Als Connell Waldron hat er in der Hulu-Serie "Normal People" nicht nur Marianne den Kopf verdreht: Dank eines hotten Paparazzi-Schnappschusses, in dem Schauspieler Paul Mescal in lässigem Prollo-Look mal eben 'nen Bier kaufen geht, avanciert er zum neuen Internet-Crush. Es könnte das Comeback des Brit-Proll-Chic werden – irgendwo zwischen Burberry und Chav-Look.

Ich bin mir sicher, die Welt ist im Jahr 2020 bereit für eine neue männliche Fashion-Ikone, die uns genau das bringt, was wir in dieser Krise brauchen: Bodenständigkeit und ein Hauch Konsum. Ich rede von niemand Geringeren als Paul Mescal. Wer Hulus Adaption von Sally Rooneys Bestseller "Normal People" gesehen hat, weiß, wen ich meine: Dort spielt Mescal eine der beiden Hauptrollen.

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Dessen Markenzeichen: Ein Silberkettchen um den Nacken und viel zu kurze Shorts – beides wirkt an ihm irgendwie sexy. Aber vielleicht basiert dieser Sexappeal auch einfach auf Mescals unwiderstehlicher Rolle als Mariannes erste große Liebe, Connell, der seinen Working-Class-Status mit viel Charme und Empathie wegmacht.

Aber nun ist auch etwas Merkwürdiges im echten Leben passiert: Paul Mescal ist dank eines Paparazzi-Fotos ein Hottie geworden – und noch viel krasser: Ich glaube, er bringt den Männern den Brit-Proll-Chic in den Kleiderschrank zurück. Was das ist? Erklär ich gleich.

Erst mal schaut ihr euch dieses unglaublich widersprüchlich scharfe Foto an:

Eigentlich ist an diesem Outfit alles verkehrt: Die Shorts sind viel zu kurz. Gut, Mescal war früher einmal Profifußballer, der Look könnte eine Reminiszenz daran sein – und korrespondiert sehr gut mit meiner These, dass er den Brit-Proll-Chic der späten 90er und Nullerjahre zurückbringt. Auch dazu kommen wir gleich. Seine Beine sind so käseweiß. Es ist fast schon postironisch.

Dazu eine retro Adidas-Trainingsjacke mit einem weißen T-Shirt, eine Kombi, die ich vielleicht zum Großputz in meiner Wohnung tolerieren würde. Die weißen, flachen Sneakers haben nichts mit aktuellen Sneakertrends zu tun, die Sonnenbrille sieht im Vergleich zum ordinären Restoutfit so absurd classy aus, dass sie das Gesamtbild komplett verzerrt. Mescal ist natürlich cool und trägt Kopfhörer – aber oldschool mit Kabel, keine neumodischen Airpods – während er die absurdeste Drinkmischung aller Zeiten besorgt hat: Bier in der Flasche und Gin Tonic in der Dose.

So etwas kann nur ein Brite, äh, Ire tun

Jugendliche in Bristol 2007

Ja, Paul Mescal ist Ire, ich weiß. Aber dieser Look vereint so viele Elemente von dem, was man in den Nullerjahren im Rest Europas guten Gewissens als typischen britischen Asi-Look bezeichnet hätte. Ein bisschen edel, ein bisschen Prollo und viel zu lässig mit einer Selbstverständlichkeit getragen, dass dein Ego kotzen könnte. Es ist ein Style, der in seiner modernen Adaption perfekt in unsere verwirrte Zeit passt.

Die Wurzeln dieses Looks sind vielseitig und spiegeln den ewig währenden Klassenkampf der britischen Gesellschaft wieder. Angefangen hat alles Ende der Neunziger beziehungsweise zu Beginn des neuen Jahrtausends. Die britische Gesellschaft hatte viele Probleme, aber eines davon war die steigende Jugendkriminalität in den sozial schwächeren Schichten. Vor allem in den Sozialbausiedlungen häuften sich die Vorfälle. Es entwickelte sich eine eigene Subkultur, Premierminister Tony Blair sogar ein Gesetz schenkte: den Anti Social Behaviour Act in 2003. Damit sollten die kleinkriminellen Jugendlichen, die häufig nicht zur Schule gingen und stattdessen Dinge anzündeten, Ladendiebstahl und so weiter begangen, wieder auf den Weg der Tugend gebracht werden. Es machte aber alles noch schlimmer.

Subkulturen und Zeitgeist äußern sich auch immerzu in Style und Mode. Die britischen Jugendlichen der Working- und Lower-Middle-Class schufen ihre eigenen Uniformen und gingen als "Chavs" und Hoodie-Generation in die Geschichte ein.

Chav kommt wahrscheinlich vom Romani-Wort "Chavi" für "Kind" und ist gleichzeitig eine Abkürzung für "Council housed and violent" – also in einer Sozialwohnung wohnend und gewalttätig. Ihr Look: eine Cap, prolliger Goldschmuck, Turnschuhe, Trainingsanzug oder Jogginghose, irgendein Fake-Burberry Accessoire, damit man sich der Elite näher fühlte und "echte" Marken aus einem niedrigeren Preissegment, die sich auch die Sozialhilfeempfänger leisten konnten. Kappa, Umbro, aber eben auch Adidas und Nike. Alternativ setzten einige auch auf heute noch beliebte Gucci-, Lacoste- oder Louis-Fakes, hoch im Kurs stand auch die Münchner Marke MCM, wer es britischer wollte, wählte neben Burberry Mulberry oder Hunters.

Mode ist Teil einer subkulturellen Identität

Auch Generation ASBO (Anti-Social-Behaviour-Order): die Arctic Monkeys 2006.

Stilvorbilder waren Fußballer wie David Beckham, die Gallagher-Brüder von Oasis, Robbie Williams, Rapper Plan B, die Arctic Monkeys – aber irgendwann kleideten sich auch Promis wie Elton John, Jason Statham oder Kultregisseur Guy Ritchie in dem Stil. Persifliert wurde er vor allem durch den Charakter Vicky Pollard in "Little Britain" und trotzdem würde die absurde Mischung aus Markenelementen und der Chillkleidung eines Arbeitslosen in Großbritannien Kult – trotz seines sehr ernsten Hintergrundes. Es war ein sehr männlicher Look, wenn Frauen zu ihm griffen, gab es eben mehr Ausschnitt oder alles in der Cropvariante.

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Warum war und ist dieser Look so ikonisch? Vielleicht weil er die Sehnsucht der Briten nach einer Auflösung der gesellschaftlichen Klassen wie eine machbare Illusion erscheinen lässt. Auf der einen Seite ist der Look mit echtem Burberry-Schal oder einer Burberrytasche im Bruch mit Sneakern und Jogger durchaus tragbar für eine Victoria Beckham, die Kohle as fuck hat. Burberry steht wie keine andere britische Marke für englische Mode, Elite und Tradition. Das Label ist der Erfinder des Trenchcoats. Auf der anderen Seite sieht der Chavlook eben auch an einem 16-Jährigen aus der Sozialbausiedlung nicht verkehrt aus.

Ein Mod 1964

Dass britische Jugendkulturen in ihrer Kleidung versuchen, Klassengrenzen abzulegen, ist nicht wirklich neu. Die Mods der Sechziger kleideten sich klassisch italienisch in Anzügen, trugen dazu rebellisch einen lässigen Parka und das Schuhwerk der britischen Oberschicht: Chelsea Boots und Loafer, obwohl ihre Eltern bei Vauxhall am Band standen.

Im Falle der Chavs in den Nullerjahren hielt man allerdings nicht so viel von klassischer Zurückhaltung: Mehr galt in dem Fall immer als besser. Schachbrett- sowie Karomuster, Neonfarben, fette Logos von Diadora, Fred Perry, Sergio Tacchini, Ellesse oder Fila. Spätestens seit der Britpop-Offensiver der Neunziger mit Bands wie Blur, Ash und Oasis, die einen klaren Working-Class-Background hatten und Trainingsanzüge nicht nur auf dem Sportplatz trugen, war das okay. Das einzig Edle an diesem Look waren eventuell die Marken und einzelne Accessoires, wie eben eine glänzende Ray-Ban-Sonnenbrille. Ein Statussymbol, das in dem plakativen Wirrwarr gleich noch mehr auffiel.

Wieso gerade jetzt die richtige Zeit für ein Comeback des Brit-Prollo-Chics ist

Kehren wir also nun zurück zu Paul Mescal. Nur zur Erinnerung, das hier war sein Look:

Sein Look ist ein modernes Updates der Brit-Prollo-Chics, den sich im Laufe der Zeit vor allem die britische Mittelschicht angeeignet hat. Nicht mehr ganz so platt, wie der Chav-Look. Es ist ein bequemer, casual Look. Aber weil du im Pub mit deinen Bros beim Fußball schauen nicht spießig wie ein Tory rüberkommen willst – und auch nicht langweilig wie ein Normcore-Opfer greifst du zu etablierten Marken und Farbe.

In Pauls Fall eben diese retroseke Adidasjacke. Auch der Rest geht auf: Die teure Sonnenbrille zeigt, dass man, wenn man will, durchaus sehr stilbewusst unterwegs sein kann und auch das Geld für entsprechende Marken hat. Dass sich diese Attitude gerade im Krisenjahr 2020 mehr denn je behaupten kann, hat einen ganz einfachen Grund: Wir alle sind ein bisschen Chav geworden.

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Durch die Selbstisolation in Zeiten der Coronapandemie ist uns bequeme Mode wichtiger denn je. Gleichzeitig wollen wir verdammt cool sein, was sich auch 2020 vor allem mit den richtigen Marken und einem Hauch Individualität repräsentieren lässt. Im Falle von Paul sind es seine viel zu kurzen Shorts: Sie tragen das Wappen eines gälischen Fußballvereins. Gleichzeitig ist das wieder ein Verweis auf die Chavkultur, in der Trikots des regionalen Teams zu jedem Jogginganzug kombiniert wurden.

Das modische Spiel mit der Klassenzugehörigkeit macht auch den Reiz von Paul Mescals Rolle in "Normal People" aus. Nicht umsonst waren fast alle auf Social Media fasziniert von seinem Silberkettchen. Bis auf dieses markante Detail kleidet sich Connell ziemlich unauffällig. Die Kette ist das einzige sichtbare Symbol seines "niederen" sozialen Status. Kein Oxford-Absolvent aus einer Doktorfamilie würde so eine Kette tragen. Connell schafft es in der Serie dennoch, Klassengrenzen zu durchschreiten.

Und irgendwie repräsentiert das auch sein privater Kleidungsstil. In einer Welt, die in einer Krise alle Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft offenbart, sehen wir uns nach Verbundenheit, aber auch nach Bekanntem und kuscheligem Komfort sowie wirtschaftlicher Sicherheit. Der Brit-Proll-Chic, so kurios das auch klingen mag, vereint all das. Und vielleicht sehen wir im Sommer 2020 noch mehr Männer in ultrakurzen Männershorts rumlaufen. Ich nenne die Shorts von nun an: Mescal-Pants.

Quelle: Noizz.de