Die Radlerhose gibt es schon seit einigen Jahrzehnten in der Modewelt, jetzt ist sie mal wieder im Mainstream angekommen. Warum sie so perfekt ist – und der Trend trotzdem bald schon wieder vorüber sein soll.

Verzweifelt stand ich vor einigen Monaten vor meinem Schrank. Ich habe drei Fächer für Hosen. Links: graue und schwarze Anzughosen, lockere Culottes aus leichtem Satin. Mitte: Jeans in blau, schwarz, hell-beige, übergroße Schlaghosen. Rechts: ein mickriger kleiner Stoffknäuel, bestehend aus einem Rock und einer alten, abgeschnittenen Jeans, die mir paradoxerweise zu groß aber auch zu kurz ist. Das ist alles. In dem linken Stapel, wo sich eigentlich wunderschöne Sommer-Unterteile befinden sollten, ist nichts.

Denn es gibt einfach nichts, was Frauen gut im Sommer als Hose tragen können. Die Zeit der kurzen engen Highwaist-Hotpants ist lange vorüber (zum Glück), Röcke sind zwar im Großen und Ganzen ganz sweet aber nicht immer alltagstauglich. Was bleibt da noch übrig, habe ich mich Anfang des Sommers gefragt. Ich habe die Antwort in den abgeschnittenen Leggins meiner Vergangenheit gefunden.

Der große Radlerhosen-Durchbruch

Weil es so 2015 ist, sich in enge, viel zu ungemütliche Hosen zu quetschen, kommt der Radlerhosen-Trend nun zu genau der richtigen Zeit. Meine erste Radlerhose war das Produkt einer Schere, einer löchrigen Leggins, und dem Willen, einfach in einem Oversize-Shirt und Sneakers mein Leben zu genießen. Schnell kam die professionelle Radlerhose dazu (mit professionell meine ich Urban Outfitters) und die Sache war geritzt. Das ist jetzt mein Leben: Radlerhosen mit T-Shirts, Radlerhosen mit Crop-Tops, Radlerhosen aus Leo und Radlerhosen in schlichtem Schwarz.

Das Schöne an Radlerhosen ist, dass sie alles sind

Mit einem riesigen Hemd und Turnschuhen sind sie casual und chillig, mit einer Wickelbluse und eleganten Sandalen und kleiner Tasche sind sie pures Money. Sie sind gemütlich, ein bisschen sexy, aber nicht zu freizügig. Ich fühle mich ein bisschen empoweret, weil ich auch mich mit einer Radlerhose hinsetzen kann, wie ich will, ohne, dass irgendetwas zwickt, drückt, zieht oder wegrutscht.

Ein Gast der Copenhagen Fashion Week am 10. August 2020

Radlerhosen-Trend: Dank Corona?

Tatsächlich gibt es Fashion-Redakteur*innen, die den Siegeszug der Radlerhose auf Corona schieben. So zum Beispiel Teresa Lam, Redakteurin für das Fashion-Magazin "Hypebae". Sie behauptet, dass für die, die es befremdlich fanden, eine kurze Leggins als Hose zu tragen, der Corona-Lockdown ein guter Zeitpunkt war, um sich langsam an die Radlerhose heranzutasten. Zuerst als Chillhose (denn sie ist wirklich gemütlich). Die Chillhose ist dann einfach angeblieben, wenn man mal zum Supermarkt musste, und langsam aber sicher wurde das eigene Unwohlempfinden in der Radlerhose desensibilisiert, bis sich die Radlerhose als fester Bestandteil des Kleiderschranks etablierte.

Stefanie Giesinger während der Paris Fashion Week im Januar 2020.

Die Radlerhose gibt es schon länger als It-Piece, als du denkst

Tatsächlich ist die Evolution der Radlerhose schon länger in der Mache. Wie so oft in der Fashion-Welt kommt das moderne Revival des Neunziger-Jahre-Looks eigentlich drei Jahre zu spät im Mainstream an. Schon 2017 schickte Dolce & Gabbana Models mit extravagantem Oberteil und schwarzen Radlershorts auf den Laufsteg, auch Dior nutzte die kurze Leggins als Unterteil für Frühlingsjacken und Saint Laurent präsentierte sie in einer Spitzen-Version unter einem riesigen Ballonrock. Die Spitzen-Shorts versuchte, sich zunächst im Fast-Fashion durchzusetzen als Unterteil für kurze Mom-Jeans – ein Siegeszug der Spitzen-Radlerhose wurde daraus allerdings nicht.

Princess Diana rockte Radlerhosen schon 1995

Im Sommer 2018 rockten Gigi Hadid und Kim Kardashian dann als erste Trendsetterinnen den damals noch umstrittenen Radlerhosen-Look, Sommer 2019 kam der Trend dann endlich so richtig an: Die mittellangen Stretch-Shorts landeten in den Schaufenstern von günstigen Modeanbietern der Häuser Hennes & Mauritz, Inditex und Co.

Ein Gast der Copenhagen Fashion Week am 11. August 2020

Und trotzdem – den kompletten Mainstream konnte die Radlerhose noch nicht für sich beanspruchen. Nicht so, wie es die High-Waist-Hotpants konnten, nicht so, wie Skinny Jeans es einst konnten, nicht so, wie Caro-Hemden es konnten. Nun ist es Sommer 2020. Und siehe da, die Radlerhose bricht durch. Während Mainstream-Fashion-Seiten wie "Hypebae" oder "Glamour" Guides dazu veröffentlichen, wie du den "neuen Trend" richtig in Szene setzt und der gemütliche Allrounder sich langsam in die Kleiderschränke von Influencer-Jünger*innen schleicht – verurteilt "Vogue" die Radlershorts schon wieder als out. Klar, im High-Fashion-Sektor gibt es den Trend schließlich schon seit mindestens zwei Jahren. Da kann auch mal was Neues her.

Die "Vogue" rät stattdessen zu ... "echten" Hosen. Was soll das? Gerade erst entdeckt, von der großen Menge endlich einigermaßen akzeptiert und schon soll die Radlerhose wieder das Zeitliche segnen?

Ich wehre mich entschieden dagegen. Ich habe die Radlerhose nach einer langen Findungsphase als die perfekte Sommerhose für Frauen auserkoren und werde diese Erkenntnis nicht mir nichts, dir nichts, über den Haufen werfen. Denn sobald die Radlerhose aus meinem Kleiderschrank verschwindet, wird dieser das werden, was er davor schon war: eine uninspirierte Ansammlung an Stoff, in dem ich mich unwohl fühle. #FreeRadlerhose

  • Quelle:
  • Noizz.de