Alle 14 Tage wollen wir euch in unserem Tattoo Talk Künstler*innen vorstellen, denen wir begeistert auf Instagram folgen – weil sie uns mit ihrer Message, ihrem Stil oder ihrer Persönlichkeit umhauen.

Dieses Mal haben wir uns mit Simone Klimmeck unterhalten. Die 30-Jährige ist Illustratorin und Tätowiererin, in Berlin-Kreuzberg hat sie 2017 ihr eigenes Studio "Chrom 6" eröffnet. Dort sticht sie schönstes surreales Blackwork. Im Interview erzählt sie uns, wie sie dahin gekommen ist, wo sie heute ist, wo für sie die Grenze zwischen Inspiration und Imitation liegt und warum eine perfekte Welt für sie schlicht und einfach langweilig wäre.

NOIZZ: Simone, wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist?

Simone: Meine Eltern haben sich beim Aktzeichnen kennengelernt, das Zeichnen und die Malerei haben bei uns zu Hause immer eine große Rolle gespielt. Dass ich als Dreijährige anfing, die Wände zu bemalen, wurde noch als tolle Entfaltung des Kindes aufgefasst – warum um Himmels willen später dann aber die Haut von Menschen, das hat vor allem meinem Vater erst sehr zugesetzt. Der hätte es wohl besser gefunden, ich wäre bei meinem Modedesignstudium geblieben.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Ich muss sagen, ich bin auf eine Art selbst überrascht, es war jedenfalls nie mein Plan, zu tätowieren. Ich war vielmehr so frustriert über die Erfahrungen, die ich als Tattoo-Kundin gemacht hatte – das hat einen Ehrgeiz in mir wachsen lassen und ich dachte, "das geht besser". Ich habe dann aber ziemlich schnell feststellen müssen, dass YouTube-Tutorials einem nicht mal so eben ein Handwerk beibringen. Also doch einen Mentor gesucht und alles auf eine Karte gesetzt. Hat funktioniert.

Wie würdest du deinen Stil selbst in drei Worten beschreiben?

Simone: Schwarzer Biologiebuch-Surrealismus.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Welche Tattoos berühren dich besonders?

Simone: Wahrscheinlich weniger die inhaltlichen Geschichten hinter den Motiven als der Effekt, den man mit einer Tätowierung erzielen kann. Wir konnten uns alle nicht aussuchen, wie wir aussehen wollen, als wir auf diese Welt gekommen sind, einigermaßen willkürliche Genpakete.

Durch Tätowierungen hat der Mensch die Möglichkeit, sich selbst zu gestalten, sich ein bisschen davon zu emanzipieren– das ist doch toll. Ich habe viele Kunden, die beispielsweise ihre Beine nicht sonderlich mögen, aber sie – durch eine Tätowierung – auf einmal gerne der Welt zeigen. Der Fokus geht weg von der Form, weg von Narben, Geheimratsecken oder was auch immer ein vermeintliches Makel sein mag. Das Beste an meinem Job ist es, Menschen neues Selbstbewusstsein geben zu können.

Was treibt dich an?

Simone: Meine Unruhe. Mein Hunger. Die schlimmste Vorstellung wäre, irgendwann den Punkt zu erreichen, bei dem man denkt, jetzt sei alles perfekt und dann die darauffolgenden Jahrzehnte in die gähnende Langeweile der eigenen Arbeit zu starren. Wo alles perfekt ist, gibt es keinen Prozess, kein Vorankommen. Die Welt dreht sich eh ständig weiter, da macht das Verweilen nur bedingt Sinn.

Wer lässt sich von dir tätowieren?

Simone: Staatsanwälte, Urologen, Bauern, Molkerei-Laboranten, Erzieher, Hochzeitsplaner, Musiker, Theologie-Studenten, Dichter, meine Mutter. Runde, kantige, grobe und zarte Menschen, meist jung, manchmal verlebt, weise oder naiv. Ich habe jeden Tag ein Blind Date mit den unterschiedlichsten Menschen und fühle mich dann wie in einer Kinderfragesendung, es ist wunderschön bereichernd. Ich kann all meine Fragen stellen, sie tun das ebenso, wir tauschen Geschichten aus. Man kommt sich wortwörtlich sehr nahe.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wo fängt Kunstfreiheit an, wo hört sie auf?

Simone: Was ist überhaupt, Kunst? Letztlich entscheidet das ja der Betrachter, somit kann alles auf der Welt im Namen der Kunst geschehen oder als solche betrachtet werden. Kunst darf alles, ich darf das dann aber auch scheiße finden.

Wo hört Inspiration auf, wo fängt Imitation an?

Simone: Wir alle kopieren, imitieren – von klein auf. Es ist ein natürlicher Teil des Lernens, des Wachsens. Als Baby sprechen wir die Worte unserer Eltern nach, beobachten genau, wie jemand eine Gabel hält und versuchen uns dann selbst daran. So orientiert sich auch jeder Künstler in seiner Anfangszeit an den großen etablierten Meistern, ob bewusst oder unbewusst.

Der entscheidende Punkt in der Kunst ist aber, ob sich jemand vom Imitieren lösen kann und es schafft, die Eindrücke seiner Umwelt in etwas Eigenes zu übersetzen, in einen neuen Kontext zu bringen und Originalität zu kreieren, oder ob man Teil der Trittbrettfahrer bleibt, die letztlich immer einen Schritt hinterher sein werden. Mit Originalität meine ich eine eigene künstlerische, unverkennbare Handschrift, da spielt vieles mit rein: Konzepte, Farbwelten, Techniken und die Kontinuität dieser. Die Diskussion über die genaue Definition ist so alt wie die Kunst selbst und mit dem Urheberrecht zumindest eine grundlegende Richtlinie verfasst.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Mode, Kunst, Tattoos – alles Szenen, in denen Individualismus als hohes Gut gilt. Existiert so etwas wie Individualismus in deinen Augen überhaupt? Wie grenzt man sich von anderen ab?

Simone: Ach, ich denke, in der heutigen Gesellschaft grenzt man sich vor allem durch Rückgrat und Idealismus ab, nicht durch ästhetische Gestaltung. Da sehen wir sowieso am Ende wieder alle gleich aus mit unserem Wunsch nach Abgrenzung. Ich glaube, bald sehnen sich die Menschen wieder mehr nach Zugehörigkeit, ich für meinen Teil bin stolz, Teil einer Jugendszene gewesen zu sein. Da ging es natürlich auch um Abgrenzung, aber eben auch um Identifikation als Gruppe – nicht um die Abgrenzung des Einzelnen gegen den anderen.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wie wird man erfolgreich in dem, was man tut?

Simone: Mit Biss, Geduld und Ehrgeiz an der richtigen Stelle aber ohne zu verlernen, über sich selbst lachen zu können. Manchmal klappt es halt einfach nicht, wir müssen den Zufall umarmen. Und mit Authentizität, auch wenn das ein inflationär verwendeter Begriff ist, den viele nicht richtig aussprechen können.

Was wünschst du dir für die Tattoo-Szene?

Simone: Einen gesunden moralischen Anspruch eines jeden an sich selbst, Offenheit, konstruktiven Austausch, Besonnenheit und einen Gemeinschaftsgedanken.

  • Quelle:
  • Noizz.de