Tattoo Talk #10 mit Anne Langemann

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Anne Langemann, Illustration: Kira Wirth Foto: Old Rabbit Tattoos / Old Rabbit Tattoos

Detailverliebte Mandalas made in Nürtingen.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem „Tattoo Talk“ inspirierende Tattoo-Artists vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen! Heute mit Anne Langemann, die zusammen mit ihrem Kollegen Chris das Studio „Old Rabbit Tattoos“ in Nürtingen betreibt.

Foto: Anne Langemann / Anne Langemann

Die 29-Jährige ist auf Lineworking spezialisiert: Sie sticht wunderbare, großflächige Mandala-Motive, die sich teilweise über die kompletten Rücken ihrer Kunden und Kundinnen ranken – am Detailreichtum der einzelnen Tattoos können wir uns gar nicht sattsehen.

NOIZZ: Anne, wie bist du zum Tätowieren gekommen?

Anne: Nach meiner Ausbildung zur Grafikdesignerin habe ich in verschiedenen Werbeagenturen gearbeitet. Ich war aber recht unglücklich in diesem Job und ich konnte mir nicht vorstellen, den Beruf auf Dauer auszuüben. Ich habe gekündigt und meine Fachhochschule nachgeholt, um eventuell noch ein Studium anzufangen. In dieser Phase habe ich mich viel tätowieren lassen – so kam der Gedanke auf, das Handwerk selbst zu erlernen. Das erste Jahr habe ich ausschließlich gezeichnet und alles Mögliche über Haut, Nadeln, Farben, Design und Maschinen gelernt, bis ich dann Ende 2012 mein erstes eigenes Tattoo stechen durfte. Meine Liebe zu ornamentalen Mandala und Lineworking habe vor zwei Jahren entdeckt. Und darauf bin ich hängen geblieben. Für mich ist das eine wirklich sehr schöne Art, den Körper zu schmücken.

Ich habe angefangen zu tätowieren, weil…

Anne: Ich unglaublich neugierig auf diese – von außen sehr geheimnisvoll wirkende – Welt war. Tätowierer hatten für mich etwas Magisches an sich, das mich sehr faszinierte. Kunst unter die Haut zu bringen, zu verstehen wie der Prozess funktioniert, und wie sich die Tätowierung im Laufe der Jahre verändert, ist für mich bis heute unglaublich spannend.

Was war dein skurrilstes Tattoo-Request?

Anne: Im Großen und Ganzen bekomme ich fast nur Anfragen für sehr dekorative und körperschmeichelnde Arbeiten. Aber ab und an sind auch witzige Sachen dabei, wie etwa, ob ich den K.I.Z.-Penis tätowieren könne.

Was sagt deine Familie zu deinem Job?

Anne: Am Anfang war es sehr schwer für meine Eltern zu akzeptieren, dass ich an anderen Menschen „herumwerkel“ – aus Angst, es könnte etwas schief gehen und schwere Folgen für mich haben. Oder, dass ich in ein ungesundes Milieu abrutsche. Mittlerweile sind sie sehr stolz auf mich.

Das würde ich niemals stechen:

Anne: Ich steche – wie viele Tätowierer, die ich schätze – keine Motive, hinter denen ich nicht selbst stehe. Sei es, weil sie auf der Person bescheuert aussehen würden oder, weil ich sie aus anderen Gründen nicht vertreten kann.

Was hast du durch das Tätowieren verloren?

Anne: Ein paar meiner Freunde konnten nicht verstehen, warum ich abends lieber zuhause saß und zeichnen wollte, anstatt mit ihnen auszugehen.

Was nervt dich an der Community am meisten?

Anne: Anstrengend finde ich, wenn man aufgrund von Vorurteilen nicht miteinander redet und sich dadurch selbst einen falschen Eindruck von Kollegen aneignet – und den dann auch weitergibt.

Was war dein erstes Tattoo?

Anne: Mein erstes Tattoo war ein „Freiheit“-Schriftzug auf dem Fuß. Der steht da bis heute.

Foto: Anne Langemann / Anne Langemann

Und wie sah das erste Tattoo aus, das du gestochen hast?

Anne: Eines der ersten Tattoos, die ich gestochen habe, war eine rote Rose in der Armbeuge eines Freundes. Das Allererste war es nicht, das war eine gelbe Rose, die ich mir selbst auf den Oberschenkel tätowiert habe. Leider existiert sie nur noch unter einem sehr schlechten, sehr schwarzen Mandala, das ich mir unüberlegterweise in einer schwachen Phase selbst gestochen habe – das will nun wirklich niemand sehen.

Foto: Anne Langemann / Anne Langemann

Wo findest du Inspiration?

Anne: In Gesprächen mit Kollegen oder Menschen, die mir nahestehen. Durch Bücher, Bauwerke, Mode und durch andere Kulturen. Ich glaube, Inspiration finden können wir überall, nur sind wir nicht immer aufnahmefähig, das auch so zu empfinden.

Was ist das Härteste an deinem Job?

Anne: Ab und an gegen das Vorurteil zu kämpfen, Tätowierer wären drogenabhängige, ungebildete Menschen, die ihren Tag verbummeln und nichts auf die Reihe bekommen. Das passiert mir zum Glück selten, aber ab und an führe ich dahin gehend recht amüsante Gespräche. Und dass ich doch den ein oder anderen Tag Rückenschmerzen durch die grausame, gebeugte Körperhaltung habe, aber das sind wohl ganz annehmbare „Härten des Jobs“.

Welchen Rat würdest du Leuten geben, die sich das erste Mal tätowieren lassen?

Anne: Informiert euch in Ruhe. Überstürzt nichts. Denkt dran, dass ihr Hello Kitty mit 50 Jahren vielleicht nicht mehr auf euch tragen möchtet. Besonders klein ist nicht immer besonders gut oder besonders hübsch. Sprecht mit verschiedenen Tätowierern. Hör auf, auf Pinterest nach Tattoo-Ideen zu suchen. Ihr seid individuelle Personen – ihr solltet individuelle Tattoos bekommen. Nehmt euren Körper wahr und ignoriert nicht euer Bauchgefühl.

Was würdest du dir selbst niemals stechen lassen?

Anne: Ich glaube, der Namen oder gar das Porträt des Partners wäre ein No-Go für mich.

Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Anne: Momentan arbeitet Gerhard Wiesbeck an meinem Rückenprojekt, ich denke, damit werden wir noch die ein oder andere Sitzung verbringen. Alles andere wird das Leben mit sich bringen.

Diesem Kollegen gebe ich Props:

Anne: vor allem meinem Kollegen Chrisfux, der mir das Tätowieren beigebracht hat. Schumitz, Melanie von Inky&Stretchy“, Wu, Willi & Sandra von „Bold As Love Tattoo“, Liz von „Rabenschwarz“ und der Crew von „Sorry Mom Tattoo“ in Braunschweig, die nicht nur großartige Tätowierer sind, sondern auch wundervolle Personen!

[Mehr dazu: Tattootalk mit „Sorry Mom“ Gründer Dennis Bebenroth]

Hier könnt ihr weitere tolle Mandalas von Anne auschecken:

Quelle: Noizz.de

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