Die Berliner Designerin Esther Perbandt war eine von drei FinalistInnen der Castingshow "Making the Cut" auf Amazon Prime Video. Wir haben sie gefragt, was die Teilnahme an Heidis neuem TV-Format ihr eigentlich gebracht hat – und was hinter den Kulissen so abging.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Ich bin in einer Generation groß geworden, in der seit 2006 jedes Jahr eine neue Staffel "Germany’s Next Top Model" lief. Formate wie "Project Runway" prägten mein Teenagerdasein und wie ich Mode verstehe sehr. Immer dabei: Heidi Klum.

>> Die London Fashion Week wird dieses Jahr die Modewelt revolutionieren – und du wirst dabei sein

Das Topmodel aus Bergisch Gladbach wirkt im deutschen Fernsehen oft einen Ticken zu aufgedreht, nichtsdestotrotz hat sie es im Laufe der Jahre geschafft, uns zumindest eins klar zu machen: Die High-Fashion gibt es zwar noch, aber wenn du als Model und auch als Designer das wirklich große Geld machen willst, musst du dich auch ein bisschen der Masse öffnen – möglichst ohne dich und deine Marke selbst zu verraten. Das ist eine zugegeben etwas eklige, kapitalistische Einsicht. Aber es hilft ja alles nichts.

Moderatoren und Mentoren bei "Making the Cut": Heidi Klum und Tim Gunn

Nach mehr als zehn Jahren Dauer-Heidi-Action im TV, kam eine Ankündigung von Amazon Prime dann eher wie ein müder Copy-Cat-Move daher. Am 27. März startete auf dem Streamingdienst ein Reality-TV-Format mit dem Titel "Making the Cut" – moderiert von niemand geringerem als Heidi Klum und Tim Gunn, ein bekanntes Duo aus der Designer-Challenge-Show "Project Runway", in der sich Jungdesigner austoben durften.

Die Idee bei “Making the Cut”:

Zwölf etablierte Designer sollen ihre Fähigkeiten in der Sendung auf die Probe gestellt: Eine Jury, neben Heidi bestehend aus Modelikone Naomi Campbell, Designerin und Ex-It-Girl Nicole Richie, der italienischen Modebloggerin Chiara Ferragni, die Ex-Chefredakteurin der französischen Vogue, Carine Roitfeld sowie der US-Designer Joseph Altuzarra, bewerten die Teilnehmer auf künstlerischen Aspekte und ob, sie das Zeug haben, ihr eigenes Geschäft zu führen – was im Zweifel die meisten Teilnehmer ohnehin schon haben.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus YouTube
Um mit Inhalten aus YouTube und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Das Konzept kommt einem also bekannt vor. Nun, knapp einen Monat nach Start der Show, steht das Finale an. Von den zwölf Designern noch dabei sind: Johnny Cota aus Los Angeles, der Belgier Sander Bos aus Hasselt und als einzige deutsche Designerin Esther Perbandt aus Berlin. Zehn Folgen, die knapp eine Stunde lang sind, sollten genug Zeit sein, um zu bewerten, ob "Making the Cut" nur ein neues "Project Runway" ist – oder aber die bessere Fashion-Show, die vielleicht auch Probleme und Herausforderungen im Business von Designern zeigen kann.

Und wer könnte uns da besser einen Einblick geben, als jemand, der im Finale mit dabei war?

Esther Perbandt hat 2004 ihre eigene gleichnamige Modemarke in Berlin gegründet. Ihr Markenzeichen: Schwarz. Ihre Kollektionen ist so ziemlich der Inbegriff des "Everything Black"-Trends in Berlin. Sie hat einen Masterabschluss in Mode- und Textildesign am renommierten Institut français de la mode in Paris absolviert. Sie arbeitete bereits mit Künstlern aus den Bereichen Musik, Film und Fotografie zusammen, wie etwa Rammstein, Till Lindemann, Sven Marquardt, Sven Helbig und Zoran Bihać.

Esther weiß also wie der Hase läuft – und trotzdem hat sie bei "Making the Cut" mitgemacht

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

"Ich wollte so etwas eigentlich nie machen", sagt Esther am Telefon. Wenn etwas nicht zusammenpasse, dann Esther Perbandt und so eine Show – das stand für sie fest. Nachdem sie im vergangenen Januar aber eine Casting-Agentur aus Los Angeles angeschrieben habe, ob sie sich nicht für diese Show bewerben wolle, ließ sie sich Zeit mit der Antwort. "Irgendwann dachte ich: 'Was habe ich überhaupt zu verlieren?‘", erinnert sie sich.

Vor zwei Jahren traf Esther eine Entscheidung: keine Modemessen mehr. Und damit auch: keine großen Kunden. "Ich war es leid, mich auf die Messen zu stellen und darauf zu warten, zu hoffen, dass ein Einkäufer vorbeikommt", sagt sie. Ihre Kollektion sei dafür nicht gemacht, jedes halbe Jahr etwas Neues zu machen, nach zwei Monaten lande alles wieder im Sale. "Ich mache nun mal hauptsächlich Sachen in Schwarz – das sind alles Klassiker. Die sollen eine lange Lebenszeit haben und sind hochwertig produziert." Das wissen ihre Kunden auch zu schätzen – trotzdem macht es die Sache nicht einfacher.

Erwartungen und Realität

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Schließlich war es doch ein Sprung ins kalte Wasser, wie sie mit einem Lachen verrät: "Ich oder viel mehr Amazon hatten das Glück, dass das die erste Staffel war." In den Vorab-Gesprächen wurde immer betont, dass das ganz anders sein werde, als vergleichbare Formate: Für etablierte Designer, die Aufgaben gehen viel mehr ums Business – nicht so sehr darum, jede Folge ein neues Teil zu entwerfen. "Das habe ich natürlich geglaubt."

Wenn sie damals gewusst hätte, was auf sie zukommen würde, hätte sie niemals zugesagt. In jeder Folge müssen die Designer nämlich natürlich doch unter Zeitdruck in zwei Tagen neue, innovative Teile kreieren, sogar selber nähen. "Wir arbeiten einfach nicht so", erklärt Esther. "Auch, dass wir nicht zusammen mit den Schneiderinnen vor Ort gearbeitet haben, ist unrealistisch: Wir haben die Anweisungen auf Papier gebracht und mussten abends hoffen, dass sie es so umsetzen, wie wir es uns vorgestellt haben."

Allerdings war genau das auch eine tolle Herausforderung für sie. In der achten Folge ging es darum, die eigene Marke voranzubringen. Dafür sollten die Designer für eine Laufstegshow drei Looks kreieren, die eine neue Facette der Marke zeigen – dafür durften alle mit einem richtigen Team zusammenarbeiten. "Ich glaube, deswegen hatte ich dann da auch so einen Spaß daran, im Team mit den Schneiderinnen zu arbeiten – weil ich dann genauso arbeiten kann, wie ich normalerweise arbeite."

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Kreativität vs. Business

Sie bereue es aber auf keinen Fall, mitgemacht zu haben: "Es war die beste Entscheidung meines Lebens!" Für sie war die Teilnahme eine sehr persönlich Reise. Auch wenn sie vorher skeptisch war, ob diese Entscheidung wirklich richtig für ihre Marke war: "Auf dem Weg zum Flughafen nach New York habe ich im Taxi noch geheult, weil ich dachte, ich mache den größten Fehler meines Lebens!" Die Show habe ihr aber auch gezeigt, wie wichtig ihr die kreative Seite an ihrem Beruf ist – etwas, dass sie fast vergessen hatte. "Es war so fantastisch für mich, wochenlang nur kreativ sein zu dürfen. Das hatte ich 16 Jahre lang nicht mehr". Normalerweise sitze sie die meiste Zeit vorm Rechner, telefoniere und organisiere die Produktion.

>> Adidas Originals x Girls Are Awesome: Die neue Kollektion kann viel mehr als gut aussehen

Auf der anderen Seite, spielt "Making the Cut" aber auch mit Dingen, die vielen Modemachern ein Dorn im Auge sein dürften. Vieles dreht sich in der Show um verkaufbare Mode, etwas, dass den Geschmack der Masse trifft als ultimatives Verkaufsargument. Kein Wunder, schließlich kann der Gewinner der Show seine Kollektion exklusiv auf Amazon vertreiben und bekommt eine Millionen Dollar. Alle Challengegewinner landen ebenfalls direkt auf Amazon und können dort gekauft werden – das betont Heidi auch oft genug. Fast so, wie bei GNTM, wenn sie anfängt: "Nur eine kann Germany’s Next Topmodel werden ..."

Die "Making the Cut"-Jury in Paris

Auch Esther wurde an ihre Grenzen gebracht: Ihre Designs sind eben nun mal in Schwarz gehalten. In der Show machten ihr die Juroren mehrmals klar, dass das aber gerade beim Onlineshopping vielleicht nicht so vorteilhaft ist – weil Farbe eben eher auffällt. "Ich wusste, dass es passieren würde", erklärt Esther. "Es war aber wahnsinnig anstrengend, mich immer wieder verteidigen zu müssen." Das führte dann auch dazu, dass sie etwa ein goldenes Kleid nur aus Plastikstoff schneiderte.

"In dieser ganzen Reise bei 'Making the Cut' hatte das auch seine Berechtigung. Ich wollte einfach symbolisieren, dass ich Licht in meine Arbeit bringen will", sagt Esther heute über das Kleid. Sie findet aber auch, dass diese Konfrontation eine super Schule für sie war. Die Jurysitzungen seien in der Show extrem zusammengeschnitten. "Wir haben sehr intensives Feedback bekommen, manchmal ging das drei Stunden lang. Es war nicht nur: ‘You are making the cut’ oder ‘You are not making the cut’."

Ist „Making the Cut“ Homeshopping 2.0?

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Bleibt nur noch die Sache mit dem faden Beigeschmack, dass sich selbstständig Designer und Künstler mit dieser Show dann doch irgendwie in die Abhängigkeit des millionenschweren Konzerns Amazon begeben. Auch Esther hat sehr lange darüber nachgedacht und kommt gerade jetzt im Hinblick auf die Coronakrise zu einem sehr durchdachten Fazit.

„Ich bin drei Mal froh, dass ich vergangenes Jahr den Mut hatte, das einfach mitzumachen“, sagt sie. Die Monate habe sie alles nur auf den Showstart ausgerichtet, um digital top dazustehen: Neue Website, neuer Onlineshop, mit einem neuen Konzept für Instagram, sie hat SEO optimiert, dafür gesorgt, dass sie weltweit verschicken kann und ihre Produktauswahl vergrößert. „Das war auch meine Idee: dass ich als Forscherin, wie Alexander von Humboldt dieses neue Terrain entdecke. Ich nutze das, damit meine Marke in Zukunft überleben kann“, betont die Designerin. Das bedeutete für sie vor allem, sie muss mich digital aufstellen. „Ich kann nicht nur darauf hoffen, dass einige vorbeikommen und hier im Laden kaufen.“

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Instagram
Um mit Inhalten aus Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Die Modewelt verändert sich

Sie habe nun das Gefühl, sie sei anderen jetzt etwas voraus. "Von wem, wenn nicht von Amazon soll ich lernen, wie ich in Zukunft überleben kann? Klar ist es irgendwo Teleshopping – aber nicht nur. Es ist auch unterhaltend", findet sie. Es werde sich in den nächsten Jahren wohl viel in der Branche ändern. Dass sie in "Making the Cut" noch in die Modemetropolen dieser Welt gereist ist, nach Paris, Tokio, Los Angeles, empfindet sie ein bisschen als ein Privileg aus der Vergangenheit. "Ich werde damit auf jeden Fall anders umgehen."

Sie fände es spannend, zu sehen, wie sich unsere Welt gerade extrem verändere. "Auch im Hinblick auf Fashion Weeks: Muss ich zweimal im Jahr eine Show zur Fashion Week machen, auch wenn sich der Markt eher digital ausrichtet?" Das seien für sie alles Aspekte, die für mich da auch reinfallen, alles etwas nachhaltiger zu gestalten. Am Ende gewinnt "Making the Cut" wohl nicht unbedingt den Titel "das bessere Fashion-Show-Format".

>> Warum Latex gerade der heißeste Scheiß ist, den die Modewelt zu bieten hat

Aber es hat den Zuschauern einen Einblick gegeben, in welche Richtung sich das Business wandelt und vor welchen Herausforderungen Modemacher heutzutage einfach stehen – und es geht nicht nur Esther Perbandt so. Der Spagat zwischen eigener Identität als Modemarke und kommerziellen Verkaufsstrategien wie beim Onlineriesen Amazon, werden den Wettbewerb in Zukunft noch viel stärker prägen. Insofern kann man "Making the Cut", ähnlich wie Esther es verstanden hat, auch als Chance sehen, von der Designer etwas lernen und mitnehmen können – und die kritischen Aspekte nicht außen vor lassen.

  • Quelle:
  • Noizz.de