Wir haben uns die Produktion vor Ort angeschaut.

Seit ich denken kann, waren Gegenstände für mich immer nur zum Gebrauch gedacht. Ich ziehe unbedacht die Folie von meinem neuen Smartphone herunter, bevor ich es zum ersten Mal anmache und kümmere mich nicht allzu sehr darum, ob ich mein Lieblings-T-Shirt mit Tomatensoße bekleckere. 

Nach einem Besuch in der US-Fabrik von New Balance, in der ich gesehen habe, wie viel Arbeit in einem einzigen Paar Schuhe steckt, werde ich noch einmal ganz genau darüber nachdenken, ob ich mit meinen neuen New Balance 990 in ein Pfütze trete.

Ich liebe Schuhe. Das ist eines der Dinge, die ich neben Sparsamkeit von meiner Mutter übernommen habe. Obwohl ich fast doppelt so viele Schuhe besitze wie meine Frau, hab ich mich nie wie ein Sneakerhead gefühlt und würde mich auch heute nicht so bezeichnen. 

Meine Vorlieben für Marken, Modelle und Schuhstile ändern sich dafür zu häufig, und ich habe in meinen Augen einfach nicht genug Wissen über die Geschichte von Sneakern. Ich gebe zu, als wir dazu eingeladen wurden, die amerikanische New-Balance-Fabrik in Boston zu besuchen, um zu sehen, wie die Produktion des neuen 990-Modells aussieht, hat dieser Schuh bei mir keine besonderen Gefühle geweckt.

"Auf einer Skala von 1000 ist dieser Schuh eine 990"

New Balance ist eine schwierige Marke. Für den Durchschnittsverbraucher sehen viele Modelle sehr ähnlich aus und ihre Benennung ist auch nicht wirklich hilfreich: Die Schuhmodelle heißen normalerweise nach dreistelligen Zahlen und sind oft einfach die nächste Generation eines Vorgängers. 

Es gibt keine eingängigen Namen wie "YEEZY" oder "Air Max" und auch keine laut angekündigten neuen Technologien, die das Laufen jedes Mal aufs Neue revolutionieren wollen. 

Dafür ist New Balance konsequent, und Konsequenz bei der Herstellung von Schuhen ist eine durchaus zielgerichtete Markenstrategie. Die Jahre vergehen, die Schuhe der Konkurrenz durchlaufen, mit unterschiedlichen Ergebnissen, erstaunliche Transformationen und New Balance bleibt den eigenen Prinzipien und ihrem Design seit Jahrzehnten treu. Nur Technologien und Materialien werden für ein noch bequemeres und leichteres Laufgefühl stetig weiterentwickelt. Ähnlich wie bei der fünften Generation des 990.

New-Balance-Werbung von 1982 Foto: New Balance

Der New Balance 990 feierte sein Debüt vor fast 40 Jahren, 1982. Das ist so lange her, dass der "Times"-Mann des Jahres damals ein Computer war. Der graue Schuh, der über einen Zeitraum von vier Jahren entworfen wurde, schockierte mit seinem Preis – er kostete damals 100 US-Dollar und war definitiv teurer als andere Modelle auf dem Markt. 

New Balance sendete damit eine klare Message: Wir haben den besten Laufschuh entworfen, er ist einzigartig und muss einfach so viel kosten. Der zugehörige Werbeslogan bestätigte das nur: "Auf einer Skala von 1000 ist dieser Schuh eine 990."

Aufgrund des Preises wurden die Schuhe von New Balance schnell zu einem Statussymbol. In Washington und Boston liefen damit weiße Ärzte und Rechtsanwälte rum, aber auch schwarze Musiker und Künstler folgten dem Trend. Die Fans des 990 waren Prominente, Vorbilder und die größten Innovatoren der modernen Welt der Technologie. 

So war der Sneaker auch das Lieblingsmodell von Apple-Gründer Steve Jobs. Einer Legende nach soll er New Balance nach etwas "sportlicherem" als Lederschuhen gefragt und der Marke die erste grobe Skizze des grauen Schuhs geschickt haben. Auch Präsident Bill Clinton rannte schon damals in den gedeckten Tretern rum. 

Seit drei Jahrzehnten hat der 990 nunmehr den Status eines ikonischen It-Pieces und sich zu einem Klassiker unter den erfahrensten Turnschuhliebhabern entwickelt. Besonders die Modelle mit der Kennzeichnung "Made in USA" sind Teil einer außergewöhnlichen Schuhkollektion, die in einer Fabrik in Lawrence in der Nähe von Boston von Hand gefertigt werden. Wir haben uns diesen Prozess vor Ort zeigen lassen.

(Hand-)Made in America

New Balance ist stolz darauf, das einzige Unternehmen zu sein, das viele seiner Sportschuhe in den USA herstellt. In fünf Fabriken im Raum New England produzieren über 1.300 Mitarbeiter jährlich 4 Million Paar Schuhe, insbesondere das Modell 990. Das große Label mit dem Schriftzug "Made in America" ​​ist seit Jahren ein angesehenes Symbol für die Qualität der in den USA hergestellten Schuhe. Aber nicht falsch verstehen: 75 Prozent der billigeren NB-Massenmodelle kommen aus Asien.

Vergleich des 990v5 (links) und des 990v4 (rechts) Foto: Piotr Nowak

Das anstehende Re-Release des 990 im Mai 2019 ist bereits die fünfte Generation des grauen Klassikers von 1982. Seit 40 Jahren erweiterte sich die 990er-Serie vom Klassiker auf die Modelle 995, 996, 997, 998, 999, 990v2, 991, 992, 993, 990v3 und 990v4. (Ich habe doch gesagt, dass das mit den Namen schwierig ist.) 

Die Fabrikhalle von New Balance in Lawrence bei Boston Foto: Piotr Nowak

NB 990 in der Herstellung – ein Besuch in der Fabrik

Bevor wir die Produktionshalle betraten, hörten wir eine kurze Geschichte der Marke inklusive eines lustigen Fun Facts: Der Name New Balance wurde von Hühnern inspiriert. Der Gründer von NB, ein Einwanderer aus Irland, William J. Riley, gründete 1906 eine Firma, die Einlagen herstellte. Seine Inspiration waren die Hühner, die es schafften, ihre Balance auf einem Bein zu halten. Vom Hühnchen zum Millionär – wenn das mal nicht der Inbegriff des amerikanischen Traums ist!

Was war zuerst da: das Huhn oder der Sneaker? Foto: Piotr Nowak

Das Erste, was nach dem Betreten des Fabrikgebäudes ins Auge fällt, ist der amerikanische Nationalstolz. In der Fabrik hängen bei jeder Arbeitsstation amerikanische Flaggen. An den Wänden kann man amerikanische Handwerkskunst und amerikanische Drucke sehen, die die amerikanische Qualität der amerikanischen Schuhe betonen, die von Amerikanern in Amerika mit (mindestens 70 Prozent) amerikanischen Materialien hergestellt werden. Für alle, die sich eben noch nicht sicher sind, ob das hier wirklich auch alles amerikanisch genug zugeht – das tut es.

So entstehen 990er in der Fabrik in der Nähe von Boston Foto: Piotr Nowak
Jeder Schuh besteht aus dutzenden Elementen Foto: Piotr Nowak
Die Sneaker-Fabrik von New Balance Foto: Piotr Nowak
NOIZZ bei New Balance Foto: Piotr Nowak
Die Teile lagern in der Fabrik Foto: Piotr Nowak
990er in the making Foto: Piotr Nowak
Im Werk in Lawrence arbeiten über 200 Mitarbeiter Foto: Piotr Nowak
Gute Laune bei der Belegschaft Foto: Piotr Nowak

Der Prozess der Schuhherstellung ist äußerst kompliziert. Jeder der Mitarbeiter führt in der Halle mal mit größeren und mal mit kleineren Maschinen entscheidende Schritte für die Entstehung des 990 durch: Vom Einfügen großer grauer Lederstücke in die Maschine zum Herausschneiden des charakteristischen Logos bis zum Zusammenkleben und Zusammennähen mehrerer Dutzend Elemente des Schuhs. Es gibt sogar Leute, die Kartons falten und Schuhe packen – alles wird in sorgfältiger Handarbeit gemacht.

Es war sehr interessant, diesen erstaunlichen Prozess zu beobachten, bei dem der Schuh Gestalt annimmt. Die Anzahl der an diesem Prozess beteiligten Personen und die Menge an Arbeit, die in die Herstellung eines Paar Sneakers investiert wird, haben einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Mir kam schnell die Erkenntnis, dass wir uns selten fragen, wie viel Mühe es kostet, etwas so einfaches wie ein Schuh zu machen, und dass wir das im Alltag kaum zu schätzen wissen. 

Der Ort, an dem der 990 produziert wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Fabrik. Es ist sehr laut, und an jeder Station haben die Mitarbeiter im Schnitt nur 22 Sekunden, um eine bestimmte Aufgabe auszuführen. Im Alltag vergisst man schnell, welche außergewöhnlichen Produkte in den Läden oder in den Paketen vor unserer Tür auf uns warten. 

Die Bedingungen in der New-Balance-Fabrik erschienen mir als Beobachter sehr angenehm und erfüllten sicherlich alle Normen: Alle trugen Schutzkleidung, es spielte Musik, die Angestellten unterhielten sich und scherzten, an den Wänden hingen Infos, die an wichtige Bewegungsübungen erinnern – "mindestens 5 Minuten in einer Stunde". 

Mir vorzustellen, wie es in großen Fabriken in Ländern der Dritten Welt aussehen kann, macht mir dagegen Angst. Wir sollten immer bedenken, dass diese Fabriken oft viel schlechter aussehen. Dass dort viele Menschen immer noch für ungeheuer niedrige Preise arbeiten und manche wegen der schlechten Arbeitsbedingungen sterben.

Vorlagen zum Schneiden der Elemente der Schuhe Foto: Piotr Nowak
Lauter 990er Foto: Piotr Nowak
Ein Angestellter Foto: Piotr Nowak

Bewusstes Einkaufen

Den Preis des neuen 990v5, dessen Herstellung wir von Anfang bis Ende begleiten durften, wissen wir bisher nicht, aber er wird wahrscheinlich zwei- bis dreimal höher sein als bei anderen saisonalen Wettbewerbsmodellen. Denn diese hohe Qualität kostet nun mal.

600 Paar werden in der Fabrik in Boston täglich produziert. Das liegt unter anderem daran, dass der aufwendige Produktionsprozess mehrere Stufen der akribischen, manuellen Qualitätskontrolle umfasst. Wir schauten uns die Schuhe an, die diese nicht bestanden hatten, und wären nicht die roten Punkte gewesen, die die Produktionsfehler markiert haben, wäre es wirklich schwer gewesen, einen Fehler an ihnen zu finden.

In der Flut von neuen Modellen, etlichen Kollabos und immer schneller und schlechter hergestellten Schuhen ist es wichtig, sich der Qualität der von uns gekauften Produkte bewusst zu werden und zu wissen, unter welchen Bedingungen sie entstehen. Die Tatsache, dass wir 100 bis 150 Euro für Schuhe ausgeben, bedeutet nicht unbedingt, dass sie von besserer Qualität sind als Schuhe der gleichen Marke im unteren Preissegment - häufig werden sie auf den gleichen Fließbändern, aus den gleichen Materialien hergestellt. Dennoch lohnt es sich in klassische Modelle wie den 990 zu investieren, der nicht nach einer Saison schon wieder billig im Sale vertickt und in nachhaltigen Fabriken wie der in Boston produziert wird.

Die 990 nehmen langsam Gestalt an Foto: Piotr Nowak
Und noch ein Schritt weiter Foto: Piotr Nowak
Fast fertig Foto: Piotr Nowak
Die Schuhe werden verpackt Foto: Piotr Nowak
Unser Team während der Reise nach Boston. Von links: Krzysztof Gonciarz, Piotr Bratosiewicz, Produktionsleiter, ich, Mateusz Załęski, Kamil Tomaszewski, Mikołaj Bagiński Foto: Piotr Nowak

Quelle: NOIZZ-Redaktion