Es ist nie zu spät, mit etwas Neuem anzufangen! Wenn das jemand beweist, dann diese Tätowiererin aus Braunschweig, die Instagram gerade mit ihren modern interpretierten Traditionals aufwirbelt.

Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen. Dieses Mal haben wir uns mit Sabrina Bebenroth unterhalten, denn die hat eine ganz besondere Story zu erzählen! Vor einem Jahr hat sich die zweifache Mutter nämlich erst dazu entschlossen, die Tattoomaschine in die Hand zu nehmen – und damit etwas von Grund auf Neues zu lernen.

Im Braunschweiger Studio "Sorry Mom Tattoo", das sie zusammen mit ihrem Mann Dennis führt, bietet sie nun seit ein paar Monaten ihre Wanna-Dos an. Geil! Damit ist die 38-jährige Tätowiererin ein perfektes Beispiel dafür, dass es nie spät ist, das zu machen, worauf man Bock hat – und das kann man doch nur feiern.

NOIZZ: Als ich 2018 deinen Mann Dennis interviewt habe, sagte er: "Sabrina inspiriert mich sehr. Sie tätowiert zwar nicht selbst – wobei ich sicher bin, dass sie eine hervorragende Tätowiererin wäre – aber wir reden sehr viel über Tattoos und daraus ergeben sich die meisten Motivideen." Jetzt tätowierst du doch! Wie ist das passiert?

Sabrina: Das hat sich so entwickelt – immerhin berate ich schon seit fünf Jahren Kunden in unserem Studio. Ich kenne mich mit dem Handwerk aus. Selbst mit dem Tätowieren anzufangen, war daher eine logische Konsequenz. Als unser letzter Azubi gegangen ist, hat Dennis mich angesprochen, ob ich es nicht endlich versuchen will. Und jetzt mache ich das einfach – auch wenn ich den Altersdurchschnitt von Tattoo-Azubis definitiv um mehrere Jahre hebe!

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Wie würdest du deinen Stil selbst beschreiben?

Sabrina: Ich habe noch keinen festen Stil, ich bin ja gerade mal ein Jahr dabei. Aktuell würde ich ihn deswegen als recht experimentell beschreiben. Und als modern, aber angelehnt an Traditionals. Ich achte auf Haltbarkeit und arbeite immer einen ordentlichen Schwarzanteil mit ein. Das wurde mir in unserem Studio beigebracht. Ich fange auch jetzt erst an zu schattieren, bisher sind meine Motive platt und grafisch.

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… was deine Motive wiedererkennbar macht.

Sabrina: Ja, mir sagen oft Leute, dass mein Stil dadurch wiedererkennbar ist. Ich finde ihn selbst gar nicht so besonders. Ich mag es, traditionelle Motive moderner und frischer zu gestalten. Rosa, eine Farbe, die ich viel benutze, wirkt beispielsweise viel moderner als goldgelb, rot oder dunkelgrün.

Du arbeitest generell viel mit Farbe – ist die Welt nicht bunt genug?

Sabrina: Mich selbst sprechen satte Farben bei Tätowierungen mehr an als Blackwork. Diese Vorliebe spiegelt sich auch in meinen Designs wieder. Ich arbeite viel mit Rosa, hellem Rot, Ockerfarben und Schwarz. So habe ich angefangen und das Farbenfrohe mag ich immer noch gerne.

Welche Motive stichst du am liebsten und warum?

Sabrina: Blumen gehen mir leicht von der Hand und machen Spaß. Blumensträuße verzeihen, wenn man von Stencel abweicht, mit ihnen kann man spontan sein und die Farben auch kurzfristig noch ändern. Und ich freue mich immer, wenn ich Kunden habe, die locker sind und was Verrücktes haben wollen – Fantasietierchen oder surrealistische Motive zum Beispiel.

Und was tätowierst du ungern?

Sabrina: Was ich furchtbar finde, sind geometrische Motive und Gespiegeltes. Dann fühlt sich das Tätowieren an, wie eine Matheaufgabe.

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Was war das bizarrste Tattoo-Request?

Sabrina: Ich habe den Luxus, dass ich nur meine eigenen Wanna-Dos steche. Aber abgesehen von Inhalt, erstaunen mich manchmal die Körperstellen. Als ich gerade mal ein halbes Jahr tätowieren konnte, habe ich schon eine Anfrage für ein Handrücken-Tattoo bekommen. Das habe ich abgelehnt und mich gewundert, wie egal es manchen Leuten zu sein scheint, wie viel Erfahrung der Tätowierer hat. Das kann bei einer Anfängerin wie mir richtig nach hinten losgehen – und dann hast du für immer eine Gurke auf deiner Hand!

Was treibt dich an?

Sabrina: Ich habe die Entscheidung zu Tätowieren ganz bewusst getroffen, weil ich mich nicht ausgelastet gefühlt habe. Ich habe zwar eine tolle Familie und habe unseren Laden "Sorry Mom" geleitet, aber ich habe eine Veränderung gebraucht. Ich habe schnell gemerkt, dass mich das Tätowieren glücklich und zufrieden macht. Dieses Gefühl gebe ich an mein Umfeld weiter. Ich kann nur ein Vorbild für meine Kinder sein, wenn ich selbst glücklich bin. Mir geht’s nicht ums Geld, klar haben Dennis und ich gerne schöne Dinge um uns, aber wie sind keine Konsumfreaks. Geld war noch nie in meinem Leben eine Motivation.

Was sagen deine Kinder zu deinem neuen Job?

Sabrina: Meine Kinder finden es total cool, dass ich tätowiere.

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Inwieweit fordert dich das in deiner Rolle als Mutter heraus?

Sabrina: Als Mutter ist das natürlich schwierig. Ihre Oma passt dann auf die beiden auf, ohne sie könnte ich das nicht stemmen. Das Tätowieren ist eine super Abwechslung zum Mama-Alltag und eine echte Erfüllung. Aber es ist auch harte Arbeit. Abends bringe ich unsere Kinder ins Bett und setze mich danach direkt hin, um erst mal ein, zwei Stunden zu zeichnen. Innerhalb von zwei Monaten habe ich so 400 Wanna-Dos gezeichnet.

Ohne Unterstützung von Freunden und Familie geht das nicht. In der Szene herrscht eher ein anderer Lifestyle. Es gibt ganz wenige Tattookünstler mit Kindern. Die meisten leben für das Tätowieren und reisen viel – und dafür muss man natürlich ungebundener sein.

Was hast du durch das Tätowieren gelernt?

Sabrina: Kritikfähigkeit. Man muss lernen, Kritik einzustecken, auch wenn man etwas sehr Persönliches von sich preisgibt. Viel Herzblut in seine Arbeit steckt. Mein Mann Dennis ist mein größter Kritiker – und das ist gut, nur so lerne ich.

Wenn ich heute keine Tattoo-Künstlerin wäre, würde ich …

Sabrina: Bevor ich mich entschieden habe, Tätowieren zu lernen, habe ich tatsächlich überlegt, ob ich nicht Psychologie studieren soll. Durch die Tausenden Beratungsgespräche im Studio habe ich gemerkt, dass sich die Leute mir gegenüber gerne öffnen.

Tätowiererin Sabrina Bebenroth aus Braunschweig

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Was war das erste Tattoo, das du je gestochen hast?

Sabrina: Das war ein "Sailor Jerry"-Herz, ein Herzmotiv mit einer Banderole und Blütenschmuck. Das habe ich Dennis gestochen, lange bevor wir unseren eigenen Shop aufgemacht haben – oder bevor ich tätowieren gelernt habe. Aber das ist damals richtig gut geworden!

Was verraten die Tattoos, die du selber auf der Haut trägst, über dich?

Sabrina: Mit Anfang zwanzig hatte ich gerade mal zwei Tattoos. Hätte ich mich damals mehr tätowieren lassen, hätte ich heute lauter Neunziger-Motive! Erst als wir das Studio eröffnet haben, habe ich angefangen, Traditionals zu sammeln. Ich weiß gerade nicht, wie viele ich habe – aber es sind relativ viele von allen möglichen Künstlern.

Und ich habe mich natürlich auch schon selbst im Suff tätowiert: Ich habe mir mal einen kleinen Blätterzweig gestochen und Nadel richtig tief reingedrückt, der ist total vernarbt. Aber auch der hat eben eine Geschichte.

Von wem lässt du dich tätowieren?

Sabrina: Vor allem von Leuten, die ich mag. Mittlerweile ist es mir wichtiger, eine gute Zeit beim Stechen zu haben und jemanden auf meiner Haut zu verewigen, den ich sehr gerne mag, als ein hundertprozentig perfektes Tattoo von einem bekannten Künstler zu bekommen. Du kannst noch so ein Startätowierer sein: Wenn du ein Arschloch bist, wird die Tätowierung immer negativ behaftet sein.

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Wie verhält man sich als Tätowierer, um kein Arschloch zu sein?

Sabrina: Ich finde es wichtig, dass sich jeder willkommen fühlt. Egal ob Tattooneuling oder Sammler. Jeder ist gleich viel wert, das versuchen wir bei „Sorry Mom“ zu vermitteln.

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Wie reagierst du bei potenziellen Kunden, die mit Ideen ankommen, die ihr selbst uncool findet?

Sabrina: Wenn jemand zu uns kommt und sich ein Unendlichkeitszeichen tätowieren lassen will, erkläre ich ihnen, dass es, na ja, auch cooler geht. Wenn sie es nicht cooler haben wollen, stechen wir ihnen das aber manchmal trotzdem – damit sie es nicht woanders machen, wo es vielleicht schlechter wird. Außerdem sollte man sich immer klar machen, dass das Studio unsere Existenzgrundlage ist. Du kannst noch so cool sein, ohne Kunden geht es nicht. Man kann ja nicht drauf hoffen, dass man Instagramstar wird, das ist ja auch irgendwann vorbei.

Was steht noch auf deiner Bucket-List?

Sabrina: Eigentlich hatten wir geplant, im Juni unsere erste eigene Tattoo-Convention hier in Braunschweig abzuhalten. Darauf habe ich mich sehr gefreut, sie ist jetzt, durch die Corona-Pandemie, aber natürlich abgesagt. Nächstes Jahr wollen wir das aber unbedingt nachholen!

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  • Quelle:
  • Noizz.de