gekommen?

Corinna: Das ist ein ewiges Mysterium, ein ewiges Staatsgeheimnis. Sorry! Aber, was ich witzig finde: Ich werde mittlerweile auch auf der Straße mit meinem Künstlernamen angesprochen und er wird ganz oft falsch ausgesprochen, "Miss Brokö oder Miss Bro-ck-o" – Man nennt mich aber "Miss Bro-h-k-o"!

Was treibt dich an?

Corinna: Der Austausch mit Menschen, die sich nicht nur anonym ein Tattoo abholen, sondern sich immer positiv an diese Erfahrung erinnern und in Austausch treten wollen. Das treibt mich an – die ganzen tollen Kund*innen zu treffen. Immer wenn ich ein Down habe und eigentlich keine Kraft für einen Tattoo-Termin hätte, besinne ich mich darauf zurück, mache den Termin doch ... und bin danach total glücklich.

Wie war der Corona-Lockdown für dich – so ganz ohne Austausch mit Kund*innen?

Corinna: Hart. Ich habe nicht tätowiert, wie wir alle nicht tätowiert haben. Ich war wahnsinnig arm im ersten Monat. Dann habe ich mich innerhalb von vier Stunden als Pflegerin einlernen lassen und arbeite jetzt als Alltagsassistenz für eine Person mit Behinderung. Unfreiwillig, aber jetzt bin ich ganz gut reingewachsen und werde mir das als zweites Standbein – grade jetzt mit dem neuen Laden – beibehalten, bis ich sicher sein kann, dass mich der neue Shop finanziert.

Ich habe das Tätowieren wahnsinnig vermisst, als ich das erste Tattoo nach drei Monaten gestochen habe, war die große Frage: Kann ich das noch? Aber es war am Ende doch wie Fahrrad fahren.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

Corinna: Ich habe mein Studium abgebrochen, um meinen Laden aufzumachen. Ich sehe mich nicht in einem festen 9-to-5-Job. Niemals. Ich will immer selbstständig sein, immer mit vielen tollen Künstler*innen um mich herum arbeiten und selbst Kunst machen.

Was wünschst du dir für die Tattoo-Szene in der Zukunft?

Corinna: Mehr Awareness! Nur das. Lasst Frauen* auch mal die Chance, sich zu beweisen. Seid gut zueinander. Und: Die Boys sind nicht unsere Feinde, die leiden ja genauso unter dem Patriarchat.

Woran liegt es, dass Tätowierer so viel präsenter sind, auch medial, als Tätowierer*innen?

Corinna: Ich glaube, dass die Bro-Culture, also dass sich Männer untereinander pushen, aber nicht Frauen pushen, da viel reinspielt. Frauen supporten eher unabhängig vom Geschlecht. Männer sagen schnell "Ich habe einen ganz tollen Kumpel!", aber die wenigsten würden sagen, "Ich habe eine ganz tolle Freundin, die ..."

Welchen Tätowierer*innen oder Tattoo-Studios gibst du Props?

Corinna: @tattooti_mini_markt, @vesperarsncx und @muschimuschii

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Quelle: Noizz.de