Ich habe NOIZZ-Redakteur Till Böttcher bei seinem Ausflug in die Modewelt begleitet.

Mein Kollege Till war noch nie auf einer Fashion-Show. Bis heute. Heute soll sich das ändern. Heute ist sein großer Tag. Heute wird er zu der Show von Marina Hoermanseder gehen. Die in Österreich geborene Designerin gilt als DIE Grande Damme der deutschsprachigen Modebranche. "Vogue" lobt sie, Stars wie Kylie Jenner feiern sie, Fashion Victims lieben sie.

Und dann ist da Till. Vor dem Event checkt Till den Instagram-Account von Marina. Zwischen Bildern von Kylie Jenner und anderen Promis, finden sich auch Teile der Kollektion. Till kneift die Augen zusammen, geht näher an den Bildschirm und fragt:

Till: "Ist das ein Ding? ... So ein Parfum in Body-Form?"

Ich: "Das sind keine Parfum-Flakons, das sind Kleider."

Till: "Oh, ach so. Ja, nice. Und das hier, das ist sie (Marina) aber nicht selber?"

Ich: "Nein, das ist Taylor Swift."

Till: "Uh, und das. Ist das Conchita Wurst?"

Ich: "Nein, das ist Riccardo Simonetti."

Eine halbe Stunde später sitzt Till in der U2. Die Promis werden mit Limousinen von Location zu Location gefahren. Till ist kein Promi. Till fährt U-Bahn.

"Das ist doch so eine krasse Welt", sinniert er während der Fahrt. "In dieser Welt ist Mode schon wichtig. Für mich aber irgendwie auch." Er schaut aus dem Fenster, fragt dann: "Wie viele Menschen werden da gleich sein?" Till scheint sich die Berliner Modewelt in seiner Fantasie auszumalen, über die Menschen nachzudenken und was ihn gleich erwartet.

Die Berliner Fashion Week war nie so glamourös wie die Modewochen in Mailand, Paris oder London. Berlin hat nicht die Spending Power und die großen Brands wie Saint Laurent oder Givenchy. Die Berliner Fashion Week ist eher ein Underdog. So fühlte sich Till auch vor einigen Tagen, als er seine erste Party während der Fashion Week besuchte. "Ich habe mich da so hammer wohl gefühlt, weil ich so offensichtlich nicht dazugehöre. Das war, als wäre ich gar nicht da gewesen … als würde man durch eine fremde Stadt laufen."

Till Böttcher auf der Berliner Fashion Week Foto: NOIZZ-Redaktion

Ankunft an der Location: Das SEZ in Berlin-Friedrichshain. Eine Sporthalle, die an diesem Tag zum Fashion-Zelt umfunktioniert wurde. Für Marina Hoermanseder und ihre Jünger. Bereits vor der Halle stehen offensichtliche Fans der Designerin. Überall ihre Lederschnallen-Designs. Im Gegensatz zum typischen Berlin-Look, ganz in Schwarz, knallen hier Farben aufeinander. Und zwei Welten. Die Fashion-Szene und Till.

"Vielleicht kommt gleich auch jemand und kleidet mich ein", denkt Till am Eingang der Halle laut nach. Hinter den Schaltern, wo es die Eintrittskarten gibt, ziert ein Blütenbogen die schmale Tür. Für Till ist das der Eingang zu einer neuen Welt. Influencer stehen dort, versperren den Weg, lassen sich fotografieren. Prioritäten setzen.

Die setzt auch Till. Erst einmal zur Bar, die sich im hinteren Bereich der Sporthalle befindet. Er schiebt sich durch eine Masse von Gästen, die sich vor einer Fotowand tümmelt. "Click, click, flash", heißt es im "Sex and the City"-Song von Ciara. Click, click, flash blenden jetzt Till. Er will nur an die Bar, ordert ein Glas Rosé. Kost' ja nix.

Fashion Freaks auf der Berliner Fashion Week Foto: NOIZZ-Redaktion

Er schaut sich um, mustert die Leute. Promis erkennt er nicht. "Da kenne ich mich gar nicht aus. Die meisten sehen hier doch recht verkleidet aus", lautet sein erstes Urteil. "Mir wurde jetzt mehrmals gesagt, dass das die krasseste Show der Berliner Fashion Week sei."

Show

Time.

Till geht zu seinem Platz, der sich ganz am Rand befindet, noch hinter dem sogenannten Media Riser. Hier drängen sich Fotografen auf engstem Platz und kämpfen um das beste Foto. Die Bilder werden später Agenturen angeboten.

Till steht auf einer Empore, nippt an seinem Glas, wartet auf den Beginn der Show. "Ich bin heute hier, um Spaß zu haben und etwas Neues zu entdecken", sagt er und beobachtet das Geschehen.

Zwei Schränke von Securities schieben die Gäste, die noch auf dem Laufsteg posieren, zur Seite. Unter ihnen auch Cheyenne Ochsenknecht samt Mutter Natascha. In der ersten Reihe sitzen verschiedene Instagram-Stars, die wie eine homogene Masse wirken. Verwachsen mit dem Handy, mit sich selbst. Sie machen mehr Fotos von sich als die Fotografen. Hier ein Selfie, da ein Küsschen. "Hi, wie geht's?", fragt man und schaut während der Antwort auf sein Handy. Communication à la fashion.

Die Ochsenknechts auf der Berliner Fashion Week Foto: NOIZZ-Redaktion

Alles in der SEZ-Halle wirkt von vergangenen Jahrzehnten inspiriert. Da ist Fernanda Brandão, ehemalige Sängerin der Hot Banditoz, und auch der erste Song, der zum Auftakt der Show läuft: von den Backstreet Boys. Und eben die Kollektion. Marina Hoermanseder setzt auf Neon-Farben, Bauchtaschen und große Zopfgummis und Haarreifen.

"Die Models sind mir viel zu dünn. Ich hätte gedacht, dass sich die Mode da weiterentwickelt hätte", stellt Till fest. Bei einem anderen Look kommentiert er die Tasche: "Die hat wohl ihren Ball mitgebracht." Till ist bewusst, dass er sich nicht mit Mode auskennt, nimmt die meisten Dinge mit Humor. Zu einem Key-Look, einem glitzernden, ausgestellten Kleid, das von verschiedenen Gürteln und Schnallen geziert wird, den auch Nicki Minaj schon trug, sagt Till: "Erinnert mich an Polly Pocket, die sieht genauso aus." Als ein deformiertes Lederkleid in Rot auf dem Laufsteg präsentiert wird, wirkt Till kurz etwas wacher, schaut sich den Look genau an. "Das sieht echt geil aus."

Marina Hoermanseders Mode auf der Berliner Fashion Week Foto: NOIZZ-Redaktion

Die Zeit vergeht, die Show ist vorbei, die Gäste pilgern mit ihren Goodie-Bags unterm Arm gen Ausgang oder Bar. Einige posieren vor der Fotowand mit der Designerin. Till entscheidet sich wieder für die Bar. Er will Popcorn und Rosé. Zeit für ein Resümee. "Ich habe mich sofort unwohl gefühlt, vor allem im Vergleich zu der Party vor ein paar Tagen. Heute war das sehr affektiert." Mit den Oberflächlichkeiten der Branche könne er nichts anfangen, ihm gefiel das Drumherum aber dennoch gut: "Das war pures Good Life."

Von der Mode war Till teils beeindruckt, teilweise war er sich aber auch nicht sicher, was er von der Kollektion halten soll. "Die Kunden sind ja nicht du und ich. Das sind Show-Kleider, gemacht für den roten Teppich oder Fotoshootings." Das rote Lederkleid, das wie ein Panzer wirkt, fand er toll. Die Haarreifen und die Zopfgummis gefielen ihm auch: "Das war etwas Alltägliches auf eine neue Art und Weise interpretiert."

Während die Location, diese riesige Sporthalle, ebenfalls gut beim Publikum ankam, fehlte Till eine Sache: die Botschaft. "Ich fände es toll, wenn die der ganzen Sache eine Metaebene geben würden. Es sollte um mehr als nur Oberfläche in Form von Farbe und Material gehen. Marina Hoermanseder hat doch sicher eine Vision, die sollte mehr im Vordergrund stehen."

Till nach der Show von Marina Hoermanseder = genießt das "Good Life" Foto: NOIZZ-Redaktion

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Die Berliner Fashion Week ist letzten Endes ein Zirkus, stellt Till fest. "Manche waren casual, manche sehr verkleidet. Das wirkte wie eine Poser-Gesellschaft. Die wenigsten kommen wirklich für die Show, denke ich."

Da sind die Ochsenknechts, die sich zeigen, sich inszenieren, ein Business aus ihrer eigenen Person gemacht haben, die Fernandas, die Jan Köppens – und dann ist da Till. Till hat nicht mehr und nicht weniger zu zeigen, als die Person, die er ist. Er steht da in seiner Jogginghose am Rand und beobachtet und genießt den Moment. Damit nimmt er vielleicht sogar die gesündeste Position ein, die man zu solchen Events haben kann. Denn am Ende des Tages ist es wie in "Click flash" von Ciara: Es geht nur um den Schein und den kurzen Moment des Hochgefühls.

Quelle: Noizz.de