Lipgloss ist der beste Beauty-Trend, den uns 2018 beschert hat

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Auch Ariana Grande riskiert in ihrem Video zu „thank u, next“ 'ne glossy Lippe. Foto: Screenshot / Youtube / Ariana Grande / Screenshot / Youtube / Ariana Grande

Nostalgie Level 100.

Erinnert ihr euch noch an eure erste Tube Lipgloss? Damals, irgendwann in der fünften, sechsten Klasse, early 2000er: Für einen knappen Euro gab's die durchsichtigen Glosse im Drogerie-Markt oder gratis als Beilage der Bravo-Girl-Zeitschrift. Die lagen im Taschengeld-Budget, gingen bei den Eltern als flüssige Lippenpflege durch und rochen nach unfassbar künstlichem Erdbeer- oder Vanillearoma.

Wenn man zu viel davon auftrug, zogen sie Fäden auf den Lippen. Auf Tassen, Gläsern und Trinkflaschen hinterließen sie hartnäckige Abdrücke. Die Haare musste man prinzipiell IMMER in einem Zopf tragen, wollte man sie nicht permanent am schmierigen Mund kleben haben. An Essen, oder – Gott bewahre – Knutschen, war gar nicht erst zu denken.

Trotzdem fühlte man sich auf dem Pausenhof direkt wie ein verlorenes Mitglied der Sugababes und nutze jede Fünf-Minuten-Pause, um auf der Mädchentoilette einen kurzen Blick in den heiß umkämpften Spiegel zu erhaschen – bis man irgendwann so schlau wurde, einen Taschenspiegel in der Vordertasche seines Eastpack-Rucksacks mit sich herum zu tragen. Diesen hat man dann stolz während des Mathe-Unterrichts an alle Freundinnen verliehen, die ebenfalls nicht genug vom eigenen Spiegelbild bekommen konnten.

Lipgloss war nicht nur irgendein Kosmetikprodukt: Lipgloss war das OG Beauty Geheimnis jedes Mädchens. Er schmeckte nach den heiß ersehnten Abenteuern des Teenie-Daseins, nach MTV-Moves und Erwachsen-werden. Aber dem coolen Erwachsen-werden, nicht dem schweren, pudrig-riechenden Lippenstift-Erwachsenwerden.

Die Sammlung verschiedener Geschmacksrichtung und Sorten (viel Schimmer, extra Schimmer, Overload-Schimmer) verbannte bald die kindliche Glitzerstift-Sammlung aus dem Mäppchen – ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, an dem Diddlemaus- und Medizini-Poster von Mary-Kate-und-Ashley-Olsen-Postern verdrängt wurden, und Rihanna ihre ersten Hit landete.

Der Lipgloss war ein Symbol, eine Bewegung, ein Lebensbegleiter durch die Pubertät vieler Millionen Frauen. Er hatte eine Daseinsberechtigung und einen Platz in unseren Herzen – bis er kaltherzig von seinem Beauty-Thron gestoßen wurde. Denn mit den 2010er Jahren kam, sah und siegte ein neuer Lippen-Trend: Matt war plötzlich angesagt.

Die spachtelmasse-artigen Texturen der neuen Lippen-Cremes, Pasten und Stiften entzogen unseren Lippen nicht nur alles, was jemals an Feuchtigkeit da war, nein, sie verbannten auch jeden noch so kleinen Schimmer-Partikel aus unseren Gesichtern. Aus feucht-glänzenden Mündern wurden staubtrockene Sahara-Lippen. Wie festbetoniert saßen die neuen Beauty-Produkte auf ihnen – standhaft, wasserfest, konsequent.

Plötzlich reichte kein freundlich-glitzerndes Ein-Euro-Produkt mehr, um sich einen hübschen Mund zu schminken: Foundation, Primer, Lipliner, Lippenstift und Puder waren nötig, um den aufwendigen YouTube-Tutorials der ersten Make-Up Gurus folge zu leisten.

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Der Hustle, das ganze Konstrukt haltbar zu machen, ohne bröselte Lippenstift-Spuren wie Hänsel und Gretel hinter sich zu verteilen, ließ die klebrige Lippgloss-Auftragerei der Jahre davor wie eine unbeschwerte Wellness-Behandlung wirken.

Hauptverantwortlich für den neuen Trend: Kylie Jenner, die sich die Lippen erst bis ins scheinbar Unendliche aufspritzen ließ, um dann Millionen Dollar mit ihren Lip-Kits in jedem erdenklichen Nude-Ton dieser Erde zu verdienen.

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Dicke Puderschichten und starkes Contouring vervollständigten den beliebten Make-Up-Trend. Doch zum Glück gelten auch in der Beauty-Industrie die strikten Zyklen der Verkaufbarkeit eines Produktes: Ist ein Trend zu ausgeschlachtet, um noch Geld damit zu verdienen, muss schnell ein neuer her. Und am besten ein möglichst konträrer. So war es abzusehen, dass auf „matt“ ziemlich schnell „glänzend“ folgen würde. Schimmernder Highlighter ließ Wangen innerhalb kürzester Zeit wie Reflektoren strahlen.

Der Begriff der „Glass Skin“, strahlender Porzellan-Haut, kam auf. Die Wiederentdeckung des Schimmers, in Kombination der umfassenden Obsession, die unsere Generation mit allem aus den Neunzigern und frühen Zweitausendern hat (Ugly Sneaker, Animal-Print und Choker), ließ die Wiederauferstehung des Lipglosses nur eine Frage der Zeit werden.

Wer genau die flüssige Schminke wieder zum Trend machte? Auf jeden Fall Rihanna, die den Lipgloss mit ihrer erfolgreichen Brand „Fenty Beauty“ schon im Sommer vergangenen Jahres ordentlich promotete – und dabei so unfassbar lässig und heiß wirkte, dass man gar nicht verstehen konnte, wie der hotte Look der R'n'B-Queen jemals aus der Mode kommen konnte:

Auch „Kylie Cosmetics“ und Kim Kardashians Brand „KKW Beauty“ zogen schnell hinterher.

Und spätestens als Ariana Grande im Dezember schließlich ihr Video zu „thank u, next“ veröffentlichte, war klar: Der Lipgloss ist Ende 2018 definitiv wieder aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

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Seine Rückkehr ist für mich das erfreulichste Comeback des Jahres 2018 – und ich hoffe, dass er sich 2019 hartnäckig an unseren Lippen hält. Denn seien wir ehrlich: Welches Beauty-Produkt hat so viel Nostalgie-Faktor, lässt uns emotional so sehr an Früher zurückdenken und ist dabei gleichzeitig so einfach anzuwenden? Eben.

Man munkelt, die neuen Glosse hätten sogar die klebrige Textur ihrer Vorgänger abgelegt. Das künstliche Erdbeeraroma darf die ein oder andere Kosmetikmarke aber ruhig beibehalten! Außerdem sehen unsere Lippen damit so schön prall aus, das wir über Schönheit-OPs á la Jenner/Kardashians nur noch müde lächeln können. Win-Win. Und das im besten Fall für einen knappen Euro.

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Quelle: Noizz.de